# taz.de -- Doku-Drama zu Sprengstoffanschlag: Der Wille zum Bombenerfolg
       
       > Mit „Die Thomaskatastrophe“ reitet das Stadttheater Bremerhaven die
       > True-Crime-Welle. Gegenstand ist der erste Bombenanschlag der Welt mit
       > Zeitzünder.
       
 (IMG) Bild: Frank Auerbach gibt den herzenskalten Massenmörder als charmanten Gentleman
       
       Das erste Zeitbombenattentat der Welt hat mehr als 80 Menschen das Leben
       gekostet und Hunderte verstümmelt. Dabei erfolgte die Explosion nicht
       einmal, wie geplant, auf hoher See, sondern bereits beim Beladen des
       Transatlantik-Dampfers „Mosel“.
       
       In ganz Europa und in Amerika wurde seinerzeit mit Entsetzen über das
       Verbrechen berichtet. [1][Am Ort des Geschehens aber, in Bremerhaven], hat
       sich der 11. Dezember 1875 nicht als traumatisches Datum [2][in die
       Stadtgeschichte] eingebrannt. Es gibt einen Gedenkstein an einem
       Massengrab, eine Hinweistafel an der Seebäderkaje. Ab und an rollt eine
       Ausstellung den Tatverlauf auf, und das einzige Relikt, die Schiffsglocke
       der „Mosel“, gehört zum Fundus des Deutschen Schifffahrtsmuseums.
       
       Nun hat sich das Stadttheater [3][dem Ereignis genähert]. Mit dem
       Live-Hörspiel „True Crime: Die Thomaskatastrophe“ von Coco Plümer, im
       Hauptberuf Schauspielerin am Jungen Theater Bremerhaven, dockt es an einen
       Trend an. Zu den populärsten Medienformaten gehören derzeit solche, die
       sich mit Begeisterung auf authentische Gräuel stürzen und Täterprofile
       nachzeichnen. Regisseurin Luzie Kurth [4][hinterfragt den Hype] nicht. Sie
       bedient ihn. Der Uraufführungsapplaus deutet auf einen großen Erfolg hin.
       
       Die Bühne ist ein Hörspielstudio und verweist mit einem aufgerissenen
       Schiffsrumpf im Hintergrund aufs Thema. Lotta Hackbeil und Marc Vinzing
       stehen als Hosts hinter Notenständern, geben sich überschwänglich halbernst
       als der Bremer Oberinspektor Schnepel und US-Detektiv Pinkerton aus.
       
       ## Held reimt sich auf Geld
       
       Sie übernehmen aber auch andere Rollen, um die Entwicklung der Hauptfigur
       und andeutungsweise den geschichtlichen Hintergrund zu verlebendigen, zu
       Typen stilisiert, mit Sprechblasendialogen ausgestattet, die spaßwillig
       häufig dialektal eingefärbt werden.
       
       Konkret geht es im kanadischen Halifax um Alexander Keith. Die Regie
       richtet seine Biografie als Lehrstück her, wie aus einem „Gefühl
       auswegloser Bedeutungslosigkeit“ die Orientierung an einem Vorbild
       erwächst. Keith beginnt, seinen als Bürgermeister, Privatbankier und
       Brauereibesitzer reich und berühmt gewordenen Onkel zu verehren.
       
       Held reimt sich für den Protagonisten auf Geld. Reichtum, so will er
       erkannt haben, verleihe die Macht, selbst zu entscheiden, was wahr und
       falsch, Recht und Unrecht ist. Frei von Regeln, Gesetzen, Moral, sei es
       rücksichtslos möglich, alles zum eigenen Vorteil zu tun.
       
       Erst haut Keith den Onkel, dann fortgesetzt weitere Geschäftspartner übers
       Ohr, schlägt sich im amerikanischen Bürgerkrieg auf die Seite der
       Sklavereistaaten des Südens, bricht mit Schiffen die Seeblockade und
       schmuggelt Waren.
       
       Der sich nun William King Thomas nennende Schwerstkriminelle [5][flieht vor
       polizeilichen Ermittlungen nach Europa und bastelt zum weiteren Gelderwerb
       mit 13 Zentner Sprengstoff seine „Höllenmaschine“]. Als vermeintlich
       wertvolles Frachtgut hoch versichert, soll sie das Schiff auf hoher See
       zerfetzen, so dass alle Spuren versenkt sind und die Police ausgezahlt
       wird.
       
       Dass dabei annähernd 600 Passagiere, vor allem Auswanderer, und 100
       Besatzungsmitglieder hätten sterben müssen – egal. Als sich die
       Thomaskatastrophe schon am Kai in Bremerhaven ereignet, schießt sich der
       Täter zwei Kugeln in den Kopf.
       
       Frank Auerbach gibt den Schurken vor allem als charmant-freundlichen
       Gentleman. Dem nimmt jede:r den herzigen Ehemann und Vater ab, auch wenn
       der berechnende Schwindler ein herzenskalter Massenmörder ist.
       
       ## Ein Kopf in Formaldehyd
       
       Das ist prima geradeaus erzählt, allerdings ohne Quellen für die
       True-Crime-Handlung offenzulegen oder deutlich zu machen, was
       indiziengestützte Vermutung, was pure Fiktion ist. Reizvoll kommen analoge
       Klanguntermalungen und digitale Soundübermalungen daher.
       
       Geräuschemacherin Simone Nowicki sorgt fürs Klickklack der Uhren und bildet
       Handlungen akustisch nach. So fingert sie mit Zeitungspapier herum, wenn
       jemand laut Text eine Zeitung aufschlägt. Pferdegetrappel, Schritte im
       Schnee, Wetterereignisse aller Art werden illusioniert.
       
       Insgesamt also ein toll klingender, handwerklich akkurat gearbeiteter,
       [6][charmant altmodischer Theaterabend für die True-Crime-Sensationsgier].
       Die auch nicht neu ist: Schon der Kopf von William King Thomas war in
       Formaldehyd eingelegt und in Museen ausgestellt worden, um dem Rätsel des
       Bösen in die leeren Augen schauen zu können.
       
       23 Sep 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Nach-Abwrackung-der-Seute-Deern/!6111664
 (DIR) [2] /Museumsdirektorin-ueber-Auswanderer/!6101826
 (DIR) [3] https://de.wikipedia.org/wiki/Anschlag_auf_die_Mosel
 (DIR) [4] /Trend-True-Crime-Formate/!5340093
 (DIR) [5] https://www.mare.de/die-thomas-katastrophe-content-1953
 (DIR) [6] https://stadttheaterbremerhaven.de/true-crime-die-thomaskatastrophe/
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Jens Fischer
       
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