# taz.de -- Nordkorea: Der zweite Frühling des Kim-Regimes
> Lange Zeit schien das Regime dem Zusammenbruch nahe. Doch jetzt genießt
> es dank Moskau und Peking neue Stärke, die aber nicht von Dauer sein
> dürfte.
(IMG) Bild: Mit nordkoreanischen Flaggen geschmückte Lastwagen fahren am Montag über die neue Brücke zwischen Nordkorea und Russland
Die Grußbotschaften, die [1][Machthaber Kim Jong Un] am Mittwoch erhalten
hat, stammen von den mächtigsten Männern der Welt: Chinas Präsident Xi
Jinping gratulierte dem 42-Jährigen zu seinen jüngsten Erfolgen, sein
russischer Amtskollege Wladimir Putin möchte die strategische Partnerschaft
mit seinem Verbündeten ausbauen. Und Donald Trump versucht schon seit
Wochen, ein Treffen mit dem nordkoreanischen Diktator zu ergattern – bisher
vergeblich. Es klingt erstaunlich, ist aber wahr: Der nordkoreanische Staat
feiert seinen 78. Jahrestag und ist derzeit so stark wie nie.
Wer die Geschichte des Landes als turbulent bezeichnet, untertreibt. Als
Kim Il Sung die „Demokratische Volksrepublik Korea“ im September 1948
proklamierte, wurde sie als Marionette der Sowjetunion wahrgenommen. Doch
Kim drängte nur zwei Jahre später seinen politischen Förderer Stalin dazu,
einen Angriff auf das kapitalistische, von den USA gestützte Südkorea zu
genehmigen. Der Koreakrieg (1950–1953) forderte mehrere Millionen Tote und
zementierte die Teilung der koreanischen Halbinsel.
Der nördliche Teil galt auch dank der geografischen Nähe zu Russland und
China bis weit in die 1960er Jahre als das wirtschaftlich überlegene der
zwei Koreas. Pjöngjang spielte seine Verbündeten Moskau und Peking
gegeneinander aus, um größtmögliche Konzessionen zu erhalten. Doch mit dem
Ende der Sowjetunion, dem wichtigsten Öllieferanten des Landes, brach
Nordkoreas Volkswirtschaft praktisch vollständig zusammen. Eine Hungersnot
mit über einer halben Million Toten war die Folge.
Doch die vielleicht größte Transformation legte das „hermetisch
abgeriegelte Königreich“ während der letzten zwei Dekaden hin. Frank
Jannuzi spricht von einem „grundlegenden Wandel“, dessen Bedeutung man kaum
überschätzen könne. Der 62-jährige Jannuzi beobachtet Nordkorea bereits
mehr als sein halbes Leben lang, im US-Senat hat er schon Joe Biden und
John Kerry beraten.
## Eine Wiedervereinigung ist für Pjöngjang kein Thema mehr
Früher war Nordkoreas höchste politische Doktrin noch eine Vereinigung mit
dem verfeindeten Süden – notfalls unter militärischem Zwang. Seit Ende 2023
hingegen hat Kim Jong Un eine radikale Kehrtwende hingelegt: Südkorea
erklärte er zum Hauptfeind, zu dem man jeglichen Kontakt ablehnt. Die
Demarkationslinie ließ Kim weiter verminen, die letzten historischen
Eisenbahnverbindungen sprengen, den ikonischen „Bogen der
Wiedervereinigung“ – ein 30 Meter hohes Monument in Pjöngjang – kurzerhand
abreißen.
Einen ähnlich drastischen Wandel hat das Regime in seiner Außenpolitik
hingelegt: Einst ein international geächteter Paria-Staat, steht Nordkorea
längst unter der schützenden Hand Moskaus und Pekings. Seit Ende 2024 hat
Pjöngjang [2][mindestens 15.000 Soldaten zur Unterstützung Russlands im
Ukrainekrieg] entsandt, hinzukommen [3][große Lieferungen an
Artilleriemunition und Raketen]. Dafür sichert Putin seinem neuen
Verbündeten einen De-facto-Beistandspakt zu, Wirtschaftshilfen und auch
Militärtechnologie.
Die internationalen Wirtschaftssanktionen, die gegen Nordkorea wegen seines
Atomprogramms verhängt wurden, existieren nur noch auf dem Papier. China
bemüht sich nicht einmal mehr, sie dem Anschein nach zu befolgen. Der
Handel zwischen Pjöngjang und Peking brummt, die Folgen sind im Stadtbild
der Hauptstadt sichtbar. Allein im Jahr 2025 wurden rund 10.000 moderne
Apartmentwohnungen in Pjöngjang fertiggestellt, die Mittelschicht verfügt
längst über Smartphones aus heimischer Produktion. Im einst autoleeren
Stadtzentrum gehören Staus zum Alltag.
Kims größte Errungenschaften sind militärisch: War eine eigene Atombombe
noch in den frühen Nullerjahren eine kühne Vision, hat Nordkorea laut
südkoreanischen Schätzungen bereits bis zu 120 Sprengköpfe. Hinzukommen
Interkontinentalraketen, deren Reichweite bis zur US-Westküste reichen.
## Experte: „Es ist eine völlig neue Lage“
„Befinden wir uns heute in einer neuen Lage? Absolut! Es ist eine völlig
neue Lage“, meint Experte Januzzi. „Es gibt keinen Grund zur Annahme, dass
Nordkorea seine Atomwaffen in absehbarer Zeit aufgeben wird.“
In Südkorea scheint man sich damit bereits abgefunden zu haben. Das Ziel
einer nuklearen Abrüstung wird von Präsident Lee Jae-myung mittlerweile
deutlich flexibler aufgefasst: Erst müsse man gemeinsam ins Gespräch kommen
und langsam wieder Vertrauen aufbauen. Erst dann solle man versuchen, über
Nordkoreas Atomwaffenprogramm zu verhandeln.
„Die Realität hat sich verändert, die Strategie muss ebenfalls folgen“,
meint Südkoreas Vizeverteidigungsminister Kim Hong-cheol. Der ehemalige
Luftwaffen-Generalmajor sagt jedoch auch: „Die Realität anzuerkennen
bedeutet nicht, sie zu legitimieren.“
Kim Jong Un ist jenem Ziel, von dem schon sein Großvater und Staatsgründer
Kim Il Sung geträumt hat, einem gehörigen Schritt näher gekommen: von der
internationalen Staatengemeinschaft – wenn auch stillschweigend und
notgedrungen – als Atomstaat anerkannt zu werden.
Doch die geopolitischen „Flitterwochen“, die Pjöngjang derzeit durchlebt,
dürften nicht ewig halten. „Die Erfahrungen der letzten 70 Jahre haben
deutlich gezeigt, dass die russische und nordkoreanische Volkswirtschaft
nicht miteinander kompatibel sind“, meint Andrei Lankow von der
Kookmin-Universität in Seoul. Der gebürtige Russe, der einst in Pjöngjang
studierte, gilt als führender Nordkorea-Experte. Er weiß: Das Kim-Regime
ist nur so lange für Moskau nützlich, solange es günstige Arbeitskräfte
oder Soldaten an die Front schickt. Endet der Ukrainekrieg, könnte Putin
seinen Verbündeten wieder fallen lassen.
## Erdrückende Abhängigkeit von China
Die erdrückende Abhängigkeit von China missfällt den paranoiden
Parteikadern in Pjöngjang ohnehin. „Sie misstrauen China zutiefst“, sagt
Lankow. Denn die Volksrepublik ist wohl das einzige Land, das mächtig genug
ist, sich in die innere Politik Nordkoreas einzumischen.
Genau aus dieser Konstellation könnte sich in ein paar Jahren eine Chance
für den Westen ergeben. Denn vielleicht sucht Nordkoreas Staatsführung doch
noch mal eine Annäherung an Washington oder Seoul, um seine Abhängigkeiten
zu diversifizieren. Sollte Trump sein erhofftes Gipfeltreffen mit Kim noch
bekommen, würde schon jetzt feststehen, dass Nordkoreas Machthaber aus
einer Position der Stärke verhandeln wird.
9 Sep 2026
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## AUTOREN
(DIR) Fabian Kretschmer
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