# taz.de -- Reaktionen auf Manöverabsage: Donald Trumps unberechenbarer Koreakurs
> Die Außenpolitik des US-Präsidenten lässt Verbündete in Asien an der
> Zuverlässigkeit der USA zweifeln. Für China ist das ein unverhofftes
> Geschenk.
(IMG) Bild: US-Soldaten nehmen am 18. August an einem Fluss nahe der Grenze zu Nordkorea am Militärmanöver „Ulchi Freedom Shield“ teil
Zynisch könnte man sagen: Immerhin hat Donald Trump in nur wenigen Wochen
Bewegung in die seit Jahren verhärteten Fronten auf der koreanischen
Halbinsel gebracht. Doch die Dynamik, die der US-Präsident auslöst, lässt
sich kaum als kohärente Strategie begreifen. Stattdessen hat er ein
brandgefährliches Chaos hinterlassen, dessen Folgen bislang nicht abzusehen
sind.
Was ist passiert: Nachdem Trump im August [1][die wichtigsten
US-südkoreanischen Militärübungen ohne Absprache um die Hälfte kürzen
lassen hatte], haben die USA inzwischen auch die für September geplante
amphibische Landeübung „Ssangyong“ gestrichen. Laut Südkoreas Streitkräften
begründeten die USA ihren Entschluss mit Engpässen im Zusammenhang mit dem
Irakkrieg.
Ebenfalls brisant: Südkorea wurde bereits im Juni darüber informiert – also
noch deutlich vor Trumps Anordnung, das in der ersten Augusthälfte
abgehaltene Manöver „Ulchi Freedom Shield“ zu kürzen.
Noch am Montagabend haben die Außenminister Washingtons und Seouls
telefoniert. Südkoreas Spitzendiplomat Cho Hyun war sichtlich bemüht, nach
außen hin das Bild einer „eisernen Allianz“ aufrechtzuerhalten. Doch
während sein Sprecher betonte, dass beide Staaten am Ziel der nuklearen
Abrüstung Nordkoreas festhalten, erwähnte die US-Seite das mit keiner
Silbe. Aus taktischem Kalkül? So genau weiß das derzeit niemand.
## Peking erfreut sich an Trumps außenpolitischen Eigentoren
In Pekings Regierungsviertel Zhongnanhai dürften die Parteikader ihr Glück
kaum fassen. Denn alle außenpolitischen Eigentore, die sich der
US-Präsident dieser Tage leistet, sind für China Geschenke auf dem
Silbertablett: Seit Jahrzehnten versucht schließlich die Volksrepublik,
Washington als unzuverlässigen Partner und imperialistischen Hegemon
darzustellen. Nun stellt Trump diesen Eindruck ganz von allein her – und
signalisiert darüber hinaus auch noch entblößende Schwäche.
Denn dass sich die USA nach den Debakeln in Afghanistan und im Irak nun
erneut in einem „Endloskrieg“ im Nahen Osten verzetteln, hätte noch vor
wenigen Monaten niemand für möglich gehalten. Unter US-Demokraten wie
-Republikanern gab es Konsens darüber, dass man die Ressourcen des Landes
auf den Indopazifik fokussieren müsse – um dort gemeinsam mit den
Verbündeten den systemischen Herausforderer China einzuhegen.
Doch die traditionellen Alliierten ziehen aus Trump 2.0 vor allem eine
Lehre: dass man sich nicht mehr auf die USA verlassen kann und
Sicherheitsfragen stärker in die eigene Hand nehmen muss. Japans
Ministerpräsidentin Sanae Takaichi treibt die militärische Aufrüstung ihres
Landes voran und strebt dabei eine Änderung der pazifistischen
Nachkriegsverfassung an. In Südkorea gibt es öffentliche Forderungen nach
einer eigenen Atombombe, was auch in der Bevölkerung mehrheitsfähig
geworden ist.
Die fünfmalige Abgeordnete und Außenpolitikveteranin Na Kyung-won schrieb
erst am Freitag bei Facebook: „Die realistischste und wirksamste
Alternative zum Schutz des Überlebens der Republik Korea ist die eigene
nukleare Aufrüstung.“
## Rechte geben Linken die Schuld an Trumps Chaoskurs
Südkoreas politische Rechte spielt trotz der großen Enttäuschung über Trump
die Kritik an ihm vor allem über Bande: Da wird zuerst der linksliberale
Präsident Lee Jae-myung an den Pranger gestellt, da er mit seiner
unterwürfigen Haltung gegenüber Trump diesen noch weiter ermutige.
Und das linke Lager zeigt sich überraschend gespalten. Einige prominente
Stimmen äußern scharfe Kritik an Trumps erratischer Außenpolitik. Choi
Hyun-june, Außenpolitik-Redakteur bei der alternativen Tageszeitung
Hankyoreh, zieht in seiner aktuellen Kolumne besorgniserregende Parallelen
zwischen Nahost und Korea: So habe Trump den Krieg gegen Iran „aufgrund
einer spontanen Entscheidung und ohne ausreichende Planung“ begonnen – und
dann tatenlos zugesehen, wie seinen Verbündeten von Saudi-Arabien bis
Kuwait schwere Schäden zugefügt wurden. Genau dies könne auch Südkorea
widerfahren: „Deshalb sollten die Koreaner ihre Erwartungen an Trumps
plötzliche Hinwendung zur koreanischen Halbinsel dämpfen.“
Doch es gibt auch Regierungspolitiker, die eine historische Chance sehen.
Vereinigungsminister Chung Dong-young etwa, ein klassischer Altlinker,
sieht die Präsenz des US-Militärs in Südkorea seit jeher als Hindernis für
einen Frieden mit Nordkorea. Wenig überraschend begrüßt der 74-Jährige die
Reduzierung der US-südkoreanischen Militärmanöver als „Möglichkeit für
einen Dialog“ mit Nordkorea. Dass der dortige Machthaber Kim Jong-un
bislang sämtliche Avancen kategorisch ablehnt; ja sogar weiterhin mit
Raketentests und Drohgebärden gegen Seoul wettert, hält Chung nicht davon
ab, an seinem Kurs festzuhalten.
25 Aug 2026
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(DIR) Fabian Kretschmer
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