# taz.de -- Der Fall Schneider/Schwerte: Der Lieblingsprofessor, ein SS-Mann
       
       > Mit neuer Identität lehrte Hans Ernst Schneider nach dem Krieg an der
       > RWTH Aachen. Kurz vor seinem Tod wurde er enttarnt. Trotzdem schwärmen
       > Studierende noch.
       
 (IMG) Bild: Erst SS-Offizier, in den 1970ern dann Hochschulrektor: Hans Ernst Schneider alias Hans Schwerte
       
       Der Saal ist übervoll. Die Historikerin Dr. Angelina Pils will ihre
       [1][Doktorarbeit] zu einem Mann vorstellen, dessen Enttarnung 1995 ein
       politisches und wissenschaftliches Erdbeben ausgelöst hat.
       
       Die Geschichte ist beispiellos spektakulär: Der SS-Haudegen Hans Ernst
       Schneider war l[2][eitender Mitarbeiter der Nazi-Maschinerie]. In der
       Forschungsstelle „Ahnenerbe“ organisierte er Tagungen und beschaffte Geräte
       für Menschenversuche an KZ-Häftlingen, auch mit Giftgas. „Versuche der
       schlimmsten Art“, so Pils jetzt.
       
       1945 tauchte Schneider spurlos unter und wurde bald für tot erklärt. Er
       legte sich eine neue Identität als Hans Schwerte zu, heiratete seine
       Scheinwitwe erneut und machte als Literaturprofessor Karriere. An der RWTH
       Aachen stieg das Chamäleon als allseits geschätzter, teils verehrter
       linksliberaler Germanist 1970 bis zum Rektor auf.
       
       Niemand wusste etwas oder wollte etwas wissen über den Mann, der Thomas
       Manns Hochstapler Felix Krull liebte. Erst mit 85 Jahren wurde
       Schneider-Schwerte 1995 durch einen bis heute anonymen Mitwisser enttarnt.
       Er verlor Professorentitel und Bundesverdienstkreuz, Bezüge und Pension in
       Millionenhöhe wurden zurückgefordert. Zu seinem Doppelleben schwieg er bis
       zu seinem Tod 1999.
       
       ## 40 Ringbücher voller Selbstgespräche
       
       Dr. Angelina Pils hat für ihre Arbeit sieben Jahre lang in Schneiders
       Tagebüchern gelesen: 40 dicke Ringbücher, die nach seinem Tod zum Glück
       nicht wie andere Unterlagen vernichtet worden waren. „Das ist wirklich
       nicht immer leicht“, sagt sie. Pils berichtet von Schneiders „häufigen
       Selbstgesprächen“. Noch 1993 waren sie durchsetzt von „tiefsitzenden
       antisemitischen Ressentiments und völkischem Denken“. Er habe weiter in
       „alten SS-Zirkeln verkehrt, einstigen Kameraden zum Geburtstag gratuliert“.
       
       Die KZ-Morde, so Pils, schiebe er von sich weg, als sei er ein
       Unbeteiligter gewesen. „Mein Lebensweg bis Mai ’45 blieb von Auschwitz
       unberührt.“ Ihr Kommentar: „Und das von einem SS-Hauptsturmführer aus dem
       persönlichen Stab Himmlers!“
       
       Auf dem Podium und im Publikum sitzen zahlreiche ehemalige Mitarbeitende
       und Studierende aus den 60er und 70er Jahren. Sie erinnern sich an
       Schneider II, alias Schwerte, fast nur positiv: „Ein zugewandter netter
       Mensch“ sei er gewesen. Die Zuschreibungen reichen von charmant bis
       liebenswürdig. „Ein so faszinierender Lehrer“, sagt eine.
       
       ## Doppelter Schneider
       
       Als Rektor habe er auf die Anrede „Magnifizenz“ bestanden, berichtet Pils.
       Mit Studierenden, erzählt eine Frau, sei er nach einem Seminar gern in die
       nächste Kneipe gegangen, um weiterzudiskutieren. Etwa über Goethes Faust,
       sein Lieblingsthema. Da hieß es im Literaturseminar einmal: „Kunst ist die
       letzte metaphysische Kraft des Menschen.“ Schneider-Schwertes eigene Kunst
       war die Chamäleon-Identität, die große Maskerade.
       
       Nur wenige widersprechen: Nein, der so nette Mann „explodierte manchmal
       auch, wenn ihm etwas nicht passte“, erzählt einer. Ein anderer: Nicht
       selten sei er „regelrecht ausfallend“ geworden und habe Andersmeinende
       „hochautoritär attackiert“. Geahnt habe man nichts von seinem Erstleben,
       aber ihm intern „das Aussehen eines ostelbischen Junkers“ attestiert.
       
       Auch ein ehemaliger Germanistikprofessor versucht auf dem Podium die
       Bewunderung für den einstigen Literaturstar zu begründen. Längst ist
       Schwertes dreiste Vita zertrümmert. Der Professor aber will es nicht recht
       wahrhaben, bis heute.
       
       ## Psychologisches Lehrstück
       
       Es folgt eine lange Debatte: Was war das nun wirklich für einer – oder
       zwei? Viele wirken auch nach 30 Jahren unentschieden, wie sie sich zu
       Schneider-Schwertes lebenslangem Rollenspiel verhalten sollen. Es gab nicht
       nur zwei Namen für eine Person, sondern zwei real existierende, konträre
       Gesinnungen, zwischen denen der Mann beliebig hin- und herschalten konnte.
       
       Angelina Pils versucht das Publikum nachher ein wenig in Schutz zu nehmen:
       Ja, das Beharren wider besseres Wissen sei teils heftig gewesen. „Aber so
       ist das in der Wissenschaft oft mit Zeitzeugen. ‚Der war doch gut zu mir‘,
       sagten fast alle. Und dann kriegen sie nicht zusammen, wie sie eine Person
       in persönlicher Erinnerung haben und was dann die zumindest zweite Wahrheit
       ist. Menschen können unheimlich schwer über sich bringen, das zu
       reflektieren.“
       
       Um ein altes Bild zu ändern, müssten sie sich selbst korrigieren.
       „Insofern“, so Pils, „war der Abend psychologisch ein Lehrstück, wie
       [3][Zeitzeugen] mit Erinnerung umgehen.“
       
       29 Sep 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.nz.histinst.rwth-aachen.de/cms/histinst-nz/forschung/habilitations-und-dissertationsprojekte/~lvytp/angelina-pils-die-causa-schneider-schw/
 (DIR) [2] /Soldaten-der-Waffen-SS-kriegen-noch-Geld/!6064455
 (DIR) [3] /NS-Zeitzeuginnen/!6162685
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Bernd Müllender
       
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