# taz.de -- Überlassen wir die Jugend den Rechten: Wer nicht da ist, verliert
> Was entscheidet darüber, ob sich ein frustrierter Jugendlicher
> radikalisiert oder seine Wut in etwas Produktives umwandelt? Ein Ossi of
> Colour und ein rechter Aussteiger diskutieren.
[1][In einer früheren Mauerecho-Folge] sagte Sarah Schröder von der Alten
Spitzenfabrik im sächsischen Grimma: „Es hätte damals nur einige Zufälle
gebraucht und ich hätte auch bei den Nazis landen können.“ Christian
Weißgerber, Gast der aktuellen Folge und ehemaliger Neonazi, erzählt von
der entgegengesetzten Erfahrung. In Eisenach habe es damals keine gut
organisierten linken Strukturen gegeben. Mit seiner Wut, sagt er, hätte er
ebenso „ein extrem guter Linksaußen werden können“.
Eine wichtige Rolle spielt, wem Jugendliche begegnen und welche
Gemeinschaft ihnen angeboten wird. Weißgerber beschreibt die
Nachwuchsgewinnung als strategische Kernarbeit der rechten Szene. Junge
Menschen seien über Bekannte und Veranstaltungen erreicht worden, die
zunächst Spaß und einen sozialen Raum geboten hätten. Weißgerber diskutiert
mit dem Mauerecho-Host Dennis Chiponda.
Die [2][Bayerische Informationsstelle gegen Extremismus] bestätigt diese
Strategie: Extremistische Akteure nutzen demnach Grillfeste, Konzerte,
Fußballturniere und andere Freizeitangebote, um Jugendliche anzusprechen.
Ideologische Botschaften stehen anfangs häufig im Hintergrund.
Radikalisierung beschreibt die BIGE als vielschichtigen Prozess, bei dem
Wut, mangelnde Anerkennung und Orientierungslosigkeit eine Rolle spielen
können.
Diese Faktoren führen jedoch nicht automatisch in den Rechtsextremismus,
betont der Sozialwissenschaftler Daniel Kubiak: „Haltlosigkeit, Wut und
fehlende Anerkennung führen nicht automatisch in den Rechtsextremismus:
„Man kann genauso gut die Fusion gründen oder zu den Backstreet Boys auf
Konzerte gehen.“
## Die Jugendzentren verschwinden
Doch viele niedrigschwellige Räume sind verschwunden. Laut dem [3][17.
Kinder- und Jugendbericht] sank die Zahl der Einrichtungen der Kinder- und
Jugendarbeit zwischen 2006 und 2020 um 24,2 Prozent – von 17.966 auf
13.617. Die Zahl der Jugendräume und Jugendheime ohne hauptamtliches
Personal ging sogar von 7.019 auf 3.183 zurück. Der Bericht nennt dafür
unterschiedliche Ursachen; einen automatischen Zusammenhang mit
Radikalisierung beweisen die Zahlen nicht.
Wie wichtig neben Räumen auch verlässliche Bezugspersonen sind, zeigt die
Arbeit der Bildungsreferentin Luana Brückner. Ihr Projekt „Brücken, die uns
näher rücken“ verliert im Zuge der Umstrukturierung von „Demokratie leben!“
Ende des Jahres seine bisherige Förderung. Brückner warnt: „Wenn wir das
nicht machen, machen das eben andere. Und die wissen genau, was sie wollen
und wo sie hinwollen.“
Eine schlecht ausgestattete Jugendarbeit macht junge Menschen nicht
automatisch rechtsextrem. Doch sie lässt Lücken, die die organisierte
Rechte gezielt nutzen kann. Warum demokratische Jugendarbeit deshalb
verlässliche Orte, Fachkräfte und langfristige Unterstützung braucht, hört
ihr in der neuen Folge Mauerecho.
„Mauerecho – Ost trifft West“ ist ein Podcast der taz panterstiftung. Er
erscheint alle zwei Wochen donnerstags auf [4][taz.de/mauerecho] sowie
überall, wo es Podcasts gibt. Besonderer Dank gilt unserem Sounddesigner
Sebastian Jautschus.
4 Sep 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Zivilgesellschaft-unter-Druck/!6084898
(DIR) [2] https://www.bige.bayern.de/informationen-zu-extremismus/im-fokus-extremismus/radikalisierung-von-minderjaehrigen/
(DIR) [3] https://www.bmbfsfj.bund.de/resource/blob/244626/b3ed585b0cab1ce86b3c711d1297db7c/17-kinder-und-jugendbericht-data.pdf
(DIR) [4] /mauerecho
## AUTOREN
(DIR) Dennis Chiponda
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