# taz.de -- Zivilgesellschaft in Ost und West: Engagiert, aber nicht unverwundbar
       
       > Ehrenamt kann Sinn stiften, Gemeinschaft schaffen und das Gefühl
       > vermitteln, etwas zu bewirken. Doch was passiert, wenn aus Verantwortung
       > Überforderung wird? 
       
       Über die Belastungen ländlichen Engagements, Selbstfürsorge und
       unterschiedliche Erfahrungen in Ost- und Westdeutschland sprechen Ulrike
       Hähnlein und Felicitas Gerull, die Vorstandsvorsitzenden des Denkwerks Ost
       e. V., in der neuen Folge von „Mauerecho – Ost trifft West“. Die Moderation
       übernimmt Dennis Chiponda. [1][Das Gespräch war Teil der Überland Festivals
       2026 in Görlitz].
       
       Wie weit die Belastung gehen kann, zeigt der [2][Rücktritt Dirk Neubauers].
       Der Gründer des Denkwerks Ost kündigte 2024 seinen Rücktritt als Landrat
       des Landkreises Mittelsachsen an. Zuvor habe sich eine „diffuse
       Bedrohungslage aus der rechten Ecke“ bis in sein privates Umfeld
       ausgeweitet, berichtete Neubauer dem vorwärts.Anfeindungen sind jedoch nur
       eine mögliche Belastung. Hinzu kommen Zeitdruck, hohe Erwartungen und das
       Gefühl, immer mehr Verantwortung übernehmen zu müssen. Wer sich langfristig
       engagiere, brauche deshalb nicht nur Resilienz und Durchhaltevermögen, sagt
       Gerull. Ebenso wichtig sei es, die eigenen Grenzen zu erkennen und
       Unterstützung anzunehmen.
       
       „Wenn jemand gerade durchhängt und sagt: ‚Ich kann nicht mehr‘, dann gibt
       es auch immer jemanden, der die Kraft hat, weiterzumachen“, sagt Gerull.
       Entscheidend sei, sich zu vernetzen und Verantwortung zu teilen. Engagement
       könne belasten, aber auch Kraft geben.
       
       Wie wichtig sinnvolle und passende Aufgaben sind, zeigt der 2026
       veröffentlichte Abschlussbericht [3][„Sinn im Ehrenamt“ der Deutschen
       Stiftung für Engagement und Ehrenamt.] Für die Untersuchung wurden zunächst
       143 Menschen beim Beginn eines neuen Engagements befragt, 104 von ihnen
       erneut nach drei Monaten. Danach berichteten die Engagierten im
       Durchschnitt von einer höheren Sinnerfüllung. Zugleich zeigte sich: Stimmen
       persönliche Interessen, Motive und Vorstellungen von Sinn mit der Aufgabe
       und der Organisation überein, sind Engagierte zufriedener. Auch
       Mitbestimmung kann dazu beitragen, dass eine Tätigkeit als sinnvoll erlebt
       wird.
       
       ## 27 Millionen Menschen freiwillig engagiert
       
       Fehlt diese Passung, kann das [4][Engagement] dagegen psychisch belasten.
       Vereine und Initiativen sollten deshalb nicht nur fragen, welche Aufgaben
       erledigt werden müssen. Sie sollten auch klären, was Engagierte motiviert,
       welche Fähigkeiten sie mitbringen und wie viel Verantwortung sie übernehmen
       können. Eine Burn-out-Quote liefert die Studie allerdings nicht.
       
       Wie viele Menschen diese Fragen betreffen, zeigt der [5][Deutsche
       Freiwilligensurvey] 2024: Rund 27 Millionen Menschen ab 14 Jahren
       engagieren sich in Deutschland freiwillig. In ländlichen Räumen liegt ihr
       Anteil mit 38,4 Prozent etwas höher als in Städten mit 35,8 Prozent. Im
       Westen beträgt die Engagementquote 37,3 Prozent, im Osten einschließlich
       Berlin 34 Prozent.
       
       Die unterschiedlichen historischen Voraussetzungen wirken dennoch nach.
       Während sich freie zivilgesellschaftliche Organisationen in Westdeutschland
       über Jahrzehnte entwickeln konnten, war unabhängiges
       [6][gesellschaftspolitisches Engagement in der DDR] stark eingeschränkt,
       erläutert die Bundeszentrale für politische Bildung.Diese Geschichte prägt
       Hähnleins Biografie: „Bei uns in der DDR hieß [7][Ehrenamt]: die Jungen
       Pioniere und die FDJ. Ehrenamt hat für mich erst ab 1990 begonnen.“
       
       Gerull stammt dagegen aus der Lüneburger Heide und wurde schon früh
       gesellschaftlich aktiv. Trotz ihrer unterschiedlichen Erfahrungen sind sich
       beide einig: Engagement braucht nicht nur Überzeugung, sondern auch
       Strukturen, die Verantwortung verteilen und Pausen ermöglichen.
       
       „Mauerecho – Ost trifft West“ ist ein Podcast der [8][taz panterstiftung].
       Er erscheint derzeit jede Woche auf [9][taz.de/mauerecho] sowie überall, wo
       es Podcasts gibt. Besonderer Dank gilt unserem Sounddesigner Sebastian
       Jautschus und unserem Praktikanten Kilian Hamidi.
       
       11 Sep 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://landlebtdoch.de/festivals/festival-2026-ankuendigung/
 (DIR) [2] /Nach-Ruecktritt-von-Landrat-in-Sachsen/!6026194
 (DIR) [3] https://www.deutsche-stiftung-engagement-und-ehrenamt.de/wp-content/uploads/2026/01/Abschlussbericht-Sinn-im-Ehrenamt_29.01.2026.pdf
 (DIR) [4] /Freiwilliges-Engagement/!6129787
 (DIR) [5] https://www.bundesregierung.de/breg-de/bundesregierung/bundeskanzleramt/startseite-staatsminister-fuer-sport-und-ehrenamt/bericht-zur-lage-von-engagement-und-ehrenamt-veroeffentlicht-2393064
 (DIR) [6] https://www.bpb.de/themen/deutsche-einheit/lange-wege-der-deutschen-einheit/47178/buergerschaftliches-engagement-und-zivilgesellschaftliche-organisationen-in-deutschland/
 (DIR) [7] /Freiwillige-Hilfestellungen/!6136104
 (DIR) [8] /stiftung
 (DIR) [9] /mauerecho
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Dennis Chiponda
       
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