# taz.de -- Neue Romane aus Frankreich: Selbstbestimmung in einer ungerechten Welt
       
       > Nach Annie Ernaux und Édouard Louis: Neue Romane aus Frankreich von Laura
       > Vazquez und Thibault Daelman hauchen der Herkunftserzählung neues Leben
       > ein.
       
 (IMG) Bild: Leid und Möglichkeiten der Herkunft: Hochhaussiedlung am Pariser Stadtrand in der Nähe vom Bezirk La Defense
       
       Frankreich ist das Mutterland der autofiktionalen Herkunftserzählung, hier
       lebt die mit dem Nobelkreis gekrönte Königin dieses Genres: Annie Ernaux.
       Mit männlichen Mitstreitern wie [1][Didier Eribon] und [2][Édouard Louis]
       klagte sie eine ungerechte Klassengesellschaft an, denn im Europa der
       ausgehenden 1990er Jahre bestimmte verstärkt die soziale Herkunft über das
       persönliche Schicksal. Die in der Nachkriegsgesellschaft durch
       Bildungsexpansion und Wohlfahrtsstaat aufgestoßenen Handlungsfenster für
       die, die qua Herkunft nicht über die notwendigen ökonomischen Mittel
       verfügten, schlossen sich wieder.
       
       Ihre Romane waren erste Warnmeldungen für eine populistische Revolte, die
       ab 2016 alle westlichen Gesellschaften ergriff: Brexit, Trump, AfD. Die
       Literatur war der Gesellschaft voraus, spürte Frustrationen und
       Enttäuschungen der vermeintlich Abgehängten, bevor sie im politischen und
       medialen Diskurs präsent waren. Ein Mittel: literarpopulistische Anklagen
       an das System aus einer linken Perspektive („Wer hat meinen Vater
       umgebracht“, Édouard Louis).
       
       Allein: Schon als im Jahr 2017 der heutige US-amerikanische Vizepräsident
       J. D. Vance [3][ein ähnliches Buch („Hillbilly Elegie“)] mit konservativer
       Schlagrichtung vorlegte, wurde man stutzig. Er bediente sich darin des
       gleichen gegen die Elite gerichteten Populismus. Nur eben unter rechten
       Vorzeichen – seine Mittel sind die gleichen. So wohltuend (zumindest von
       linker Seite) und wichtig die Klagen waren, ist heute in einer
       Gesellschaft, in der populistische Vereinfachung Gräben schafft, wieder
       literarische Innovation nötig, die auch Widersprüche erträgt.
       
       ## Jung, queer, weiblich, Arbeiterklasse
       
       Jetzt haben ausgerechnet wieder zwei junge französische Stimmen Romane
       vorgelegt, die eine andere Richtung einschlagen. Mit neuen ästhetischen und
       inhaltlichen Impulsen hauchen Laura Vazquez und Thibault Daelman dem Genre
       der Herkunftserzählungen neues Leben ein.
       
       Die ersten Seiten von Laura Vazquez’ zweitem Roman „Die Kräfte“ lesen sich
       wie eine Blaupause jeder Herkunftserzählung. Eine junge queere Frau aus der
       Arbeiterklasse leidet darin an den Fesseln, die ihr eine homophobe
       Klassengesellschaft angelegt hat. Die namenlose Ich-Erzählerin geht den
       alltäglichen Ausdrucksformen dieser gesellschaftlichen Disziplinierung auf
       den Grund, sie machen sich bis in den innersten familiären Kosmos in jeder
       Interaktion bemerkbar: „Die Verflachung der Persönlichkeit ist ein normaler
       Prozess. Er zerstört die Einzigartigkeit des Individuums zugunsten einer
       uniformen Anonymität.“
       
       Über unzählige Seiten erstreckt sich dieses Leiden an der Gesellschaft,
       beim Lesen wird man irgendwann stutzig – meint die Erzählerin oder die
       Autorin das ernst? Handelt es sich etwa um ihr eigenes Schicksal? Vieles
       liest sich wie der innere Monolog einer Erstsemester-Powi-Studentin, der im
       Lektürekurs „Das Kapital verstehen“ ein Licht aufgegangen ist: „Meine
       Eltern liebten die Norm, und zwar abgöttisch. Anbetung schützt davor, sich
       selbst anstrengen zu müssen. Die Norm setzt dir ein Ziel. In unserer
       Zivilisation ist das Ziel, das die Norm dir setzt, ein ökonomisches“.
       
       ## Gezwungen zum Aufbegehren
       
       In der Entdeckung ihrer Queerness sieht die Erzählerin sich gezwungen,
       aufzubegehren. Ihre Gewissheiten über die eigene Unfreiheit kommen ins
       Wanken, als sie queere Dating-Apps entdeckt. Wie ist das in einer
       heteronormativen Gesellschaft möglich?
       
       Sie trifft sich mit Frauen in Cruising Areas, wird in einer Bar in die
       lesbische Subkultur eingeführt. Doch auch hier stellt sie enttäuscht fest:
       Alle denken in vorgefertigten Mustern. Endlich wachgerüttelt aus ihrem
       Selbstmitleid wird sie von Claudie, die ihr als „eine alte, sehr mächtige
       Lesbe“ vorgestellt wird: „Du glaubst, ‚die anderen‘ würden sich der
       Gemeinschaft unterordnen, ja sogar unterwerfen. Du glaubst, ‚die anderen‘
       würden Worte gedankenlos nachplappern und ihre Geschichte ignorieren. Aber
       was ist mit dir? Mit deinem Schwarz-Weiß-Denken? Kausalität oder freier
       Wille. Überzeugungen oder Tatsachen. Determiniertheit oder Autonomie.
       Hältst du dich für originell? Das ist ein alter Schuh, so alt wie Saturn.“
       
       Ab diesem Zeitpunkt wird „Die Kräfte“ zu einem Fest. Die Handlung kippt ins
       Surreale und verlässt die falsch gelegte Spur der konventionellen
       Herkunftserzählung. Vazquez spielt mit den Erwartungen der Leser:innen
       an einen authentischen Bericht aus der Gosse und unterläuft sie gekonnt –
       hier geht es gar nicht um das Leben der Autorin. Stattdessen schickt die
       mächtige Lesbe die namenlose Protagonistin durch ein Portal auf eine Reise
       in eine Parallelwelt, um ebenjener Frage auf den Grund zu gehen, den
       Herkunftsliteratur häufig bewusst ignoriert: Wie kann man wieder
       Selbstbestimmung in einer ungerechten Gesellschaft erlangen?
       
       ## In der Parallelwelt
       
       Vazquez begegnet dieser Frage ohne ideologische Voreingenommenheit à la
       „Jeder ist seines Glückes Schmied“. Ihre Protagonistin trifft auf ihrer
       Reise einen Sozialarbeiter, der an der Absurdität von Bürokratie, die den
       Menschen nicht helfen möchte, zugrunde geht. Er landet in der Parallelwelt,
       wo er sich fortan wie ein Versicherungsvertreter kleidet. Oder auch einem
       Sektenvertreter, der der Besucherin drei verschiedene Sekten mit
       unterschiedlichen Deutungsangeboten schmackhaft macht – mindestens so viele
       Deutungen bietet auch der Roman der 40-jährigen Französin mit spanischen
       Wurzeln Laura Vazquez, legt sich abschließend nicht fest.
       
       Ähnlich virtuos tobt sich Thibault Daelman in seinem Debütroman
       „Schattengrenze“ aus, allerdings unter ganz realistischen Vorzeichen.
       Klassisch autofiktional erzählt der 36-jährige Franzose von seiner Jugend
       in einer kinderreichen Arbeiterfamilie in der Pariser Banlieue, der Vater
       ist Alkoholiker. Ein ähnliches Ausgangssetting also, das Daelman aber
       dadurch aufbricht, dass er Fenster von Handlungsmöglichkeiten und
       Selbstbestimmung öffnet.
       
       In der Figur der Mutter kommen die ungerechte Klassengesellschaft und das
       Patriarchat zusammen. Mit fünf Söhnen muss sie ihren arbeitslos
       rumhängenden Mann ertragen, sie beleidigt ihn tagtäglich und schafft sich
       Freiraum, indem sie andere Männer mit nach Hause bringt. Und der Ehemann?
       Wird einfach auf das Sofa abgeschoben. An dem sensiblen Sohn, der aus der
       Ich-Perspektive berichtet, geht das natürlich nicht spurlos vorbei. Die
       rohe Sprache der Mutter tränkt den Alltag in Gewalt.
       
       ## Wiedererlangung von Würde
       
       Trotzdem – noch so eine Ambivalenz – kümmert sich die Mutter um ihre Söhne,
       sorgt dafür, dass sie auf eine Privatschule gehen können. Überall da, wo
       Autoren wie Édouard Louis Fenster zuschlagen, öffnet Daelman sie. In dem
       Elend, das die winzige Wohnung der Familie ohne Zweifel darstellt, flüchtet
       sich der Sohn in die Sprache, die dieser Widersprüchlichkeit eine Form
       verleiht: „Ich würde das Leben gerne hassen, aber giere nach ihm. Mein Hirn
       bringt Gedanken hervor, zu denen ich außerstande bin. Meine Augen hungern
       nach einer Welt, vor der mir graut.“
       
       Das ist explizit nicht als sedierend zu verstehen im Sinne von: So schlimm
       ist es dann doch nicht. Sondern als Wiedererlangung von Handlungsmacht und
       Würde. Alle Figuren in diesem Roman kommen zu ihrem Recht, liebevoll und
       zugleich ehrlich werden sie dargestellt: „Unabhängig von der Art der
       Trunkenheit berauschte sich die – in der Tat schräge – Dame vor allem und
       besonders an Gedichten“, heißt es dort über eine alkoholkranke
       Französischlehrerin, die ihren Schülern die Begeisterung für Literatur
       eröffnet.
       
       Ironischerweise ist die einzige Figur, die ihr Fett wegbekommt, die eines
       Klassenübergängers, der einen sozialen Aufstieg hingelegt hat.
       Normalerweise dominiert diese Figur die Handlung autofiktionaler
       Herkunftsromane als Protagonist, bei Daelman kommt er nur in Form eines
       versnobten Bruders vor, der es an eine Elitehochschule geschafft hat.
       Seinen eigenen sozialen Aufstieg, von dem die Veröffentlichung dieses
       Romans zeugt, macht Daelman hingegen nicht zum Teil der Handlung. Er
       entgeht dadurch der Falle, retrospektiv sich seiner proletarischen Familie
       zu entheben und ihre Andersartigkeit zu sezieren.
       
       Daelman und Vazquez sind zwei bemerkenswerte Auseinandersetzungen mit der
       Wirkmächtigkeit sozialer Strukturen gelungen. Zu einem eindeutigen Urteil
       lassen sie sich nicht verleiten, im Gegenteil: Ungerechtigkeiten werden
       zwar benannt, aber nicht auf einen Nenner heruntergebrochen. Sie tun das
       mit einer ganz eigenen Sprache, die Worte für die Gleichzeitigkeit von
       Glück und Elend findet.
       
       4 Oct 2026
       
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       ## AUTOREN
       
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