# taz.de -- Schule in der Ukraine: Schulstart in Irpin mit KI und Schutzraum
> An dem technologisch ausgerichteten Lyzeum bei Kyjiw beginnt das fünfte
> Schuljahr im Krieg. Durch die Luftangriffe hat sich das Lernen digital
> versiert.
(IMG) Bild: Marina Sokur unterrichtet Biologie in der 8. Klasse
Das Treppengeländer im Lyzeum ist mit blauen und weißen Luftballons
geschmückt. „Ein bisschen festlich soll der Beginn des Schuljahres sein“,
sagt die Leiterin Natalia Tit der Schule für innovative Technologie in der
Kyjiwer Vorstadt Irpin. Der erste Schultag liegt schon ein paar Tage
zurück. Aber weil wegen der andauernden russischen Luftangriffe nicht alle
SchülerInnen gleich kommen konnten, lasse man die Ballons etwas länger
hängen.
Anfang September hat in der Ukraine zum fünften Mal ein Schuljahr im Krieg
begonnen. In der Nacht zum 1. September beschoss Russland Kyjiw und
[1][seine Umgebung mit ballistischen Raketen]. Die Umstände zwingen das
Land auch in der Schulbildung zu kreativen Lösungen. Die sind oft digital,
doch allein damit ist es nicht getan.
Rund drei Millionen Kinder und Jugendliche besuchen im Schuljahr 2026/2027
ukrainische Schulen, darunter etwa 240.000 Erstklässler, sagte die
Parlamentsabgeordnete Iryna Brozova vom Ausschuss für Jugend und Sport.
Rund 2,2 Millionen ukrainische Schülerinnen und Schüler nehmen den Angaben
zufolge am Präsenzunterricht teil, während weitere 700.000 bis 800.000 in
einem Mischmodell lernen. Etwa 200.000 in frontnahen Gebieten können nur
online unterrichtet werden. 400.000 [2][nehmen vom Ausland aus teil].
## Auf Informatik und Technologie ausgerichtet
Irpin ist in den vergangenen zwei Jahrzehnten schnell gewachsen. Zwischen
den Einfamilienhäusern des einst ruhigen Vororts sind die [3][Hochhäuser in
den Himmel] gewachsen. Auch mitten im Krieg herrscht rege Bautätigkeit. Die
Mischung aus der Nähe zur Metropole und zur Natur mit den großen
Kiefernwäldern und Seen zieht gut verdienende Zuzügler an.
In einer Straße in der Stadtmitte zwischen einem Supermarkt und einem
Wohnblock aus der Sowjetzeit steht seit neun Jahren das Lyzeum. Ukrainische
Lyzeen sind etwa mit deutschen Gymnasien vergleichbar – Sekundarschulen,
die auf ein Universitätsstudium vorbereiten sollen. Viele haben sich
fachlich spezialisiert.
Das Lyzeum in Irpin bietet, wie der Name schon nahelegt, Schwerpunktklassen
für Informatik und Technologie an. Und es gibt noch eine für Englisch. Die
SchülerInnen haben in diesen Fächern dann mehr Unterricht. In Englisch sind
es beispielsweise fünf Wochenstunden statt drei.
Die Ausrichtung sieht man auch auf dem Schulhof: An der Außenwand des
Nachbarhauses zeigt ein Bild Martin Cooper, der 1973 für den US-Konzern
Motorola das Mobiltelefon entwickelte. „Seine Eltern kamen hier aus Irpin“,
erklärt Ivan Netschiporuk. Mit dem Erfinder habe man schon mehrfach Kontakt
gehabt und Videochats mit den Schülern gemacht.
## KI-Lernprogramm Mriia als Pilotprojekt
Netschiporuk unterrichtet Informatik und Astronomie am Lyzeum und ist von
der digitalen, staatlichen Lernumgebung Mriia begeistert. „Das ist mein
Account“, sagt er und zeigt auf sein Smartphone. „Der gleiche funktioniert
für Lehrer auch im Webbrowser.“ Dort ist sein Stundenplan angelegt. Für
jede Unterrichtsstunde kann er die Inhalte vorbereiten, die er präsentieren
will und dann für die SchülerInnen freigeben. „Ich kann ihnen Hausaufgaben
geben und Tests erstellen.“ Die Unterrichtsstunden werden live im Videochat
gestreamt. Gechattet wird über den Messenger Signal.
In die Mriia ist künstliche Intelligenz integriert. „Wenn wir
beispielsweise einen Test über die Inhalte der vergangenen Schulstunde
brauchen, erstellt die KI die gewünschte Menge an Fragen.“ Wenn die
SchülerInnen den Test dann ausfüllen, bekommen sie direkt ein transparentes
Ergebnis. „Das entlastet uns von vielen Routineaufgaben und in der frei
werdenden Zeit können wir uns intensiver um die Schüler kümmern“, sagt
Netschiporuk.
Das Lyzeum in Irpin ist eine der Schulen, die die KI-gestützte Version von
Mriia als Pilotprojekt testen. Mriia ist das ukrainische Wort für Traum.
Mriia steht allen Schulen auf freiwilliger Basis zur Verfügung und soll
später alle Bildungsstufen abdecken: Vorschule, außerschulische Angebote,
berufliche und akademische Bildung sowie Erwachsenenbildung. Umgesetzt
wurde Mriia durch die East Europe Foundation. Die Entwicklung wurde zu
einem großen Teil mit Fördergeldern aus der Schweiz finanziert. Zu den
Geldgebern gehören auch das deutsche Auswärtige Amt und die GIZ.
## Zahl der Schüler passt in den Schutzraum
Natalia Tit leitet das Lyzeum. Sie nimmt sich Zeit für eine Führung. Gerade
sei kein Alarm, sagt sie, deshalb könne man den Unterricht in den normalen
Räumen besichtigen.
In der dritten Etage hat gerade eine der achten Klassen Biologieunterricht.
Die Smartphones der SchülerInnen stecken für die Dauer des Unterrichts in
einer Box auf dem Lehrpult. Lehrerin Marina Sokur erklärt eine Präsentation
über den menschlichen Kreislauf auf einem großen Monitor. Die SchülerInnen
im Raum können dieselben Inhalte auf Tablets auf ihren Tischen verfolgen,
genauso wie die SchülerInnen, die remote teilnehmen. Über den Laptop auf
dem Pult vor Sokur wird der Unterricht gefilmt und über die Mriia-Plattform
gestreamt.
Kurz vor dem Mittag schallt aus den Lautsprechern für einige Sekunden
Britney Spears. „You drive me crazy!“ Statt mit einer Klingel wird im
Lyzeum die Pause mit Welthits aus der Konserve eingeläutet.
Mit derzeit 237 SchülerInnen ist das Lyzeum eine vergleichsweise kleine
Schule. Angesichts der russischen Luftangriffe bringt die geringe Größe
einen wichtigen Vorteil: Alle Schüler passen gleichzeitig in den Schutzraum
im Keller. Laut den Sicherheitsvorschriften dürfen nur so viele
SchülerInnen gleichzeitig in Präsenz unterrichtet werden, wie es Platz im
Schutzraum gibt. Andere Schulen arbeiten deshalb im Schichtbetrieb.
## Unterricht geht im Keller weiter
Die Vorschrift hat einen ernsten Anlass. Schulen werden immer wieder zum
Ziel russischer Angriffe. Von insgesamt rund 12.000 Schulen im Land wurden
nach Angaben von Unicef bis zum vergangenen Winter mehr als 1.600
beschädigt oder komplett zerstört.
Natürlich ist im Keller nicht so viel Platz wie auf den drei oberirdischen
Etagen. Dennoch hat jede Klasse ihren eigenen Sitzbereich mit Tischen und
Stühlen. Es gibt Tafeln, Whiteboards und sogar einen 3D-Drucker sowie eine
Sprossenwand, eine Bodenturnmatte und Tischtennisplatten für den
Sportunterricht.
Der Unterricht wird bei Alarm im Keller fortgesetzt. „Wir passen die
Inhalte aber an“, sagt Englischlehrerin Olya Huschtschina. Wegen der
beengten Verhältnisse könne man im Keller nicht laut sprechen, ohne andere
zu stören. Sie bereite also immer noch eine zweite Version der
Unterrichtsstunde vor, in der die SchülerInnen lesen oder schreiben.
Bei den SchülerInnen scheint das Konzept anzukommen. In der ersten Woche
nach den Ferien sei kein Unterricht ausgefallen, erzählt Dima. Einer seiner
Freunde besuche die große Nachbarschule um die Ecke. „Der hatte nur zwei
Stunden Unterricht in der ganzen Woche. Dort gehen sie in den Keller und
warten einfach nur. Wie soll man so etwas lernen?“ Der 17-Jährige macht im
nächsten Sommer seinen Abschluss und will danach in Kyjiw studieren.
## Interesse an gedruckten Büchern
Die 13-jährige Mariia geht in die 8. Klasse und ist mir ihrer Schulwahl
zufrieden. Von ihren LehrerInnen wird sie für ihr gutes Englisch gelobt,
und das stimmt auch. Es gefalle ihr, dass viel Unterricht in Präsenz
möglich ist, das sei effizienter. „Gerade für die Sprachen ist doch der
direkte Austausch wichtig“, sagt sie. Außerdem gebe es viele Möglichkeiten
auch außerhalb des eigentlichen Unterrichts am Nachmittag. An einer Wand im
Flur werben ein Dutzend Arbeitsgemeinschaften um TeilnehmerInnen. In diesem
Schuljahr kann man zum Beispiel Deutsch und Polnisch lernen, es gibt eine
Design-AG und eine für Programmiersprachen, für Schach und Theater.
Trotz aller Digitalisierung würden die SchülerInnen in der jüngsten Zeit
mehr Interesse an gedruckten Büchern zeigen, erzählt Schulleiterin Tit. Sie
sehe das an den Nutzungszahlen der Schulbibliothek. In einem
Besprechungsraum im Erdgeschoss steht eine ganze Wandseite mit
Bücherregalen. Die SchülerInnen können die Bücher mit einem QR-Code
ausleihen und wieder zurückbringen, wenn sie ausgelesen sind.
15 Sep 2026
## LINKS
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## AUTOREN
(DIR) Marco Zschieck
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