# taz.de -- 2,5 Millionen Russlanddeutsche: Von links liegen gelassen
       
       > Lange begriffen linke Parteien Spätaussiedler nicht als Teil der
       > Migrationsgesellschaft – und interessierten sich kaum für sie. Das ändert
       > sich nun.
       
 (IMG) Bild: Februar 1992 vor der Landesstelle für Übersiedler Unna. 1,6 Millionen Russlanddeutsche wanderten in den 90ern in die BRD ein
       
       Russlanddeutsche würde sie auf der Straße erkennen, schreibt die Autorin
       Ira Peter, die selbst als Kind von Kasachstan nach Deutschland kam. Und
       zwar an ihrem Blick. „Er ist immer wachsam, als könnten sie jederzeit in
       eine unkontrollierbare Situation geraten.“ Diese Habachtstellung habe die
       Generation ihrer Eltern von deren Eltern übernommen, die ihnen vorgelebt
       hätten, dass die Welt um sie herum gefährlich sei, so die 42-Jährige.
       
       Diese ständige Wachsamkeit hat mit der Geschichte der Russlanddeutschen
       unter Stalin zu tun. Symbolisch steht dafür der 28. August, der für die 2,5
       Millionen Russlanddeutschen hierzulande ein wichtiger Gedenktag ist. An
       diesem Tag vor 85 Jahren wurde in der UdSSR ein Dekret erlassen, das die
       Deportation der Russlanddeutschen von der Wolga und anderen europäischen
       Siedlungsgebieten in der Sowjetunion – wo sie teils schon seit über hundert
       Jahren lebten – nach entlegenen Gebieten in Kasachstan und Sibirien
       verfügte.
       
       Es war eine Reaktion Stalins auf den Einmarsch der Wehrmacht 1941 in die
       Sowjetunion. Er verdächtigte Russlanddeutsche und Angehörige weiterer
       Bevölkerungsgruppen wie Finnen, Balten und Krimtataren der Kollaboration
       mit Nazideutschland.
       
       Menschen wurden in Viehwagen zusammengepfercht und in der kasachischen und
       sibirischen Steppe „abgekippt“. Dort mussten sie sich in Sondersiedlungen
       Erdhütten graben und Zwangsarbeit leisten. Andere wurden in eine Art Gulag
       verschleppt, wo sie schwer körperlich arbeiten mussten. Rund 150.000 der
       1,1 Millionen verschleppten Russlanddeutschen starben in den Lagern oder
       auf dem Transport dorthin. Ihr wachsender Wunsch nach Auswanderung aus der
       Sowjetunion war ein Resultat dieses Schicksals.
       
       ## 1,9 Millionen in den 1990ern
       
       Vor der Gorbatschow-Ära ab 1985 war es allerdings nur unter größten
       Schwierigkeiten möglich, aus der Sowjetunion auszureisen. Das [1][Museum
       für russlanddeutsche Kulturgeschichte in Detmold] hat dazu einige Beispiele
       aus Archiven aufgearbeitet: 1982 entführten zwei russlanddeutsche Brüder
       ein Flugzeug nach der Türkei, um nach Deutschland zu gelangen. 1930 schon
       flüchtete ein gesamtes Dorf mit mehr als 200 Bewohnern mit Pferdeschlitten
       mitten im Winter über den zugefrorenen Amur nach China und von dort weiter
       nach Lateinamerika. Im selben Winter wollten 20.000 Russlanddeutsche vor
       der deutschen Botschaft in Moskau ihre Ausreiseerlaubnis erzwingen, was
       nicht gelang.
       
       Die offizielle Statistik zählt zwischen 1951 und 1986 insgesamt 95.000
       Ausreisen von Russlanddeutschen in die BRD und die DDR. Viele
       Ausreiseanträge wurden abgelehnt, führten aber für die Antragsteller zu
       behördlichen Schikanen und oft auch zum Verlust des Arbeitsplatzes. In der
       kurzen Gorbatschow-Ära kamen immerhin 150.000 Russlanddeutsche aus der
       Sowjetunion in beide deutsche Staaten, die allermeisten in die
       Bundesrepbulik.
       
       Die große Auswanderungswelle begann indes erst 1993, als Deutschland eine
       Einwanderung von Russlanddeutschen und ihren Angehörigen als eine Art
       Wiedergutmachung des Kriegsfolgenschicksals gesetzlich erheblich
       erleichterte. Allein in den 1990er Jahren kamen daraufhin 1,6 Millionen
       Menschen.
       
       Viele Russlanddeutsche der ersten Generation waren für ihre Aufnahme in
       Deutschland sehr dankbar, und die CDU vermochte es, ihnen zu erklären, wem
       ihr Dank zu gelten hätte: Kanzler Helmut Kohl. Die CDU hatte sich
       tatsächlich für das Gesetz starkgemacht. Sie unterließ es aber, die übrige
       Bevölkerung darüber zu informieren, warum diese Menschen nach Deutschland
       gekommen waren.
       
       Wozu auch erklären, es waren doch Deutsche, mag man sich gedacht haben.
       Dass die Neuankömmlinge dann wegen ihrer schwer verständlichen deutschen
       Sprache und ihrer kulturellen Prägung von ihren Nachbarn als „Russen“
       wahrgenommen wurden, dürfte die CDU ebenso überrascht haben wie die
       Russlanddeutschen selbst, die sich immer als Deutsche gefühlt hatten. Zumal
       sie mehrheitlich gar nicht aus Russland kamen, sondern aus Kasachstan und
       der Ukraine.
       
       Die Dankbarkeit führte über viele Jahre zu einer hohen Bindung vieler
       Russlanddeutscher an die CDU und die CSU. „In der lückenhaften Erinnerung
       unserer Eltern hat Kohl eigenhändig jeden Einzelnen von uns über die Grenze
       getragen“, kommentiert die Autorin Ira Peter. Dazu mag sicher auch das C im
       Namen der Parteien beigetragen haben, denn viele Russlanddeutsche sind
       tiefreligiös.
       
       In der Merkel-Ära ging die Bindung von Russlanddeutschen an die CDU zurück.
       Heute gibt es immer wieder Medienberichte über eine hohe Affinität zur AfD.
       Die einzige repräsentative Umfrage dazu stammt jedoch aus dem Jahr 2017.
       Nach der Bundestagswahl in jenem Jahr hatten – bei einer insgesamt geringen
       Wahlbeteiligung – 15 Prozent der Russlanddeutschen erklärt, die AfD gewählt
       zu haben. Das ist geringfügig mehr, als die AfD im Bundesdurchschnitt
       insgesamt erhielt, 13 Prozent.
       
       Die Parteien links der CDU haben sich lange nicht um Russlanddeutsche
       gekümmert. Im Gegenteil, 1996 hatte sich Oskar Lafontaine, damals noch
       SPD-Vorsitzender, bei den Russlanddeutschen unbeliebt gemacht. Er forderte,
       ihren Zuzug angesichts hoher Arbeitslosigkeit und Wohnraummangels zu
       begrenzen. Zuwanderung dürfe sich nicht nach Abstammungsregeln richten,
       sagte Lafontaine damals. Das Zitat machte unter Russlanddeutschen die Runde
       und versperrte der SPD lange einen Zugang zu ihnen.
       
       Auch Grüne und Linke, eigentlich Parteien, die für Zuwanderer offen sind,
       wurden lange nicht warm mit dieser Gruppe, die aus der Sowjetunion häufig
       konservative Lebensentwürfe mitbrachte. Etliche lehnen linke Themen ab,
       fordern stattdessen Gehorsam von Kindern gegenüber Eltern, den sie im
       Zweifel auch mit Gewalt durchsetzen, sowie Unterordnung der Frau unter den
       Mann, [2][wie es Autorin Ira Peter beschreibt]. Auch die Akzeptanz von
       Homosexualität kann unter Russlanddeutschen schwierig sein. Das erzählte
       etwa der queere Synchronsprecher Artur Weimann [3][vor einem Jahr der taz].
       Zudem fühlen sich Russlanddeutsche in Migrationsdebatten der Linken und der
       Grünen nicht gemeint, weil sie ja Deutsche sind und Themen wie Abschiebung,
       fehlende Arbeitserlaubnis und Familiennachzug für sie nicht relevant sind.
       
       Das ändert sich jedoch gerade. In der Bundesregierung ist mit der
       SPD-Politikerin Natalie Pawlik eine in Russland geborene Frau
       Staatsministerin für Migration, Flüchtlinge und Integration. Pawlik sieht
       sich, genau wie Ira Peter und viele andere Russlanddeutsche der jüngeren
       Generation, die sich links der CDU verorten, als Teil der
       Migrationsgesellschaft.
       
       „Linke Strukturen müssen sich viel stärker mit Spätaussiedlerinnen und
       Spätaussiedlern beschäftigen“, mahnt auch die linke Bundestagsabgeordnete
       Kathrin Gebel an. In Recklinghausen geboren, wuchs sie als Tochter einer
       alleinerziehenden Russlanddeutschen auf. Harte Arbeit, niedrige Löhne,
       kleine Renten, nicht anerkannte Abschlüsse aus der Sowjetunion,
       Sprachbarrieren – „viele Spätaussiedlerinnen und Spätaussiedler kennen
       soziale Unsicherheit sehr konkret“, ebenso „das Gefühl, zwar formal
       dazuzugehören, aber politisch und gesellschaftlich nicht gemeint zu sein“.
       
       Natalie Keller, Russlanddeutsche und grüne Stadträtin in Nürnberg,
       kritisiert, dass ihre Partei die vielfältigen Lebensrealitäten und
       Perspektiven der Russlanddeutschen zu wenig in den Blick genommen habe. Man
       müsse „die Geschichte der Russlanddeutschen und Osteuropas stärker in
       unsere Erinnerungskultur einbeziehen und Antislawismus ernst nehmen“.
       Ebenso müssten Fragen von „politischer Repräsentation, Anerkennung von
       Bildungs- und Berufswegen, Mehrsprachigkeit, Altersarmut und sozialer
       Teilhabe“ thematisiert werden.
       
       Pawlik, Gebel und Keller haben neben ihren Spätaussiedlerinnenbiografien
       noch etwas gemein: In ihren Parteien sind sie damit Ausnahmen und haben es
       deshalb schwer, mit ihren Themen durchzudringen.
       
       Das konservative, oft deutschtümelnde Selbstbild vieler, wenn auch längst
       nicht aller Russlanddeutschen ist übrigens bereits im Aufnahmeverfahren
       angelegt. Wer aus den Nachfolgestaaten der Sowjetunion hierherkommen wollte
       und will, muss neben deutschen Vorfahren, deutschen Sprachkenntnissen und
       einem Kriegsfolgenschicksal ein „Bekenntnis zum deutschen Volkstum“
       nachweisen und unterschreiben. Auch Stimmen aus der Community finden das
       nicht mehr zeitgemäß. Die russlanddeutsche Autorin Ira Peter etwa schreibt:
       „Ein Bekenntnis zum Grundgesetz wäre mir lieber.“
       
       28 Aug 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Museum-fuer-russlanddeutsche-Geschichte/!6041045
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 (DIR) [3] /Deportation-von-Russlanddeutschen/!6104679
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Marina Mai
       
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