# taz.de -- Künstlerin über Brechmittel-Mahnmal: „Es soll unangenehm sein“
       
       > Neben dem Bremer Gerhard-Marcks-Haus liegt das Wort „Force“ als stählerne
       > Buchstaben auf dem Boden. Gestaltet hat den neuen Gedenkort Usha
       > Seejarim.
       
 (IMG) Bild: Die Künstlerin usha Seejarim während der Einweihung ihres Mahnmals in bremen
       
       taz: Usha Seejarim, was hat Sie dazu bewogen, von Johannesburg aus einen
       [1][Gedenkort für Bremen zu entwerfen]? 
       
       Usha Seejarim: Es war in erster Linie das tiefe Unrecht der Geschichte. Ich
       komme aus Südafrika, wo wir eine lange Geschichte von Rassismus und
       staatlichem Machtmissbrauch haben. Als mein Entwurf ausgewählt wurde, habe
       ich mich sehr geehrt gefühlt, Laye Condés Geschichte erzählen zu können.
       Und ich wollte es auf eine Weise tun, die ihm, seiner Familie und den
       weiteren Opfern Gerechtigkeit verschafft.
       
       taz: [2][Laye-Alama Condé starb 2005 in Bremen], nachdem ihm in
       Polizeigewahrsam zwangsweise Brechmittel verabreicht wurden. Zwischen 1991
       und 2005 hat die Polizei die Prozedur allein in der Stadt in mehr als 1.200
       Fällen durchgeführt. Welcher Gedanke steht für Sie [3][im Zentrum des
       Gedenkorts]?
       
       Seejarim: Ich habe mich sehr bewusst dafür entschieden, Text zu benutzen.
       Text kann neutral sein, aber er kann auch gezielt gewählt werden. Nachdem
       ich Laye Condés Geschichte gelesen habe, ist mir immer wieder das Wort
       force in den Kopf gekommen. Laye wurde gewaltsam (forcibly) festgenommen.
       Das Brechmittel hat seinen Körper dazu gezwungen (forced), seinen
       Mageninhalt auszustoßen. Dann war es vor allem die Polizei (police force),
       die an seinem Tod beteiligt war. Und schlussendlich hat erst die gemeinsame
       Kraft der Zivilgesellschaft (communal force) die Errichtung dieses
       Gedenkorts ermöglicht. Der Begriff hat also viele Facetten. Ein wichtiger
       Schritt war zudem, mir Interviews mit Betroffenen anzuhören. Ich wollte mir
       Zeit geben, die Geschichte wirken zu lassen. Das ist ein wesentlicher
       Bestandteil meiner Arbeit.
       
       taz: Anders als bei traditionellen Denkmälern steht hier nicht die Person
       Laye Condé im Zentrum. Brechen Sie bewusst mit dieser klassischen Rhetorik? 
       
       Seejarim: Absolut. Denkmäler sind das Erbe einer imperialistischen Zeit, in
       der Helden erschaffen wurden. Deshalb habe ich mich für einen Entwurf
       entschieden, der im Gegensatz dazu steht.
       
       taz: Auch in Bremen erinnern Straßennamen an Kolonialherren und die
       [4][lange, gewalttätige Vergangenheit der Stadt]. Was bedeutet es, dass ein
       Gedenkort gegen anti-Schwarzen Rassismus gerade hier errichtet wird? 
       
       Seejarim: In erster Linie steht der Gedenkort in Bremen, weil Laye Condé
       hier getötet wurde. Es muss hier sein. Aber es stimmt, seine Geschichte ist
       auch im Kontext der Kolonialgeschichte zu verstehen.
       
       taz: In welcher Weise? 
       
       Seejarim: Es geht um die Frage, wer Macht besitzt und wer die Opfer dieser
       Macht werden. Historisch und gegenwärtig. Gegenwärtig sehen wir das an
       einem globalen Rechtsruck, einer Angst vor dem, der anders ist. Schwarze
       Körper werden da zum einfachen Ziel.
       
       taz: Laut einem 2023 veröffentlichten [5][Report der Agentur der
       Europäischen Union für Grundrechte] (FRA) nimmt anti-Schwarzer Rassismus in
       der gesamten EU zu. Was bedeutet es, dass der Gedenkort gerade jetzt
       eingeweiht wird? 
       
       Seejarim: Als meine Arbeit 2020 ausgewählt wurde, [6][fühlte sie sich
       bereits relevant an]. Aber jetzt ist sie es noch mehr. Die Welt ist in den
       vergangenen Jahren noch weiter nach rechts gerückt. Es ist wichtig, zu
       verstehen, dass anti-Schwarzer Rassismus nicht nur in der EU existiert.
       Auch in [7][Südafrika erleben wir vermehrt Fremdenfeindlichkeit]. Das ist
       Gewalt von Schwarzen gegen Schwarze. In meiner Ausstellung, die gerade im
       Gerhard-Marcks-Haus gezeigt wird, beziehe ich mich auf die EU und den
       Slogan [8][„Send them back“]. Es geht um die Vorstellung davon, was die
       eigene Heimat ist. Wenn jemand sein Zuhause verlässt, geht es ums pure
       Überleben. Geflüchtete zu diskriminieren, ist eine solche Verletzung ihrer
       Rechte. Und ich glaube, die Welt bewegt sich in eine Richtung, in der das
       in Vergessenheit gerät. Die Aufgabe des Gedenkorts ist, darauf aufmerksam
       zu machen. Er versucht zu sagen: Wacht auf, das passiert gerade. Und es
       passiert genau hier.
       
       taz: In dem Report gab mehr als jede*r zweite Schwarze Person in
       Deutschland an, [9][in den vergangenen fünf Jahren Opfer rassistischer
       Übergriffe geworden zu sein]. Ist das auch ein Grund, warum Besuchende mit
       dem Gedenkort interagieren können? 
       
       Seejarim: Ja. Ich möchte, dass die Erfahrung körperlich ist. Besuchende
       sollen sich auf den Ort einlassen, aber es soll kein angenehmes Erlebnis
       sein. Die Buchstaben sind schräg; sie sind kalt wie das Bett, auf dem Laye
       fixiert war. Es soll unangenehm sein, weil es eine unangenehme Geschichte
       ist. Und zudem ist mir wichtig, dass wir verstehen, dass wir eine Mitschuld
       haben. Passivität bedeutet Mittäterschaft.
       
       taz: In anderen Ihrer Werke nutzen Sie Bügeleisen oder Wäscheklammern, um
       die Beziehung zwischen Sorgearbeit, Gender und patriarchaler Unterdrückung
       zu reflektieren. Welche Rolle spielen Materialien in dieser Arbeit? 
       
       Seejarim: Für mich ist das Material der Ausgangspunkt. Ich habe viel über
       das Erlebnis der Besuchenden und über Layes Erlebnis nachgedacht. Wie sahen
       seine letzten Momente aus? Daraus entstand die Idee, Stahl zu verwenden. Es
       ging darum, ein Material zu finden, das zu einer Metapher wird. In meiner
       Ausstellung im Gerhard-Marcks-Haus habe ich mit Kaffeesäcken gearbeitet.
       Der Grund dafür ist, dass [10][Bremen zwar für Kaffee bekannt ist, nicht
       aber als Anbauregion]. Der Kaffee stammt aus Afrika oder dem Globalen Süden
       und wird von Bremen aus in den Rest Europas exportiert. In meiner Arbeit
       ziehe ich eine Parallele zwischen dieser Art der Ausbeutung, der Migration
       von Menschen und einer Politik der Ausbeutung. In diesem Kontext muss auch
       Laye Condés Geschichte erzählt werden. Es ist fast dasselbe Narrativ.
       
       taz: Welche Rolle können Gedenkorte spielen – bei der Aufarbeitung
       kolonialer Verbrechen und diesem jüngeren Kapitel anti-Schwarzen Rassismus? 
       
       Seejarim: Dass dieser Gedenkort entsteht, ist im Besonderen der Bremer
       Zivilgesellschaft zu verdanken. Aber es erfordert auch von der Stadt,
       Verantwortung zu übernehmen. Mit der Errichtung sagt die Stadt Bremen nicht
       nur, dass vom Tod Laye Condés erzählt werden muss. Sie stellt diese
       Geschichte in ihr eigenes Zentrum. Dieser Gedenkort durchbricht das
       Vergessen. Er ist ein wichtiger Schritt, um die Wahrheit anzuerkennen.
       
       Das Interview wurde auf Englisch geführt und ins Deutsche übersetzt.
       
       1 Oct 2026
       
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