# taz.de -- Ermittlungsverfahren im Wahlkampf: Endzeitstimmung im Kommunalwahlkampf
> Krach, Karst, Klebe-Politze: Hannover erlebt in den letzten
> Wahlkampftagen einen Skandal nach dem anderen. Demokratie- und
> Justizverächter jubeln.
(IMG) Bild: Läuft in Hannover: Bürgermeisterkandidaten Belit Onay (Grüne, v.l.n.r.), Peter Karst (CDU) und Axel von der Ohe (SPD)
Vielleicht werden sich irgendwann Historiker über die Ereignisse dieser
Tage beugen und sagen: So sieht eine zerfallende Republik aus. Für Hannover
ist das jedenfalls ein neuer Rekord: Drei handfeste Skandale an einem Tag,
vier Tage vor der Kommunalwahl, alle Nerven liegen blank.
Aber der Reihe nach. Da wäre zunächst die Causa Krach, noch amtierender,
aber beurlaubter Regionspräsident, der sich mit Hausdurchsuchungen und
einem Korruptionsverdacht herumschlagen muss. Ausgelöst durch die
Staatsanwaltschaft Hannover, es geht um das Vergabeverfahren rund um das
Klinikgelände in Lehrte.
[1][Die Details haben wir anderswo aufgeschrieben], aber an dieser Stelle
muss man einmal neidlos anerkennen: Vorwärtsverteidigung kann der Mann.
Seine Pressekonferenz am Donnerstag in Berlin war ein Meisterstück der
Krisen-PR: schnörkellos, klar, geradeaus. [2][Nur nutzen wird ihm das
voraussichtlich nicht viel. ]
[3][Der CDU-Oberbürgermeisterkandidat Peter Karst] hat seinen Versuch, in
die Offensive zu gehen, dagegen ziemlich verstolpert. Bei ihm kursierten
schon länger Gerüchte, es gäbe ein Ermittlungsverfahren gegen ihn.
## Verdacht auf Scheinselbstständigkeit
Das soll mit seiner Tätigkeit als Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer
zu tun haben. Möglicherweise wurden im Bildungswerk der Handwerkskammer
Honorarkräfte beschäftigt, bei denen es den Verdacht auf
Scheinselbstständigkeit gibt, so berichtet es die Hannoversche Allgemeine
Zeitung.
Das wiederum ist ein Damoklesschwert, das gerade über ganz vielen
Bildungseinrichtungen hängt, seit sich eine Musikschullehrerin in die
Festanstellung klagte (Herrenberg-Urteil 2022). Warum also, das ist hier
die große Frage, geht damit ausgerechnet jetzt und hier jemand hausieren?
Die CDU hat da einen bösen Verdacht. Immerhin hat sie ja auch schon einmal
die Erfahrung gemacht, wie schlecht sich so ein Verfahren auf Wahlchancen
auswirkt – selbst wenn es sich nachher als unbegründet oder sogar
rechtsfehlerhaft erweist. Oliver Junk (CDU), der gerade als
Regionspräsident in Hannover kandidiert, kann davon ein Lied singen. Als
Oberbürgermeisterkandidat in Goslar war er in der Stichwahl gescheitert,
weil kurz vorher ein Disziplinarverfahren gegen ihn bekannt wurde. Nach
allgemeiner Lesart ist daran auch die allzu offenherzige Kommunikation des
SPD-geführten Innenministeriums schuld gewesen.
Blüht Karst nun das Gleiche? Er sagte erst in letzter Minute eine große
Podiumsdiskussion ab, kündigte dann am nächsten Tag eine Pressekonferenz
an, sagte die auch wieder ab, verschickte lieber eine verschnupfte
Mitteilung. Dann erst – am Donnerstag – kam es auch in seinen Büros zu
Durchsuchungen. Hat er das vorher geahnt oder ungewollt beschleunigt? Man
weiß es nicht.
Aber auch die SPD hat ja noch einen weiteren Skandal an den Hacken. Da ist
nämlich noch die Vorsitzende der Ratsfraktion, Kerstin Klebe-Politze, die
öffentlich beklagt, ihr würden ihre Aufwandsentschädigungen nicht
ausgezahlt. Hintergrund ist eine Überprüfung durch das interne
Rechnungsprüfungsamt.
Das Rechnungsprüfungsamt hatte, nach dem [4][Skandal um Hülya Iri]
(ebenfalls SPD, jedenfalls früher), noch einmal alle Zahlungen unter die
Lupe genommen. Iri soll nämlich nicht nur Fördergelder eigenwillig
verwendet haben, sondern auch für ihre selbstgeschaffene
Geschäftsführerinnen-Position ungewöhnlich hohe Verdienstausfälle geltend
gemacht haben. Nun sollen auch die anderen Ratsmandatsträgerinnen
detaillierter nachweisen, wie viel sie wirklich verdienen, bevor sie
Ausfälle geltend machen. Und das trifft auch Klebe-Politze.
Einer kann sich über dieses ganze Chaos aber ganz sicher freuen: [5][Ansgar
Schledde (AfD). Vom Parteispendenskandal des Landeschefs und der Aufhebung
seiner Immunität] ist nämlich erst einmal kaum noch die Rede. Der kann sich
jetzt zurücklehnen und sagen: Seht ihr, hab ich ja gesagt, die haben
sowieso alle Dreck am Stecken. Mit dieser Nummer fahren Rechtspopulisten in
ganz Europa ja schon seit Jahrzehnten ziemlich gut. Genauso wie mit
Angriffen auf die Unabhängigkeit der Justiz.
10 Sep 2026
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## AUTOREN
(DIR) Nadine Conti
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