# taz.de -- Marie Kreutzer über „Gentle Monster“: „Das ist noch hundert Jahre nicht auserzählt“
       
       > Eine Ehefrau, deren Mann wegen Pädophilie verhaftet wird, und eine
       > Polizistin mit übergriffigem Vater: Marie Kreutzer über Macht und
       > Wegsehen in ihrem Film „Gentle Monster“.
       
 (IMG) Bild: „Would I lie to you?“: Lucy (Léa Seydoux) am Flügel in „Gentle Monster“
       
       In „Gentle Monster“ wird der Ehemann der Musikerin Lucy (Léa Seydoux) wegen
       des Besitzes von Missbrauchsdarstellungen von Kindern festgenommen. Während
       sie mit der Wahrheit hadert, folgt das Drama zugleich der Polizistin Elsa
       (Jella Haase), die im eigenen Elternhaus mit männlicher Übergriffigkeit und
       tradierten Rollenbildern konfrontiert ist. Im Gespräch erklärt die
       österreichische Regisseurin Marie Kreutzer, warum für sie die beiden
       Perspektiven zusammengehören – und wie der Fall Florian Teichtmeister ihre
       Arbeit am Film, der im Wettbewerb von Cannes seine Premiere feierte,
       beeinflusst hat. 
       
       taz: Frau Kreutzer, was war der Ausgangspunkt für „Gentle Monster“? 
       
       Marie Kreutzer: Ich habe 2020 in der Zeit einen Artikel gelesen. Das war
       eine große Recherche von mehreren Journalist:innen über einen großen
       Ring von Pädokriminellen in Nordrhein-Westfalen, der damals aufgedeckt
       worden ist. Es ging um die Ermittlungsarbeit, aber auch um einzelne Fälle.
       Der Artikel war sehr explizit, sehr hart zu lesen. Und er hat mir etwas vor
       Augen geführt, was mir so nicht klar war oder was ich vielleicht auch nicht
       wahrhaben wollte: dass ich mit Sicherheit nicht nur Opfer, sondern auch
       Täter kenne. Der Artikel hat anschaulich gemacht, dass es jeder, auch jeder
       nette Typ sein kann. Der creepy Kerl hinter dem Busch ist eher die
       Seltenheit. Das war der Ausgangspunkt, an dem ich dachte: Ich kann darüber
       nur einen Film machen. Weil – was soll ich sonst tun?
       
       taz: Sie erzählen nicht aus der Perspektive des Täters, sondern stellen mit
       Lucy dessen Partnerin ins Zentrum. Sie ist Musikerin, Mutter eines Sohnes,
       souverän – und wird plötzlich mit dem Verdacht gegen ihren Mann
       konfrontiert, der ihr bisheriges Leben infrage stellt. Was hat Sie an
       dieser Figur und ihrer Situation interessiert?
       
       Kreutzer: Es gibt diesen Spruch: „Nimm deine schlimmste Angst und schreib
       darüber.“ Und ich glaube, für Eltern gehört es zu den schlimmsten Ängsten,
       dass das Kind stirbt oder ihm etwas angetan wird. Wenn diese Gefahr aber
       von jemandem ausgeht, den man liebt, ist das natürlich noch einmal eine
       viel größere Fallhöhe. Mich hat dabei nie interessiert, wie es dem Täter
       geht, was er tut und warum. Täter bekommen gesellschaftlich und auch medial
       ohnehin viel zu viel Aufmerksamkeit. Mich interessiert vielmehr: Wie gehen
       wir als Umfeld mit so einem Fall um? Aus der Distanz ist es immer sehr
       leicht zu urteilen, aus der Nähe nicht. Wie sehr also isoliert einen so ein
       Fall? Lucy steht dabei auch stellvertretend für die Gesellschaft. Wie
       ungern schauen wir hin? Wie gern hätten wir, dass es eine harmlose
       Erklärung gibt? Wie gern würden wir uns nicht mit solchen Fällen
       auseinandersetzen?
       
       taz: Mit der Polizistin Elsa gibt es eine zweite Hauptfigur. Sie ist mit
       Lucys Fall befasst und kümmert sich zugleich um ihren demenzkranken Vater,
       der seine Pflegekraft herablassend behandelt und auch körperlich belästigt.
       Warum war Ihnen diese zweite Perspektive wichtig?
       
       Kreutzer: Ich dachte: Wenn wir nur die Geschichte von Lucy erzählen, dann
       kann sich das Publikum wieder zurücklehnen und sagen: „Schlimme Geschichte,
       hat mit mir nichts zu tun.“ Durch Elsa kriegt das Ganze eine andere
       Dimension, weil klar wird: Das ist für sie nur irgendein Fall von
       Tausenden. Sie hat dauernd damit zu tun, morgen steht sie schon vor einer
       anderen Tür. Deshalb war für mich auch klar, dass sie ihre eigene
       Geschichte haben muss, in der sich etwas davon spiegelt.
       
       taz: Bei Elsa rücken sehr viel alltäglichere Situationen männlicher
       Dominanz in den Blick: Neben dem übergriffigen Vater gibt es den Bruder,
       der einen Großteil der Sorgearbeit Elsa überlässt – aber schon Anerkennung
       dafür bekommt, dass er sich um eine kaputte Lampe kümmert …
       
       Kreutzer: Es freut mich, dass Sie das sagen. Männer verstehen die Szene oft
       nicht. Das hat im Schnitt zu lustigen Situationen geführt. Mir haben immer
       wieder Männer gesagt: „Die Szene braucht es nicht, die sagt nichts aus.“
       Einige Frauen hingegen haben sich ausdrücklich für die Szene bedankt.
       
       taz: Bei Lucy geht es um einen Extremfall, den gesellschaftlich wohl
       niemand relativieren würde. Bei Elsa zeigen Sie dagegen Verhaltensweisen,
       die häufig toleriert oder entschuldigt werden. Sehen Sie eine Verbindung
       zwischen diesen unterschiedlichen Formen der Grenzüberschreitung und
       Gewalt?
       
       Kreutzer: Absolut, es fängt sehr früh an und eigentlich muss beidem
       widersprochen werden. Aber: Je näher uns jemand ist, desto mehr akzeptieren
       wir. Wenn es jemand ist, den wir kennen, respektieren oder lieben, sind wir
       geneigt zu sagen: „Ja, der ist halt so. Der ist schon so alt. Der macht
       halt solche Scherze.“ Oder: „Andere Generation.“ Wir entschuldigen und
       rechtfertigen viel. Das ist es auch, was Lucy und Elsa für mich verbindet:
       Beide tun sich schwer damit, ehrlich zu sich selbst zu sein.
       
       taz: Nach der Premiere von „Gentle Monster“ im Wettbewerb von Cannes wurde
       dieser Aspekt kontrovers diskutiert: dass Sie in einem Film sowohl
       Pädokriminalität als auch alltägliche Formen männlicher Dominanz
       thematisieren. In manchen Reaktionen wurde diese Verbindung als Provokation
       empfunden. Hat Sie das überrascht?
       
       Kreutzer: Ich finde es interessant, dass Männer zum Teil so verschnupft
       darauf reagieren. Ich lese keine Kritiken, aber ich habe es schon in
       Interviews gemerkt. Mich hat tatsächlich ein männlicher Kollege von Ihnen
       gefragt: „Diese Geschichte, die Frau ist so und der Mann ist so – ist das
       dann auch mal bald auserzählt?“ Und ich habe gesagt – ich schätze ihn sehr
       und kenne ihn schon lange -: „Weißt du eigentlich, in welcher Welt wir
       Frauen leben?“ Offenbar nicht! Das ist natürlich noch hundert Jahre nicht
       auserzählt.
       
       taz: Was ist es, das sich an diesem Verhältnis von Frauen und Männern so
       hartnäckig hält?
       
       Kreutzer: Für mich ist der Ursprung immer der gleiche. Wir werden
       sozialisiert in dem Glauben, der größte Wert, den wir in diesem Leben
       haben, ist, schön zu sein. Und Männer bekommen vermittelt: Das Größte, was
       sie erreichen können, ist, mächtig zu sein. Diese Lust an der Macht oder
       dieser Wunsch nach Macht ist, glaube ich, der Ursprung für den
       verhältnismäßig kleinen Konflikt in Elsas Elternhaus, für Lucys Geschichte
       und für alle Kriege, die wir auf dieser Welt haben. Es ist alles das
       gleiche Problem, meiner Meinung nach.
       
       taz: Sie haben am Anfang gesagt: „Ich kann darüber nur einen Film machen.“
       Was soll von „Gentle Monster“ bleiben?
       
       Kreutzer: Ich glaube, insgesamt wäre es die Frage: Was kann ich tun? Und
       zwar auf all diesen Ebenen. All das fängt früher an als bei
       Pädokriminalität oder Vergewaltigung. Also: Wie kann ich mit meinen Kindern
       darüber reden? Einerseits, um sie besser zu schützen und ihnen frühzeitig
       klarzumachen, wo ihre Grenzen liegen. Andererseits aber auch, um sie zu
       besseren Menschen zu machen, die solche Verhaltensweisen nicht wiederholen.
       Aber auch wenn man keine Kinder hat, geht es letztlich wieder um die
       Ehrlichkeit – anderen und sich selbst gegenüber. Darum, nicht wegzuschauen
       und Dinge nicht wegzulachen.
       
       taz: Sie haben erzählt, dass Ihnen schon 2020 der Gedanke kam, vermutlich
       selbst Täter zu kennen. Später wurde bekannt, dass [1][der Schauspieler
       Florian Teichtmeister, mit dem Sie für „Corsage“ zusammengearbeitet
       hatten], Missbrauchsdarstellungen von Kindern besessen hatte. Damit bekam
       die Frage, die am Anfang Ihres Films stand, eine persönliche Dimension. Was
       hat das mit Ihrer Arbeit an „Gentle Monster“ gemacht?
       
       Kreutzer: Das war natürlich ein Riesenschock. [2][Da unser Film,
       „Corsage“], gerade sehr in den Medien war, wurde ich mit in die
       Verantwortung genommen, als eine der Regisseurinnen und Regisseure, die mit
       ihm gearbeitet haben. Mich haben sogar Leute auf der Straße attackiert. Da
       dachte ich zuerst: Ich kann diesen Film nicht mehr machen.
       
       taz: Was hat diesen Gedanken dann verändert?
       
       Kreutzer: Ich habe relativ bald gemerkt: Das ist wahrscheinlich gerade der
       Grund, warum ich ihn machen muss. Weil es meine Ur-Idee bestätigt hat, dass
       ich sicher Täter kenne. Zum anderen: Als Mensch und als Regisseurin hat
       mich diese Causa sicher stärker gemacht. Wenn man einmal in so einem
       Shitstorm war, ist es einem wurscht, wenn wieder einer kommt. Ich sage, was
       ich will, ich sage, was ich denke, und ich mache die Filme so, wie ich sie
       für richtig halte. Diese Resilienz, sich nicht danach zu richten, was
       andere denken, braucht man in diesem Beruf dringend. Und die ist stärker
       geworden.
       
       17 Sep 2026
       
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