# taz.de -- In Zeiten der Zeitenwende: Wir sind nicht die Guten
> Eine neue Friedensbewegung wäre dringend notwendig. Viel zu lange wurde
> das Thema moralisch selbstgewiss den Falschen überlassen.
(IMG) Bild: Es wird Zeit für eine neue Friedensbewegung
Wenn man in Deutschland auf die siebzig zugeht, schaut man auf eine lange
Zeit des Friedens zurück. Manchmal sehe ich jetzt 30-Jährige oder 3-Jährige
und frage mich: Werdet ihr Krieg erleben? Wohin man schaut, Werbung für die
Bundeswehr, Artikel über Zivilschutz, die geringe Zahl an Bunkerplätzen,
die Bedrohung durch Russland. Und eine nie da gewesene Aufrüstung: 600
Milliarden Euro werden in Deutschland recht geräuschlos bis 2029 dafür
bereitgestellt. Zum Vergleich: Die „Rente mit 63“ kostet pro Jahr 10
Milliarden. Habe ich zu viel Geschichte studiert, wenn mir der Gedanke
kommt: „Es fühlt sich an wie eine Vorkriegszeit“? Und es könnte kommen, wie
es schon manchmal kam: Alle fühlen sich im Recht – und dann beginnt das
Grauen.
Aber sind „wir“ nicht wirklich im Recht? Das Kernargument wurde gleich nach
dem russischen Angriff auf die Ukraine formuliert: Dieser brutale Bruch des
Völkerrechts bedeute eine „Zeitenwende“, die regelbasierte internationale
Ordnung werde von Russland zerstört. Und weil die Schuld so offenkundig
war, musste man sich nicht länger mit der Frage aufhalten, wann und wo
eigentlich diese regelbasierte Ordnung je existiert habe.
## Eine Chronik von Völkerrechtsbrüchen
Dabei ist auch die jüngere Geschichte des Westens eine Chronik von
Völkerrechtsbrüchen, vom Vietnamkrieg über den Einmarsch im Irak und die
über Jahrzehnte tolerierten Völkerrechtsbrüche Israels bis zum jüngsten
Angriff auf den Iran. Die zynische Formel lautet: Der Westen steht fest zur
regelbasierten Ordnung – solange es um die andere Seite geht. Diese
Doppelmoral erklärt auch die viel beklagte Tatsache, dass der Globale Süden
nach Putins Überfall auf die Ukraine recht unbeteiligt reagierte. Natürlich
spielen da auch Abhängigkeiten von Russland mit hinein, vor allem aber ein
klarer Blick dafür, dass der Westen nicht in der moralischen Position ist,
anderen in diesen Fragen Belehrungen zu erteilen.
Seltsam, wie wenig diese simplen Tatsachen im dominierenden Diskurs
hierzulande vorkommen. Der folgt wie benommen seinem
Wir-sind-im-Recht-Mantra. Im Internet aber hört man dann all die anderen
Stimmen. Es sind, neben manchen verrückten Stimmen, auch maßvolle,
erfahrene, besorgte. Etwa die eines Günter Verheugen, Klaus von Dohnanyi,
Jeffrey D. Sachs. Dass der eine mal als fähiger EU-Kommissar galt, der
andere als intellektueller Lichtblick des deutschen Politikbetriebs, der
dritte als renommierter Ökonom und UN-Sonderberater, das alles zählt
offenbar nicht.
Jetzt wird ihre komplette Argumentation damit abgefertigt, sie bedienten
russische Narrative. Die Frage ist aber nicht, ob sie in jedem einzelnen
Punkt recht haben – das haben andere auch nicht. Die Frage ist, ob ihre
Argumente innerhalb dessen liegen, was in einem vernünftigen Diskurs zu
besprechen wäre. Sie liegen weit innerhalb, werden aber dennoch kaum je
ernsthaft erwogen.
Oder ist die Bedrohung so groß, dass die Reihen schärfer geschlossen werden
müssen? Auch hier hilft ein Blick in die Wirklichkeit. Russlands
Wirtschaftskraft liegt bei der Hälfte der deutschen, also einem Bruchteil
dessen, was allein Mittel- und Westeuropa auf die Waage bringen. Gewiss
kann ein Regime wie das Putins seine Ressourcen viel rabiater mobilisieren
und auf Kriegswirtschaft umstellen. Dennoch stößt auch das an Grenzen.
So hat das Repräsentantenhaus in den USA gerade ein neues umfassendes
Sanktionspaket gegen Russland verabschiedet. Russland selbst dürfte in
absehbarer Zeit keinen Angriff auf die Nato riskieren, konstatierte
unlängst selbst der Nato-Oberbefehlshaber in Europa Alexus Grynkewich. Das
heißt nicht, dass von Russland keine Gefahr ausgehe, es ist nach wie vor
eine Atommacht. Das Übrige aber, die hybriden Attacken, die
Drohnenangriffe, muss man richtig einordnen: Asymmetrische Kriegsführung
ist immer das Mittel der Schwächeren. Selbstverständlich muss man sich
dagegen wehren.
## Jenseits eines diffusen „Wir sind für Frieden“
Gerade jetzt wäre Zeit für eine neue Friedensbewegung. Nur – welche
inhaltliche Richtung könnte sie haben? Jenseits eines diffusen „Wir sind
für Frieden“? Es rächt sich, dass hierzulande über Jahre hinweg keine
offene Debatte dazu stattfand. Und dass jeder Aspekt, der nicht in die
westliche Binnenerzählung passte, als „rechts“ oder Putin-nah diffamiert
wurde. Zugleich verursacht dies, indirekt und ungewollt, enormen Schaden
für die politische Kultur: Gewisse relevante Fragen werden nur noch von
„den Falschen“ gestellt, etwa von der AfD oder dem Narzisstenduo Sahra
Wagenknecht und Oskar Lafontaine. Mit denen gemeinsam möchte man nicht mal
für den Frieden sein.
Es ist ein Desaster. Es fehlt eine internationale Friedensbewegung mit
einer nüchternen, humanen, freiheitlichen Grundierung. In Richtung Russland
müsste sie unmissverständlich ein Ende des barbarischen Angriffs auf ein
souveränes Land fordern. In Richtung Westen aber wäre ihr erster Leitsatz:
Wir sind nicht die Guten. Wir sind mächtiger, es lebt sich bei uns
angenehmer, aber die Arroganz des Westens muss an ein Ende kommen.
Es wäre keine Friedensbewegung der verträumten Art. Vielmehr hätte sie
klare völkerrechtliche Maßstäbe. Zugleich aber einen pragmatischen
realpolitischen Ansatz, der feststellt: Die mächtigsten Player dieser Welt,
die USA, China und eben auch Russland werden sich noch für lange Zeit
niemals wirklich Regeln unterwerfen. Das ist eine unerfreuliche Tatsache.
Aber es ist eine, und keiner ist in der Position, dem anderen moralische
Ansprachen zu halten. Auf dieser Grundlage kommt es schlicht darauf an, die
gefährlichsten Potenziale einzuhegen und bei allen Unterschieden die
Interessen der anderen Seite zähneknirschend zu berücksichtigen. So wie
dies im Kalten Krieg über Jahrzehnte gelang.
Es gälte, wie es Gustav Stresemann, Außenminister der Weimarer Republik,
einmal sinngemäß formulierte, mit heißem Herzen kühle Politik zu machen.
Auf diese Weise könnten sich dann neue Wege für Gespräche und Verhandlungen
öffnen und friedlichere Verhältnisse schrittweise in Reichweite kommen.
18 Sep 2026
## AUTOREN
(DIR) Wolfgang Müller
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