# taz.de -- Zahl der Angriffe auf Juden übertrieben: Desinformation, Digga
       
       > Eine neue Onlinekampagne der niedersächsischen Landesregierung soll über
       > Judenhass aufklären – verbreitet aber Falschinformationen.
       
 (IMG) Bild: Unterstützung von ganz oben: Ministerpräsident Olaf Lies (SPD) bei der Vorstellung der Kampagne „Shalom Digga“
       
       Auf Tiktok und Instagram kursiert derzeit ein Video: Eine junge Person
       blickt in die Kamera und fragt: „Schätzt mal: Wie viele Jüdinnen und Juden
       wurden im vergangenen Jahr in Niedersachsen wegen ihrer Kultur oder ihres
       Glaubens angegriffen?“ Das Video ist Teil der Social-Media-Kampagne „Shalom
       Digga“, die niedersächsische Jugendliche über jüdisches Leben und Judenhass
       aufklären soll.
       
       Dazu gehören Videos, in denen Passanten mit antisemitischen Bildern
       konfrontiert werden oder in denen erklärt wird, warum Juden angeblich keine
       Pizza mit Salami essen oder Israel lediglich Krieg in Gaza führe und keinen
       Holocaust verübe. Produziert wurde sie vom niedersächsischen
       Landesbeauftragten gegen Antisemitismus in Zusammenarbeit mit einer
       Berliner Werbeagentur für rund 130.000 Euro. In einem verlinkten
       Online-Shop sind zudem T-Shirts, Tassen und Taschen mit dem Kampagnenlogo
       erhältlich.
       
       Im Video folgt auf die Frage nach der Menge der antisemitischen Angriffe
       eine Straßenumfrage: Passanten tippen auf verschiedene Zahlen, bis
       schließlich die „echte“ Zahl mit Kreide auf den Boden geschrieben wird –
       672 Straftaten, die Juden in Niedersachsen im vergangenen Jahr gemeldet
       hätten, weil sie antisemitisch bedroht oder angegriffen wurden. Und das in
       einem Bundesland, in dem keine 8.000 Juden leben, kommentiert die Person:
       „Schockiert? Same!“
       
       Die im Video genannte Zahl geht auf den [1][Jahresbericht der Recherche-
       und Informationsstelle Antisemitismus (Rias) Niedersachsen] zurück. Die
       staatlich finanzierten Meldestellen erfassen mittlerweile in zwölf
       Bundesländern Vorfälle – ober- und unterhalb der Strafbarkeitsgrenze –, die
       sie als antisemitisch einstufen. Darunter fallen etwa Schändungen von
       Gedenkstätten oder ein Hitlergruß vor einer Synagoge, aber auch Flyer, die
       Israel als Apartheidstaat bezeichnen. Selbst eine durchgestrichene
       Israel-Flagge mit dem Schriftzug „Love Jews, hate Zionism“ wurde im
       niedersächsischen Jahresbericht als Vorfall aufgenommen.
       
       ## Sieben jüdische Betroffene von Angriffen im Land
       
       Inhaltlich orientiert sich die Einordnung durch Rias Niedersachsen an der
       von der Netanjahu-Regierung unterstützten Antisemitismus-Definition der
       International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA) sowie an dem vom
       ehemaligen Likud-Politiker Natan Scharansky konzipierten 3D-Test zum
       israelbezogenen Antisemitismus.
       
       Von den insgesamt 672 Fällen, die Rias Niedersachsen im vergangenen Jahr
       registrierte, entfielen nach eigenen Angaben nur 17 auf Angriffe und
       versuchte Angriffe – darunter ein nicht näher beschriebener Fall extremer
       Gewalt.
       
       Auf Anfrage erklärte Rias Niedersachsen, dass von den dokumentierten
       Angriffen insgesamt 7 jüdische oder israelische Personen betroffen waren.
       In dieser Kategorie beschreibt der Bericht im Detail ausschließlich
       kleinere Rangeleien, bei denen Gegendemonstranten vor propalästinensischen
       Kundgebungen Israel-Flaggen entrissen wurden.
       
       Nimmt man zu den versuchten und ausgeführten Angriffen die weiteren Fälle
       von „verletzendem Verhalten“ hinzu, kommt Rias für das Jahr 2025 auf 64
       davon betroffene jüdische und israelische Einzelpersonen. Darunter sind
       neun der 22 insgesamt registrierten Fälle von Bedrohung, online wie
       offline.
       
       Gewalttätige Übergriffe auf jüdische Personen oder Institutionen ereignen
       sich tatsächlich immer wieder, wenn auch seltener, als es die
       Shalom-Digga-Kampagne darstellt. Erst am vergangenen Wochenende wurde in
       Berlin eine Frau von zwei Männern [2][auf ihren Davidstern angesprochen und
       anschließend mit einer Glasflasche attackiert] und verletzt.
       
       Auch in Niedersachsen kam es in den vergangenen Jahren zu schweren
       Vorfällen: Im April 2024 warf ein psychisch kranker 28-Jähriger einen
       Molotowcocktail [3][gegen die Tür der Oldenburger Synagoge], wobei leichter
       Sachschaden entstand.
       
       Damit konfrontiert, dass die im Video genannte Zahl der Angriffe gegen
       jüdische Personen etwa hundertfach zu hoch angesetzt ist – und dass eine
       solch massive Überschätzung geeignet sei, das ohnehin fragile
       Sicherheitsgefühl jüdischer Menschen zu untergraben –, verwies ein Sprecher
       des Landesbeauftragten auf einen Korrekturhinweis unter dem Video,
       demzufolge nicht alle gemeldeten Vorfälle tatsächlich strafrechtlich
       relevant seien.
       
       Weiterhin erklärte er: „Gerade bei Vorfällen im öffentlichen Raum und im
       Internet ist nicht nachvollziehbar, wie viele jüdische Personen von den bei
       Rias gemeldeten Vorfällen betroffen“ seien, und diese könnten „darüber
       hinaus jüdische Personen oder Jüdinnen:Juden als Kollektiv betreffen.“
       
       Das [4][Video mit den falschen Zahlen] steht weiterhin online.
       
       16 Sep 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://report-antisemitism.de/rias-niedersachsen/#publications
 (DIR) [2] /Antisemitischer-Angriff/!6213092
 (DIR) [3] /Brandanschlag-in-Oldenburg/!6000566
 (DIR) [4] https://www.instagram.com/p/Dclhtbuh70I/
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Yossi Bartal
       
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