# taz.de -- Gespaltene Gesellschaft: Wir sind besser, als wir denken
> Deutschland ist gespalten, jeder denkt nur an sich? Nicht immer, und
> helfen fördert die Demokratie. Eine Reise durchs Land legt das Gegenteil
> nahe.
(IMG) Bild: Was junge Nutrias bei ihrer Körperhygiene können, können Menschen schon lange – eigentlich: sich gegenseitig helfen
An einem warmen Montagabend, irgendwo im Nirgendwo vor Crailsheim, hatte
ich irgendwann dieses Gefühl: Sie lassen dich nicht im Stich. You’ll never
bike alone! Was war passiert? 630 Kilometer hinter Berlin hatte mein Rad
den ersten Plattfuß erlitten und auch bei mir war emotional die Luft raus.
Natürlich war es das Hinterrad unter all dem Sack und Pack und ich hatte
keinen Ersatzschlauch dabei. Ein derber Anfängerfehler. Seufzend und
fluchend stand ich in der Landschaft.
Aber dann: Eine Gruppe Mountainbiker stoppt und hilft beim Pumpen. Im
ersten Haus des nahen Dorfes bietet mir danach ein Rentner in Unterhose
seine Garage, Wasser und Werkzeug an. Als Nächstes stoppt ein Mann mit
E-Bike, holt mir einen neuen Schlauch (der nicht passt) und dann seinen
Lieferwagen, um mich nach Crailsheim zu chauffieren. Inzwischen hat aber
schon ein vorbeisausender Rennradler die Bremse gezogen und mir einfach so
seinen Ersatzschlauch überlassen. Ich fühle mich reich beschenkt. Und
denke: [1][Die Menschen sind besser, solidarischer und hilfsbereiter, als
wir denken].
Zumindest ist das meine Erfahrung nach sechs Wochen und 2.000 Kilometern
Radtour durch Deutschland, die Schweiz und Frankreich. Überall spontane
Hilfe: Routentipps, wenn Schilder fehlen, Wasser gegen die Hitze, eine
spontane Einladung zum Tee im Wohnzimmer, als draußen ein Wolkenbruch
niedergeht. Gratisdusche auf dem Campingplatz, kurz mal aufs vollgepackte
Fahrrad aufpassen beim Einkaufen, kostenlose und spontane Hilfe in
Werkstätten auch noch kurz vor Feierabend. [2][Alles nur Ankedoten, keine
soziologische Tiefenbohrung, aber mein privates Sommermärchen: Hilfe statt
Hetze.]
Ist Deutschland vielleicht viel weniger gespalten, als wir es uns einreden
lassen? Laut Umfragen sind wir erst einmal gespalten darüber, wie gespalten
wir denn jetzt sind. Es gibt offenbar manche heiße Eisen, bei denen die
Emotionen hochkochen. Aber dann wieder große Übereinstimmung bei anderen
Fragen. Viele klagen, verschiedene Gruppen könnten nicht mehr miteinander
reden – andere lieben es, kontrovers zu diskutieren. Am größten ist die
Kluft offenbar bei Fragen von Migration, Klimaschutz, Gendersprache. In
anderen Bereichen finden die Leute aber oft zusammen.
Schon klar: Wenn ich als Radfahrer nach dem Weg frage, breche ich nicht
sofort eine Debatte über Wärmepumpen oder Abschiebungen vom Zaun, an den
ich gerade mein schweres Gepäck gelehnt habe. Aber ein paar Ideen für den
Umgang miteinander kann man vielleicht doch mitnehmen aus all den vielen
Begegnungen.
Zum Beispiel: Wer Hilfsbereitschaft erwartet, muss klarmachen, dass er
Hilfe braucht. Eine Binsenweisheit. Aber es ist schwer zuzugeben, dass man
sich verfahren hat, in jedem Sinne. Schwierig, wenn man denkt, man müsse
überall seinen Mann stehen oder eine Politikerin sein, die auf alles eine
Antwort hat. Wer denkt, „der Starke ist am mächtigsten allein“, der wird
sehr einsam.
Wer Hilfe erwartet, muss anderen zutrauen, dass sie helfen wollen und
können. Auch logisch, auch nicht einfach. Dafür muss man den Helfenden erst
einmal ernst nehmen. Meine Bemerkung, mein Reifen habe „irgendwo im
Nirgendwo“ seine Luft verloren, ist also die typische Arroganz des
Hauptstädters. Also: Es war kurz hinter Wettringen in der Nähe des
Autobahnkreuzes A6/A7.
Die Trennung des Landes ist auch eine Spaltung von Stadt und Land. Es
hilft, sich daran zu erinnern, dass sich Menschen zu Hause am besten
auskennen, „ask the locals“, ist das Motto. Manche Ortskundige haben
gelacht, auf welche Irrwege uns das Navi im Smartphone geschickt hat.
## Lob macht Helfende stolz
Für Hilfe sollten wir uns selbstverständlich bedanken. Aber nicht so, als
sei sie etwas unglaublich Einmaliges. Da hat jemand im Rahmen seiner
Möglichkeiten das Richtige und ein bisschen mehr getan, vielen Dank. Ein
Lob macht die Helfenden stolz und erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass er es
wieder tut. Aber wer das überschwänglich tut oder gar Bezahlung anbietet,
der gibt das falsche Signal: als sei Helfen die große Ausnahme. Als müsse
man auch dafür zahlen.
Wer Hilfe erwartet, sollte sich auch fragen, wie ängstlich er oder sie auf
die Welt blickt: Muss ich im Schwimmbad in der Provinz das Rad wirklich
abschließen wie nachts in Berlin-Neukölln? Kann man das Handy mal kurz auf
dem Lenker lassen, wenn man ein Eis kauft? Sind wir wirklich immer und
überall von Ganoven umgeben? Meine Erfahrung sagt mir etwas anderes.
Das alles ist nicht nur wichtig, weil wir uns besser fühlen, wenn wir
helfen und uns helfen lassen. Es ist auch eminent politisch. Denn ohne
Vertrauen funktioniert in einem arbeitsteiligen demokratischen Staat gar
nichts. Wir müssen und können zum Glück in diesem Land grundsätzlich darauf
vertrauen, dass Wahlen nicht gefälscht werden, dass Beamte ohne Korruption
Ausweise ausstellen, Gerichte fair entscheiden und Verträge eingehalten
werden – Ausnahmen bestätigen die Regel. Aber ohne gegenseitiges Vertrauen
gibt es weder Freiheit noch Wohlstand. Denn unser demokratisches System
fußt genau wie unsere Wirtschftsordnung darauf, dass sich Menschen erst
einmal aufeinander verlassen können.
Genau das ist der Grund, [3][warum Populisten wie die AfD und ihre
Hintermänner etwa in Moskau und Washington die immer gleiche Lüge
erzählen], man könne niemandem mehr trauen – außer ihnen natürlich, die
dieses System sprengen wollen. Um dem zu widerstehen, müssen wir Gruppen
stärken, die das Miteinander voranbringen und Fairness und Hilfe fördern:
Vereine für Sport und Kultur, Nachbarschaftsinitiativen, Kitas, Schulen,
Altentreffs, Gewerkschaften, Kirchengemeinden. Da können wir das Vertrauen
erneuern, das wir dann brauchen können, wenn es wirklich strittig wird. Nur
so finden wir eine Basis für die Lösung wichtiger Probleme – und Zutrauen,
dass wir diesen Weg auch gehen oder fahren können. Das kostet Zeit und
Kraft. Aber manchmal auch nur zehn Euro für einen verschenkten
Fahrradschlauch.
13 Sep 2026
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