# taz.de -- Kenia verschärft Kurs gegen Migranten: Scharfe Kritik und Proteste mit Graffiti
> Kenia will Arbeitsmigranten ohne Joberlaubnis aus dem Land werfen. Die
> Folge der aufgeheizten Lage: Hass und Hetze gegen Menschen aus Uganda
> oder Burundi.
(IMG) Bild: Aus Angst vor Übergriffen suchten Tausende Burundier auf dem Grundstück der burundischen Botschaft Schutz
Sie transportieren Matratzen auf dem Kopf, schultern Reisetaschen und haben
Rollkoffer im Schlepptau – täglich kehren hunderte Ugander aus dem
Nachbarland Kenia über den Grenzposten zurück in ihr Heimatland. Der Grund:
Anfang September hat Kenias [1][Präsident William Ruto] verkündet, es würde
nicht länger geduldet, dass ausländische Händler oder Straßenverkäufer ohne
Arbeitserlaubnis in Kenia Geschäfte tätigen und den Kenianern damit die
Jobs wegnehmen. Er setzte zunächst eine Frist von fünf Tagen für Ausländer
ohne Arbeitserlaubnis, das Land zu verlassen.
Diese Entscheidung kommunizierte Ruto nach einem Treffen mit Kenias
Handelsverband, dem Verband für kleine und mittelständische Unternehmen
sowie Kenias Handelsminister Lee Kinyanjui. Dabei wurden zwei Gesetze
diskutiert, die im Parlament debattiert wurden und nun von Präsident Ruto
unterzeichnet werden müssen. Darunter ist ein Gesetz, das ausländische
Investoren verpflichtet, mehrheitlich lokale Rohstoffe einzukaufen und
kenianische Arbeitskräfte anzuheuern.
Handelsminister Kinyanjui betonte gegenüber Ruto, es habe einen
„vorsätzlichen Missbrauch von Visaanträgen durch einige Besucher“ gegeben.
Diese seien zwar als Investoren oder Touristen eingereist, hätten sich
letztlich jedoch geschäftlichen Aktivitäten gewidmet. Tausende Händler
hatten vergangene Woche in Nairobi gegen steigende Steuern und
Geschäftskosten protestiert. Wie überall in Afrika erlebt auch Kenias
Wirtschaft eine enorme Flaute. Grund dafür sind unter anderem die hohen
Benzinpreise als Folge des Irankrieges, die die Wirtschaft lahmlegen, sowie
eine anhaltende Dürre, die Lebensmittelpreise verteuert.
## Droht das Südafrika-Szenario?
Nach den Ereignissen in Südafrika im Juni, als Tausende afrikanische
Migranten von wütenden Mobs aus dem Land gejagt wurden, fürchten viele,
dieses Szenario würde sich nun auch in Kenia wiederholen. In den
vergangenen Tagen kam es in der Folge zu Mob-Attacken gegen burundische,
kongolesische oder ugandische Straßenhändler in Kenias Hauptstadt Nairobi.
Aus Angst vor Übergriffen suchten Tausende Burundier auf dem Grundstück der
burundischen Botschaft Schutz, viele schleppten ihre Habseligkeiten an und
verlangten, die Botschaft solle ihnen für die Heimreise finanziell unter
die Arme greifen. In Kenias Hafenstadt Mombasa suchten hunderte Burundier
Schutz in einer Kirche. Burundis Außenminister Edouard Bizimana erklärte in
einem Beitrag auf X, dass „[2][Kenianer in Burundi friedlich leben, sich
die Lage aber mit Sicherheit ändern wird, sollte die Hassrede gegen Burundi
anhalten“.]
Kenias Regierung verlängerte am Dienstag die Frist für Ausländer, sich die
nötigen Papiere zu beschaffen, auf 90 Tage. Nach Ablauf dieser Frist werde
die Regierung jedoch die Einwanderungsgesetze „strikt“ umsetzen, heißt es
in einer Erklärung, betont wird ausdrücklich: „Keine Einzelpersonen oder
Gruppen haben das Recht, Ausländer zu belästigen, einzuschüchtern oder zu
bedrohen“.
## Viele Migranten besitzen keine Arbeitserlaubnis
Kenia gilt in der Ostafrikanischen Gemeinschaft (EAC) als Anziehungspunkt
für Arbeitsmigranten, da der Privatsektor in Kenia deutlich stärker ist und
damit mehr Jobs und Einkommen bietet. Die EAC-Statuten erlauben es ähnlich
wie im europäischen Schengen-Raum Personen aus den Nachbarländern, frei zu
migrieren. Laut kenianischen Einwanderungsregeln benötigen Migranten aus
den EAC-Staaten lediglich ein sogenannten „Class R-Permit“, um sich
langfristig niederzulassen, einen Job anzutreten oder einen Laden zu
eröffnen.
Das Dokument kann man kostenlos online beantragen, allerdings muss man der
Immigrationsbehörde ein polizeiliches Führungszeugnis und die Registrierung
eines Kleinunternehmens vorlegen. Dies sind Dokumente, die viele
Straßenverkäufer aus Burundi oder Kongo, die an Bushaltestellen gekochte
Eier, Kaffee oder Sandwiches verkaufen, nicht haben. Laut Angaben des
UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR leben rund 16.000 Burundier in Kenia, die
meisten seit der Verfassungskrise in ihrer Heimat 2015. Sie kamen als
Flüchtlinge, erhielten Asyl und sind dann geblieben. Sie suchten sich
Arbeit, ohne eine Arbeitserlaubnis zu beantragen.
Kenias Präsidentensprecher Hussein Mohamed konkretisierte am Dienstag: „Wir
rufen alle Staatsangehörigen ostafrikanischer Gemeinschaften ohne gültige
Aufenthaltsdokumente – und insbesondere burundische Staatsbürger, die sich
derzeit in Kenia aufhalten – dazu auf, sich unverzüglich bei ihren
jeweiligen Hochkommissariaten oder Botschaften zur förmlichen
Identitätsregistrierung zu melden.“
Kenias Regierung werde direkt mit den Botschaften den Aufenthalt
legalisieren, um den Migranten „[3][Zugang zu Gesundheitsversorgung, Justiz
und Banken ohne Furcht zu erhalten“,] so der Sprecher. Er betonte, die
Regierung vertrete eine „Null-Toleranz-Politik“ gegenüber Xenophobie. Kenia
sei berühmt für seine „Gastfreundlichkeit“. Der regionale
[4][ostafrikanische Anwaltsverband] verurteilt das Vorgehen und verweist
ausdrücklich auf Artikel 13 des EAC-Common-Market-Protokolls, das Personen
aus den EAC-Mitgliedstaaten das Recht erteilt, sich überall innerhalb der
EAC selbstständig zu machen und wirtschaftlichen Aktivitäten nachzugehen.
## Scharfe Kritik und Straßenproteste
Kenias unabhängige [5][Menschenrechtskommission (KNCHR]) zeigt sich in
einer Erklärung „besorgt über die möglichen Auswirkungen auf die
Menschenrechte“. Und die kenianische Kriminalpolizei nahm bereits einen
Mann fest, der in Videobotschaften auf den sozialen Medien gegen Burundier
hetzte. Er soll nun wegen „Hassrede“ angeklagt werden, so die Behörden.
Tausende Kenianer strömten am Dienstag auf die Straßen im Zentrum Nairobis,
um gegen Ausländerfeindlichkeit zu demonstrieren. Künstler sprayten
Graffiti „Gegen Xenophobie“ an Hauswände.
Martha Karua, Kenias Ex-Justizministerin und Präsidentschaftskandidatin bei
den kommenden Wahlen 2027 kritisierte ebenfalls Rutos Entscheidung auf X.
Für sie ist dies reine Wahlkampf-Taktik: „Wir dürfen nicht zulassen, dass
sich wirtschaftliche Frustration in fremdenfeindliche Rhetorik verwandelt“,
warnte sie. Ruto hatte bei seinem Amtsantritt vor allem jungen Leuten mehr
Jobs und bessere Chancen versprochen. Die derzeitige wirtschaftliche
Situation ist jedoch alles andere als vielversprechend.
10 Sep 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Massenproteste-in-Kenia/!6093265
(DIR) [2] https://x.com/Edbiziman/status/2096609885211267443
(DIR) [3] https://x.com/SpokespersonGoK/status/2096978867575484856
(DIR) [4] https://x.com/ealawsociety/status/2097213936022040811/photo/1
(DIR) [5] https://x.com/HakiKNCHR/status/2097230041641791622/photo/3
## AUTOREN
(DIR) Simone Schlindwein
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