# taz.de -- Der Trend geht zur Trigger-Literatur: Flirten mit den Anti-Fans
       
       > Vom Wert der Reaktion: Eine neue Art von Pop-Literatur unter medialen
       > Bedingungen denkt immer schon mit, was sie auslösen könnte.
       
 (IMG) Bild: Signieren auf der Messe ist längst nicht mehr die einzige Interaktion mit dem Publikum: Autorin Caroline Wahl (r.) mit Fans
       
       Neulich habe ich sogenannte Snark Subreddits entdeckt. In diesen Foren
       werden einzelne Stars, häufig Influencerinnen, mit erstaunlicher Hingabe
       niedergemacht: Ihr Verhalten wird seziert, jedes noch so kleine Detail im
       Hintergrund eines Fotos gestalkt und zum Anlass gehässigster Kommentare.
       
       Die Mitglieder sind keine bloßen Kritiker. Sie sind Anti-Fans. Denn um ihre
       Anti-Stars zuverlässig verachten zu können, müssen sie deren Postings,
       Storys, Podcasts oder Bücher genauso aufmerksam, gar obsessiv verfolgen wie
       Fans. Sie produzieren dementsprechend auch genauso viele Daten und gehören
       fest zur digitalen Star-Ökonomie.
       
       In Deutschland ist die Anti-Fan-Kultur zwar weniger organisiert und
       kultiviert, aber das Bewusstsein dafür, dass Aufmerksamkeit auch dann zählt
       – vielleicht sogar besonders dann –, wenn sie negativ ausfällt, ist längst
       verbreitet. Diverse Triggerpunktsetzungen haben sich so auch in die
       kulturelle Produktion eingeschlichen, und kaum jemand beherrscht das so
       virtuos wie Caroline Wahl. „Sie macht halt Ragebait“, las ich vor ein paar
       Tagen unter einem kritischen Reel zu ihrem neuen Roman „1999 Meter über dem
       Meer“, den Adam Soboczynski [1][in der Zeit sehr treffend als ein „Spiel
       mit der Empörungsbereitschaft sozialer Medien“ beschrieben] hat. Wahl
       selbst erzählte ihm, wie vorhersehbar inzwischen sei, welche Motive dort
       skandalisiert würden: „Man kann eine Liste machen.“ Darauf stehen offenbar:
       Müller Milch, schnelles Autofahren, ohne es zu können, Fleisch essen,
       blonde Männer mit hellblauen Augen schön finden, als Deutsche eine Figur
       mit Migrationshintergrund entwerfen und so weiter.
       
       ## Der Skandal als Werbemaßnahme
       
       Nun war „besser schlechte Schlagzeilen als gar keine“ noch nie ein
       Betriebsgeheimnis. Skandale waren schon vor den sozialen Medien
       zuverlässige Werbemaßnahmen und wurden gelegentlich gleich mitproduziert.
       Auch Anti-Fans dürfte es immer gegeben haben. Neu ist, dass sie sich nun
       vernetzen, ihrer Abneigung eine Form geben, Insiderwitze entwickeln,
       Screenshots archivieren und analysieren, ja eine eigene Sprache ausbilden.
       Umgekehrt heißt das: Sie werden adressierbar.
       
       Wahls Schreiben muss man vor diesem Hintergrund betrachten. Sie schreibt
       ihre Romane nicht nur in ein leeres Dokument und entscheidet irgendwann,
       dass es voll ist. Sie schreibt immer schon in einen antizipierten
       Kommentarbereich hinein. Denn wer diesen nur lange genug beobachtet (oft
       reicht allerdings auch ein schneller Blick), weiß nicht nur, was die Fans
       wollen. Man weiß auch, worauf die Anti-Fans anspringen.
       
       Jan Wiele hat Wahls Roman [2][in der FAZ dem Midcult zugerechnet] – jenem
       von Moritz Baßler genau analysierten Phänomen. Eine Unterhaltungsliteratur,
       die einem „Easy Reading“ den Anschein von Tiefgründigkeit verleiht, indem
       sie „die Themen und Probleme“ in den Texten behandele, [3][„für die sich
       die partikularen Gruppen interessieren (loss, trauma, abuse, Misogynie,
       Rassismus, Kapitalismus, Flucht)“]. Die FAZ fragte daher berechtigterweise
       gleich mit, ob Wahls Roman nicht schon die Parodie davon sei. Ich glaube,
       weder noch. Ich glaube, er ist ein gekonnter Flirt sowohl mit den Fans als
       auch mit den Anti-Fans.
       
       Soboczynski sieht in dem Roman ein aktualisiertes „Faserland“. Nur waren
       die Marken bei Kracht Zeichen. Sie markierten Milieus, Begehren,
       Zugehörigkeiten. Bei Wahl sind sie zunehmend Knöpfe. Wie Stefan Raab auf
       seinem Nippelboard drückt sie den Müller-Milch-Knopf und wartet, was in den
       (sozialen) Medien passiert. Müller Milch bedeutet nicht viel. Müller Milch
       löst aus.
       
       Es ist eine neue Art von Popliteratur, unter neuen medialen Bedingungen. Es
       ist Trigger-Literatur. Ihre Poetik besteht darin, die Motive weniger nur
       nach ihrer Bedeutung auszuwählen, sondern vor allem nach ihrem
       Reaktionswert. Der Anti-Fan sitzt als imaginierte Figur schon beim
       Schreiben mit am Tisch.
       
       9 Sep 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.zeit.de/2026/36/1999-meter-ueber-dem-meer-caroline-wahl-roman-social-media
 (DIR) [2] https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/literatur/caroline-wahls-neuer-roman-bauerntheater-fuer-die-gen-z-201160875.html
 (DIR) [3] https://pop-zeitschrift.de/2021/06/28/der-neue-midcultautorvon-moritz-bassler-autordatum28-6-2021-datum/
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Annekathrin Kohout
       
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