# taz.de -- Midterms in den USA: Die US-Demokratie ist doch noch nicht ganz verloren
> Der Supreme Court hat Trumps Vorhaben, die Briefwahl einzuschränken,
> gestoppt. Das oberste Gericht holt sich seine Unabhängigkeit teilweise
> zurück.
(IMG) Bild: Seiner Willkür wurden Grenzen gesetzt, Präsident Trump in seiner Limousine in Washington
Den US-Präsidenten erzürnt zu sehen, ist eine eigene Erfahrung. Einerseits
ist etwas geschehen, das seiner Willkür Grenzen setzt oder ihn blamiert.
Andererseits machen ihn solche Situationen noch unberechenbarer und
bedrohlicher. Genau eine solche Situation ist jüngst eingetreten. [1][Nach
dem Urteil des Supreme Court zur Briefwahl] war Donald Trump außer sich.
„Das Gremium lässt sich von der radikalen Linken zu Entscheidungen drängen,
die Amerika um hundert Jahre zurückwerfen. Das sind nicht die Richter, die
ich ausgesucht habe, sie sind nur noch ein Schatten ihrer selbst“, polterte
er auf Truth Social.
Der Supreme Court, neben dem Präsidenten die mächtigste Institution des
Landes, hatte die Anstrengungen der Regierung, die Briefwahl bürokratisch
zu erschweren, zurückgewiesen. Der bislang wohl drastischste Versuch
Trumps, in die Midterm-Wahlen im Herbst einzugreifen, wurde damit
vereitelt. Das fuchst den Präsidenten besonders, weil er lange glaubte, den
Supreme Court in der Tasche zu haben.
Die Richter des Verfassungsgerichts werden vom jeweiligen Präsidenten
bestellt, und Trump konnte in seiner ersten Amtszeit gleich drei von ihnen
auf Lebenszeit nominieren: Brett Kavanaugh, [2][Amy Coney Barrett] und Neil
Gorsuch. Seither haben konservative Richter im Gremium eine „Supermehrheit“
von sechs zu drei. Trump glaubte es jetzt mit einem Supreme Court zu tun zu
haben, der jeglichen Versuch abschmettern würde, ihn juristisch
auszubremsen. Lange schien das tatsächlich so zu sein. Das Gericht wies
mehr als 30 Versuche, Trumps Exekutivanordnungen zu stoppen, ohne
gründliche Prüfung ab.
Doch Ende des vergangenen Jahres begann der Supreme Court, sich von Trump
abzunabeln und sich seine Legitimität teilweise zurückzuholen. Das Gericht
verbot ihm, die Nationalgarde in Illinois als Polizeitruppe einzusetzen. Es
erklärte Zölle auf Konsumartikel für verfassungswidrig. Es hinderte ihn
daran, eine der „Gouverneurinnen“ der US-Notenbank Federal Reserve zu
feuern. Auch [3][hinderte das Gericht ihn daran, das Geburtsrecht auf
Staatsbürgerschaft aufzuheben.] In der vergangenen Woche enttäuschten die
Richter dann gleich zweimal: zuerst mit dem Urteil zur Briefwahl, das es
Trump unmöglich macht, Bürgern die Wahl zu erschweren. Kurz darauf
schmetterte das Gericht den Versuch des Bundesstaats Missouri ab, die
Grenzen der Wahlbezirke zugunsten der Republikaner neu zu ziehen.
Was vielen Amerikanern nun die Hoffnung auf einen noch gesunden Kern der
US-Demokratie macht, lässt den Präsidenten wüten. Zum einen fühlt er sich
vom Supreme Court verraten, zum anderen sieht er seine Möglichkeiten
schwinden, die Midterms zu manipulieren. Denn die drohen für ihn und seine
Partei zum Debakel zu werden.
## Studien belegen keinen Vorteil
Dabei war der Vorteil, den sich Trump von der Erschwerung der Briefwahl
versprach, ohnehin dubios. Nachgewiesen ist tatsächlich, dass demokratische
Wähler eher als republikanische geneigt sind, das Briefwahlverfahren in
Anspruch zu nehmen. Ebenso, dass Demokraten von einer hohen Wahlbeteiligung
tendenziell profitieren. Dennoch konnten Studien keinen eindeutigen Vorteil
einer hohen Nutzungsrate des Briefwahlverfahrens für eine der beiden
Parteien finden.
So enthüllt Trumps Versuch, die Briefwahl zu erschweren, vor allem eines:
Trumps Angst, in der Novemberwahl eine Schlappe zu erleiden. Deswegen ist
er bereit, jede nur erdenkliche Möglichkeit auszuschöpfen, um sie zu
manipulieren. Das ist der Aspekt, vor dem man Angst haben sollte: Je
verzweifelter Trump ist, desto unberechenbarer und gefährlicher wird er.
## Nicht Trumps letzter Versuch
Kein Beobachter in den USA glaubt, dass dies Trumps letzter Versuch war, in
die Wahl einzugreifen, die vor allem auch ein Referendum über seine
Präsidentschaft ist. Welche weiteren Manöver ihm einfallen, bleibt vorerst
der Fantasie überlassen. Tatsache ist, dass Wahlhelfer jetzt schon darauf
vorbereitet werden, sich am Wahltag mit Mitarbeitern des Justizministeriums
herumzuschlagen, die unter irgendeinem Vorwand versuchen, Stimmzettel zu
beschlagnahmen.
Dass der Supreme Court im aktuellen Fall standhaft war, ist dabei nur ein
milder Trost. Frank Bruni, Kolumnist der New York Times, drückte es so aus:
„Die Richter sind vielleicht keine Schoßhunde Trumps. Aber sie sind Pudel,
die ihm zu Füßen liegen.“
19 Sep 2026
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