# taz.de -- Bremer Denkmal für Brechmittelopfer: In staatlicher Obhut ertränkt
> Laye Condé starb 2005 in Bremen nach der Brechmittelfolter. Das Denkmal
> „Death by Drowning“ erinnert an ihn und weitere Opfer. Samstag wird es
> eröffnet.
(IMG) Bild: Bewusst unbequem zum Sitzen: Visualisierung von Usha Seejarims Installation „Death by Drowning“ vor dem Bremer Gerhard-Marcks-Haus
In Bremen wird ein neuer Gedenkort eröffnet. Gestaltet wurde er von der
[1][südafrikanischen Künstlerin Usha Seejarim]. Er erinnert an die Opfer
der Brechmittelfolter, die allein in [2][Bremen zwischen 1991 und 2005 in
rund 1.200 Fällen] durchgeführt wurde. Um Beweise zu sichern, verabreichte
die Polizei Menschen, die des Drogenhandels verdächtigt wurden, zwangsweise
Emetika wie den Ipecacuanha-Sirup, die Erbrechen auslösen. „Alle uns
bekannten Opfer sind Schwarze junge Männer gewesen“, sagt Gundula Oerter
von der Initiative zum Gedenken an Laye Condé.
Seit über 20 Jahren treibt die Initiative die Aufarbeitung der
polizeilichen Praxis voran. [3][Laye-Alama Condé] war am 7. Januar 2005 in
einem Bremer Klinikum gestorben. Zehn Tage zuvor hatte die Polizei ihn der
gewaltsamen Prozedur unterzogen. Bereits am 12. Dezember 2001 war in
Hamburg der [4][19-jährige Achidi John] an den Folgen eines
Brechmitteleinsatzes gestorben. Dort hatte der damalige Innensenator Olaf
Scholz die polizeiliche Maßnahme im selben Jahr eingeführt.
Der Gedenkort ruft nicht nur zum Erinnern auf. Er ist zugleich ein Protest
gegen den anti-Schwarzen Rassismus, der laut [5][der Agentur der
Europäischen Union für Grundrechte (FRA) in der gesamten EU seit Jahren]
wieder zunimmt. Auch in Deutschland steigen die Zahlen wieder. Dabei wurden
hier ohnehin schon mit die höchsten Diskriminierungswerte gemessen. Bei der
Eröffnung des Gedenkorts wird Bremens aktueller Polizeipräsident Dirk Fasse
eine Rede halten. Neben der Künstlerin Usha Seejarim wird auch [6][Bangaly
Condé, ein Bruder des Getöteten], anwesend sein.
Bereits 2013 hatte die Bremer Initiative die Forderung nach einem
permanenten Gedenkort erhoben. Um dieser Nachdruck zu verleihen, errichtete
sie [7][mehrere Jahre lang einen mobilen Gedenkort in der Stadt]. Im Jahr
2020 debattierte die Bürgerschaft schließlich über das Vorhaben. Die FDP
warnte, dass ein solches Denkmal [8][„ein falsches Signal“] sende und dazu
führe, die „Taten Kleinkrimineller“ zu heroisieren. Auch die CDU sowie AfD,
deren Abspaltung MRF und Bürger in Wut (BiW) stimmten dagegen.
Die Mehrheit des rot-grün-roten Senats befürworteten das Vorhaben jedoch.
Ziel sei es, einen „[9][Ort der Mahnung an Politik und Gesellschaft]“ zu
errichten, um „die Verhältnismäßigkeit staatlicher Maßnahmen stets kritisch
zu hinterfragen.“ Anfang 2022 schrieb die Kulturbehörde dann einen
[10][künstlerischen Wettbewerb] mit einer Fördersumme von 60.000 Euro aus.
Eine von der Behörde einberufene [11][Jury, die sich ausdrücklich aus
Menschen mit Rassismuserfahrung zusammensetzte], entschied sich für den
Entwurf von Usha Seejarim.
## „Tod durch Ertrinken“
Das Werk der südafrikanischen Künstlerin besteht aus fünf Stahlbuchstaben,
die das Wort „FORCE“ bilden. Die Nutzung des englischsprachigen Begriffs
verweist sowohl auf die gewalttätige Folterpraxis selbst als auch auf die
polizeiliche staatliche Macht, von der diese ausging. Die mehrere Meter
großen Buchstaben bieten Sitzflächen und Gelegenheit zum Verweilen und
Diskutieren. Durch schräge Oberflächen und das klinisch-sterile Material
soll der Ort dabei bewusst unbequem sein. Zugleich erinnert er an die
krankenhausähnliche Umgebung, in der das Brechmittel verabreicht wurde.
Usha Seejarim hat den Gedenkort „Death by Drowning“ genannt. Der
englischsprachige Titel lässt offen, ob Tod durch „Ertrinken“ oder
„Ertränken“ gemeint ist. Er verweist direkt auf den Fall des Sierra-Leoners
Laye-Alama Condé, der nach mehreren Versuchen, ihm Brechmittel zu
verabreichen, an der ihm zusätzlich eingeführten Flüssigkeit ertrunken ist.
So schilderte [12][Lutz Müller die grausame Praxis im Jahr 2021 der taz.]
Der von 2012 bis 2021 amtierende Polizeipräsident hatte das Thema in seiner
Amtszeit aufgegriffen und sich für die Aufarbeitung der 2005 beendeten
Praxis eingesetzt.
Condé war am 27. Dezember 2004 unter dem Verdacht des Drogenhandels in
Polizeigewahrsam genommen worden. Über eine Nasensonde waren ihm mehrere
Stunden lang gewaltsam Wasser und Emetika eingeflößt worden, bis er, mit
Kabelbindern und Handschellen an einen Untersuchungsstuhl gefesselt, in
Ohnmacht fiel.
Auch nachdem er bereits mehrere Kapseln mit Kokain erbrochen hatte, machte
der Polizeiarzt Igor V. weiter. Der Pathologe war der Einzige, der später
angeklagt wurde. [13][Nach einem fünfjährigen Prozess wurde das Verfahren
2013 unter Auflage eingestellt]. Als Grund nannte das Gericht die
gesundheitlich bedingte Verhandlungsunfähigkeit des Angeklagten. In der
Urteilsbegründung führte es zudem an, dass „ein etwaiges Fehlverhalten
Dritter oder auch ein Versagen der Politik“ nicht ausgeschlossen werden
könne. Gegen die Politik oder Dritte, wie den Leiter des Ärztlichen
Beweissicherungsdienstes, wurde seitens der Staatsanwaltschaft jedoch nie
ermittelt.
Bereits ab 1991 setzten die Strafverfolgungsbehörden in Bremen
Brechmittelfolter ein. Damit reagierten sie auf ein massives Drogenproblem.
Eingeführt worden war die Brechmittelfolter unter der Bremer
Ampel-Koalition, trotz [14][vielfältiger Warnungen, unter anderem aus
Teilen der Ärzteschaft]. Zuständig waren der [15][Justizsenator Henning
Scherf (SPD)] und Innensenator Friedrich van Nispen (FDP). In den folgenden
Jahren zogen sechs weitere Bundesländer nach: Berlin, Hamburg,
Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg, Niedersachsen und Hessen. Dort
verbot das Oberlandesgericht Frankfurt 1996 den Einsatz.
Erst ein [16][Urteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte]
beendete diese Praxis bundesweit. Das Gericht erkannte in der Prozedur
einen Verstoß gegen das Folterverbot. Abu Bakah Jalloh hatte den
Gerichtshof angerufen: Er hatte bereits 1993 in Wuppertal zwangsweise
Brechmittel verabreicht bekommen und sich über ein Jahrzehnt durch alle
Instanzen geklagt.
## Jahrelang erkämpfter Gedenkort
Bereits in den 1990er-Jahren hatte das Antirassismusbüro Bremen damit
begonnen, Überlebende der Brechmittelfolter zu begleiten und [17][die
körperlichen und psychischen Folgen zu dokumentieren]. So berichtete ein
Betroffener im März 1995: „Ich habe ganz lange Zeit gebraucht, um mich zu
erholen. Lange Zeit hatte ich Durchfall mit fürchterlichem Krach im Bauch.“
Er klagte unter anderem über Kopfschmerzen, Müdigkeit, Magenschmerzen und
Nierenschmerzen. „Seelisch habe ich es nicht überwunden.“ Einige
Überlebende hätten jahrelang mit niemandem über ihre Erfahrungen
gesprochen, sagt Gundula Oerter von der Gedenkinitiative: „Derart
erniedrigt und entmenschlicht zu werden – diese Erfahrungen wirken über
Jahrzehnte nach.“
Seit 2006 organisiert die Initiative eine jährliche Gedenkveranstaltung zu
Condés Todestag. Dabei sei sie zunächst vor allem mit Schweigen und
Vertuschungsversuchen konfrontiert gewesen, erinnert sich Oerter. Ein
Wendepunkt war die [18][kritische Materialveröffentlichung der Bremer
Polizei] im Jahr 2014, die insbesondere Lutz Müller vorangetrieben hatte.
Sein Bekenntnis: In Polizeigewahrsam darf ein Mensch unter keinen Umständen
zu Schaden kommen.
Laut Oerter war das ein später, aber wichtiger Schritt: „Lutz Müller hat
damals mit präsenten rassistischen, menschenfeindlichen und auch
antirechtsstaatlichen Positionen gebrochen.“ Dadurch sei „in der
Stadtgesellschaft ein anderer Dialog angestoßen worden“.
Der ist noch nicht beendet. „Zwar ist Brechmittelfolter in Bremen
Geschichte“, so Oerter, „anti-Schwarzer Rassismus oder auch Racist
Profiling sind es hingegen nicht.“ Deshalb fordert die Initiative auch eine
angemessene Entschädigung der Betroffenen. „Zudem braucht es ein Format des
Um-Verzeihung-Bittens, das bei den Betroffenen ankommt“, sagt Oerter.
Bislang hatte die Bürgerschaft ihr Schuldeingeständnis nur in einem
[19][offiziellen Beschluss von 2020] festgehalten. Viele überlebende Opfer
und Angehörige hätten davon jedoch nichts mitbekommen, sagt Gundula Oerter.
„Deshalb bleibt, trotz unserer großen Freude über den Gedenkort, noch eine
Leerstelle.“
22 Sep 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Mahnmal-fuer-Bremer-Folter-Opfer/!5968547
(DIR) [2] /Mahnmal-gegen-Polizeifolter/!5739551&s=Bremen+Brechmittelfolter/
(DIR) [3] /Nach-Brechmittelfolter-in-Bremen/!5818752
(DIR) [4] /Tod-nach-Brechmittelgabe/!5818751
(DIR) [5] https://fra.europa.eu/sites/default/files/fra_uploads/fra-2023-being-black_in_the_eu_en.pdf
(DIR) [6] /Bruder-von-Laye-Conde-im-Interview/!5051363
(DIR) [7] /Tod-mit-Ansage/!5261600&s=Brechmittelfolter&SuchRahmen=Print/
(DIR) [8] https://www.bremische-buergerschaft.de/dokumente/wp20/land/protokoll/P20L0019.pdf
(DIR) [9] https://www.senatspressestelle.bremen.de/sixcms/media.php/13/20231108_2020-07-01_Drs-20-521_d66a5.pdf
(DIR) [10] /Erinnerung-an-Bremer-Brechmittel-Opfer/!5903930
(DIR) [11] /Denkmal-fuer-Laye-Conde-in-Bremen/!5823548
(DIR) [12] /Frueherer-Polizeichef-ueber-Fehlerkultur/!5789096
(DIR) [13] /Mahnmal-fuer-Laye-Conde/!5693524
(DIR) [14] /Laye-Conde/!5040167
(DIR) [15] /Fehler-eingestanden/!5368709
(DIR) [16] /Das-Brechen-brechen/!404687&s=EugH+Brechmittel&SuchRahmen=Print/
(DIR) [17] https://brechmittelfolter-bremen.de/wp-content/uploads/2021/11/Betroffene-berichten-Der-Polizist-sagt-zu-mir-wenn-ich-es-nicht-sofort-trinke-wird-er-mich-erschiesen.-1993.pdf
(DIR) [18] /Tod-nach-Brechmittel-Einsatz/!5051500
(DIR) [19] https://www.senatspressestelle.bremen.de/sixcms/media.php/13/20231108_2020-07-01_Drs-20-521_d66a5.pdf
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(DIR) Anouk Boelsen
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