# taz.de -- Netanjahu und radikale Siedler: Radikale Ignoranz
> Trotz internationaler Sanktionen: Die Siedlergewalt wird Premier
> Netanjahu im Wahlkampf bisher nicht gefährlich.
(IMG) Bild: Ausbau einer Siedlung im besetzten palästinensischen Westjordanland bei Jerusalem, August 2026
Der israelische Premier verurteilt selten Siedlergewalt, und wenn Benjamin
Netanjahu es tut, dann meistens zähneknirschend – und erst nach Vorfällen,
die weltweit Aufmerksamkeit nach sich ziehen. Ungewöhnlich stark daher
diese Aussage Ende August: „Ich verurteile aufs Schärfste die kriminellen
Gewalttaten, die in den Dörfern Kusra und Dschalud von einer Handvoll
Randalierern begangen wurden und gegen das Gesetz verstoßen“, sagte er,
während israelische Siedler, die „Handvoll Randalierer“, seit Wochen drei
palästinensische Familien belagerten.
Doch bis auf die scharfen Worte – wenig Taten. Wenn das israelische Militär
jemanden bei Siedlerangriffen verhaftet, dann zudem häufig
Palästinenser:innen.
Doch jetzt wollen immer mehr Staaten Produkte aus den Siedlungen
boykottieren: Am Dienstag hatten zuletzt [1][Großbritannien, Frankreich,
Kanada, Dänemark und weitere Länder eine gemeinsame Erklärung
veröffentlicht]. Israel hat daraufhin als Antwort das britische Konsulat in
Ostjerusalem geschlossen. Den USA ist die Gewalt ebenfalls unbequem, denn
sie trifft zunehmend US-palästinensische Doppelstaatler:innen.
US-Botschafter Mike Huckabee, selbst ein Verfechter des Siedlungsprojekts,
sprach jüngst von „Terrorismus“.
## Keine direkte Konfrontation
Es ist kein Wunder, dass die israelische Politik die direkte Konfrontation
mit den Siedlern scheut. Im Koalitionsvertrag ist vereinbart, dass der
Premierminister „auf die Ausarbeitung und Förderung einer Politik
hinarbeiten wird, durch die die Souveränität auf Judäa und Samaria
ausgedehnt wird“. In Behördensprache: Annexion. Und dafür braucht die
Regierung die Siedler:innen.
Siedlungen sind unter internationalem Recht illegal. In Israel indes unter
nationalem Recht nicht – bis auf die Außenposten, etwa ohne Lizenz
errichtete Farmen, in denen oft die radikalsten Siedler:innen leben. Die
aktuelle Regierung hat die Ausweitung Ersterer und die nachträgliche
Legalisierung Letzterer so weit getrieben wie noch keine Regierung zuvor.
Vor 2022 gab es laut der NGO Peace Now! 127 Siedlungen im Westjordanland,
in den letzten vier Jahren hat die Verwaltung 104 neue genehmigt.
Nicht jede:r Siedler:in ist gewaltbereit. Als die taz [2][2025 in drei
Siedlungen und einem Außenposten war], gaben die Bewohner:innen
unterschiedliche Gründe für die – völkerrechtlich illegale – Wahl ihres
Wohnorts an. Oft diente die Bibel als Rechtfertigung.
## Nicht alle sind gewalttätig
Es gibt sogar Siedler:innen, die bereit sind, sich mit
Palästinenser:innen zu treffen, um Friedensinitiativen ins Leben zu
rufen, und solche, die einen palästinensischen Staat befürworten. Doch die
meisten sehen das Westjordanland als Samaria und Judäa an – als jüdisch.
Der Chef des sanktionierten Siedlervereins Amana gab öffentlich zu, dass
man mit Farmen mehr als doppelt so viel Land besetzen kann als mit
Siedlungen. Hirtenaußenposten verdrängen zudem oft palästinensische
Gemeinschaften.
Jetzt hat Netanjahu jedoch überraschend angekündigt, Außenposten abbauen zu
wollen. Denn die Gewalt der Siedler wird zunehmend schwerer zu ignorieren
oder als das Werk einer „Handvoll Randalierer“ abzutun. Einer jüngsten
Umfrage des Israel Institute of Democracy zufolge denken 46 Prozent
jüdischer Israelis, dass der Staat zu glimpflich mit gewalttätigen Siedlern
umgeht. Vor der Knessetwahl, der israelischen Parlamentswahl Ende Oktober,
ist das eine Größenordnung, die Netanjahu, der wiedergewählt werden will,
interessieren dürfte.
Die Frage schwebt also im Raum: Können die radikalen Siedler für Netanjahu
ein politisches Problem werden? Im Moment sieht es noch nicht danach aus.
Die meisten jüdischen Israelis fürchten eine dritte Intifada als Antwort
auf die steigende Gewalt, lehnen jedoch einen palästinensischen Staat ab.
Und die Siedlungen verhindern mit ihrer Präsenz eben genau das. Und wenn
Netanjahu die Radikalsten ab und zu ein wenig in die Schranken weist, ist
der Rhetorik Genüge getan, ohne dass er an den Interessen der
Siedlergemeinschaft ernsthaft rütteln würde.
Wann und wie die Abrissarbeiten der Außenposten beginnen sollen, ist noch
unbekannt, die Rede ist von etwa 100 Weilern in den Gebieten A und B, die
unter Zivilverwaltung der Palästinensischen Autonomiebehörde stehen. Peace
Now! zählt derzeit 390 Außenposten im Westjordanland. Allerdings bestehen
die Farmen oft aus einfachen Caravans oder Baracken, die in kurzer Zeit
wieder aufgebaut werden können.
Für Netanjahus rechtsreligiöse Koalitionspartner wie Finanzminister Bezalel
Smotrich, der selbst Siedler ist, sind die Abrissarbeiten indes ein
Ärgernis. Allerdings hat ein israelisches Gericht ohnehin erst am Dienstag
einen Eilantrag von Menschenrechtsorganisationen zurückgewiesen, die das
Siedlungsprojekt „E1“ verhindern wollten[3][: 1.200 Wohneinheiten östlich
von Jerusalem dürfen weiter vorangetrieben werden.]
## Pattsituation vor der Knessetwahl
Für Politologe Peter Lintl könnte sich die Lage für Netanjahu sogar in eine
Win-win-Situation verwandeln. „Netanjahu kann diesen Schritt wahlpolitisch
nutzen: Er signalisiert Mitte-rechts-Wählern, dass er etwas gegen
Siedlergewalt unternimmt – und Smotrich kann sich profilieren, indem er
diese in Schutz nimmt. Das ist wichtig, um die Chancen des rechten Blocks
zu erhöhen, denn Smotrichs Partei kämpft gerade mit der prozentualen Hürde
für den Einzug ins Parlament.“ In den jüngsten Umfragen stehen sich der
Regierungsblock und die Opposition in einer Pattsituation gegenüber, kein
Lager würde demnach die absolute Mehrheit erreichen.
Wenn sich die Prognosen bewahrheiten, kommt es auf die kleineren Parteien
an. Die Gewalt im Westjordanland bleibt für die meisten nicht
linksorientierten Israelis eher ein Randthema.
Völlig ungewiss indes noch: Wie sich der Scoop der linksliberalen
Tageszeitung Ha’aretz für Netanjahu auswirken wird. In einer am Dienstag
veröffentlichten Recherche wird dem Premier vorgeworfen, von einem
hochrangigen Vertreter der Vereinigten Arabischen Emirate im September 2023
vor einem bevorstehenden Angriff der Hamas gewarnt worden sein – ohne dass
er diese Warnung danach mit Sicherheitskreisen geteilt hätte. Netanjahu
kündigte am Mittwoch eine Klage gegen die Ha’aretz an. Die „falsche
Geschichte“ sei „Teil des Wahlkampfs der Linken“, hieß es in Netanjahus
Mitteilung weiter. Ob er damit seine Kritiker, die ihm
Verantwortungslosigkeit vorwerfen, ruhig stellen kann, bleibt offen.
9 Sep 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Deutschland-schliesst-sich-Einfuhrverbot-israelischer-Waren-nicht-an/!6211640
(DIR) [2] /Religioese-Siedler-im-Westjordanland/!6111285
(DIR) [3] /Besetztes-Westjordanland/!6211485
## AUTOREN
(DIR) Serena Bilanceri
## TAGS
(DIR) Schwerpunkt Nahost-Konflikt
(DIR) Westjordanland
(DIR) Benjamin Netanjahu
(DIR) Knesset
(DIR) Social-Auswahl
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Gewalt im Westjordanland: „Es ist ein staatliches Projekt“
Yair Dvir von der Menschenrechtsorganisation B'Tselem sagt: Israel arbeite
daran, die Palästinenser in Enklaven zu drängen. Die Welt müsse Handeln.
(DIR) Siedlergewalt im Westjordanland: Vorbei an Checkpoints und ständig unter Druck
Täglich greifen extremistische Siedler palästinensische Dörfer an.
taz-Korrespondentin Serena Bilanceri spricht über ihre Arbeit im
Westjordanland.
(DIR) Sanktionen gegen Siedler: Deutschland schließt sich Einfuhrverbot israelischer Waren nicht an
Zwölf europäische Länder kritisieren Siedlungsbau und Gewalt. Israel
schließt britisches Generalkonsulat in Ostjerusalem. US-Botschafter warnt
Großbritannien.
(DIR) Vorwürfe gegen israelischen Premier: Netanjahu ignorierte Warnungen vor dem 7. Oktober
Mitten im Wahlkampf zeigt eine Recherche der Zeitung „Ha’aretz“: Netanjahu
wurde auf höchster Ebene vor einem Hamas-Angriff gewarnt – und blieb
untätig.