# taz.de -- Russlanddeutsche und die CDU: Fremdeln mit einem offen schwulen Spitzenkandidaten
> Russlanddeutsche galten lange Zeit als treue CDU‑Wähler. Doch nun geht
> der Trend in Richtung AfD. Das hat Gründe. Eine Spurensuche
(IMG) Bild: Bahnhof Lichtenberg im November 1990: In den Jahren nach dem Mauerfall kamen viele Russlanddeutsche nach Berlin
Die CDU scheint sogar bei ihrer treuesten Wählergruppe an Zustimmung zu
verlieren: bei Russlanddeutschen. 260.000 Menschen mit deutschen Wurzeln
aus den GUS-Staaten sind über Jahrzehnte in die deutsche Hauptstadt
eingewandert. Geht man davon aus, dass sich bei ihnen Geburten und
Todeszahlen ebenso die Waage halten wie Wegzüge und Zuzüge, dann machen sie
6 bis 7 Prozent aller BerlinerInnen aus.
Über viele Jahre waren Russlanddeutsche treue CDU-AnhängerInnen, und die
Union tut auch viel, damit das so bleibt. „Zum Tag der Russlanddeutschen
gab es keine Veranstaltung in der Hauptstadt ohne CDU-Prominenz“, sagt Dara
Kossok-Spieß, grüne Russlanddeutsche aus Spandau. Vertreter anderer
Parteien würden sich auf solchen Veranstaltungen so gut wie nie blicken
lassen, kritisiert sie. Die CDU hat sogar mit der „Union der Vertriebenen
und Aussiedler“ eine eigene Arbeitsgemeinschaft in ihrer Partei für diese
Zielgruppe, vergleichbar mit der Jungen Union und der Frauenunion.
Allerdings ist diese Arbeitsgemeinschaft in Berlin seit Langem inaktiv.
Medina Schaubert ist Russlanddeutsche und CDU-Mitglied in Charlottenburg.
„Eigentlich sind Russlanddeutsche ja treue CDU‑Wähler. Aber Erfahrungen
zeigen schon einen gewissen Trend in Richtung AfD.“ Schaubert weist auf ein
berlinspezifisches Thema hin. „Kai Wegner, seine ehemalige
Generalsekretärin Ottilie Klein, die selbst Russlanddeutsche ist, und auch
Mario Czaja haben sich sehr für Russlanddeutsche engagiert.“ Alle drei
stünden jetzt aber in der zweiten Reihe.
## Die Unbeliebtheit von Kanzler Merz
Ob dem neuen Spitzenkandidaten Stefan Evers das Thema ebenso wichtig sei,
könne Schaubert bisher nicht erkennen. Sie sieht aber auch Gegenwind von
der Bundesebene. „Viele Russlanddeutsche der ersten Generation kommen jetzt
ins Rentenalter und sind auf Grundsicherung angewiesen, obwohl sie ihr
Leben lang gearbeitet hatten.“ Von der Union der Vertriebenen und
Aussiedler gab es in den letzten Jahren Druck, das Fremdrentengesetz so zu
ändern, dass ihre in der Sowjetunion erworbenen Rentenansprüche besser
berücksichtigt werden. Schaubert: „Das läuft jetzt wegen der Sparpolitik
aber nicht.“
Ein russlanddeutsches CDU-Mitglied, das nicht namentlich genannt werden
will, geht weiter. „Stefan Evers ist schwul. Das ist aus Sicht vieler
konservativ eingestellter Russlanddeutscher ein Grund, ihn nicht zu
wählen.“ Und dass mit Ottilie Klein eine Russlanddeutsche nicht mehr
Generalsekretärin ist, würden viele Menschen als schmerzlichen Verlust
ihrer eigenen Sichtbarkeit wahrnehmen. Hinzu käme, so der Mann, dass die
Unbeliebtheit von Kanzler Merz auch um Russlanddeutsche keinen Bogen macht.
Diese Erfahrung macht auch Katja Shuvalova. Sie ist Russin und macht in
Marzahn Haustürwahlkampf unter russischsprachigen Menschen für die Linke.
Damit erreicht sie auch viele ältere Russlanddeutsche. „Die Leute haben das
Vertrauen in Merz verloren. Sie sprechen aber auch die russische Propaganda
nach, oft mit einer aggressiven Rhetorik.“
Ein Meinungsspektrum, an das AfD und BSW gut andocken könnten. Aber wie
alle anderen, mit denen die taz gesprochen hat, sind Shuvalova keine
Russlanddeutschen begegnet, die das BSW wählen wollen. Die AfD aber
durchaus. „Als Linke können wir bei den realen Alltagsthemen ansetzen wie
Miete, Nahverkehr und fehlende Ärzte in Marzahn“, sagt sie.
Die Grüne Dara-Kossok-Spieß relativiert die Erfahrungen. „Ja, unter den
Russlanddeutschen, die in den 1990er Jahren kamen, sind viele
Putin-Anhänger. Das ist aber bei denen anders, die seit 2022 aus Russland
kamen. Die wollten ja gerade der Autokratie entkommen.“ Viele in anderen
Bundesländern aufgewachsene junge Russlanddeutsche zogen zudem nach Berlin,
weil sie hier das grüne und linke Milieu schätzen. „Als grüne Partei
sprechen wir diese Leute durchaus als progressive Kräfte an, ignorieren
aber ihre Identität.“
17 Sep 2026
## AUTOREN
(DIR) Marina Mai
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(DIR) Schwerpunkt Wahlen in Berlin
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