# taz.de -- Zeitdiagnosen in den sozialen Medien: Intellektueller Slop?
       
       > In den sozialen Medien trendet eine neue Form der Gegenwartsanalyse.
       > Dabei fühlt sich der Intellectual-Influencer-Content so einleuchtend wie
       > generisch an.
       
 (IMG) Bild: …und in 45 Sekunden gelangt man vom Sauerteigbrot zur Anti-Moderne
       
       „Dieser Sommer wird kein brat Sommer. Es wird auch kein Hot-Girl-Sommer.
       Und es wird auch kein Tomato-Aesthetic-Sommer. Denn Tomaten auf einem
       Strandtuch oder dem Smartphone-Case sind nun wirklich keine kulturelle
       Bewegung“, verdreht Carmen Vicente – „social media manager in tech and
       forever thinking about the algo“ mit rund 35.000 Followern – die Augen. Ich
       gebe gerne zu: Gute Hook, meine Aufmerksamkeit ist geweckt. Was wird es
       denn nun für ein Sommer? In Erwartung eines originellen Gedankens oder
       unerwarteten Plottwists starre ich ungeduldig auf den Bildschirm. „I think
       the Sommer of 2026 will be …“, kurze Pause, sie macht es extraspannend:
       „unoptimized“. Uff, was für eine Enttäuschung. Schon wieder eine
       langweilige Zeitdiagnose.
       
       Zeitdiagnosen sind längst nicht mehr nur ein Trend in der Soziologie,
       sondern auch in den sozialen Medien. Intellektuelle Influencer – meist aus
       den Geisteswissenschaften, dem Marketing oder „Tech“ (was auch immer diese
       Angabe bedeutet) – suchen dort obsessiv nach Symptomen einer Gegenwart im
       Umbruch. Dabei erweisen sie sich als regelrechte Begriffsmaschinen: Jeder
       Minitrend wird per „-core“ oder „-Aesthetic“ zur Weltanschauung
       aufgeblasen, garniert mit Entlarvungsgesten („The real reason why …“), und
       in 45 Sekunden gelangt man vom Sauerteigbrot zur Anti-Moderne. Am liebsten
       aber rufen sie Zeitalter aus: „The Rise of X“ oder „The Death of Y“.
       
       Ein solches Ausrufen von Enden ist keinesfalls neu. Vom Ende des Autors bis
       zum Ende der Geschichte gehörte es bereits im 20. Jahrhundert zum
       Selbstverständnis des Public Intellectual, durch vorauseilende Analysen die
       Gegenwart mitzugestalten. Aber die alten Enden waren tendenziell selten und
       teuer. Sie erforderten Reputation, Publikationsorte, Auseinandersetzung mit
       Traditionen; und wer sie proklamierte, musste sich der Kritik stellen.
       Heute ist die Geste günstig. Wahrscheinlich hat sie sogar eine KI
       vorgeschlagen, in deren Trainingsdaten Jahrzehnte feuilletonistischer
       Todeserklärungen nur darauf warten, reanimiert zu werden.
       
       Nicht zufällig fühlt sich nicht jeder, aber doch einiger
       Intellectual-Influencer-Content zwar einleuchtend und pointiert, aber auch
       erwartbar und generisch an. Manche sprechen inzwischen von „Intellectual
       Slop“ – zum ersten Mal aufgefallen ist mir die Formulierung bei Adam
       Aleksic (1,7 Mio. Follower), seinerseits Intellektueller Influencer.
       
       ## Im Feuilleton hätte man sich selbst oder gegenseitig korrigiert
       
       Der Creator Eugene Healy (rund 390.000 Follower) hat zum Beispiel innerhalb
       von nur wenigen Wochen drei Videos über das „Analog Revival“ gemacht. Die
       Diagnose im ersten Video lautete: Es gibt ein Analog Revival. Die im
       zweiten lautete: Das Analog Revival sei nur ein digitaler Trend. Die
       dritte: Es gab nie ein Analog Revival! Und all das ohne auf die jeweils
       früheren Videos Bezug zu nehmen. Früher (sorry, not sorry) wäre der
       Widerspruch jemandem aufgefallen, im Feuilleton hätte man sich selbst oder
       gegenseitig korrigiert, ja wäre sich in die Quere gekommen. Aber Video
       Nummer drei kann Video Nummer eins gar nicht widersprechen, weil Nummer
       eins längst nicht mehr so richtig in der Welt ist. Denn die „Zeit“, auf die
       sich eine Diagnose bezieht, ist in den sozialen Medien nur noch ein
       momenthafter Vibe.
       
       Nun setzt die Zeitdiagnose aber eine Kleinigkeit namens Zeit voraus. Fällt
       die Dauer weg, bleibt nur der ärztliche Tonfall übrig, das „Wir erleben
       gerade“; gerichtet an eine Gegenwart, die durchaus Symptome zeigt, aber nie
       lange genug stillhält für eine stichhaltige Anamnese.
       
       Die klassische Zeitdiagnose, von Adorno bis Baudrillard, beobachtete von
       außen und war um Distanz bemüht. Man sollte die Analyse teilen, nicht aber
       den Lifestyle. Die Tiktok-Diagnose lädt dagegen zur Identifikation ein.
       [1][„Brat Summer“] war keine Analyse des Sommers 2024, sondern ein Angebot,
       sich selbst auf eine bestimmte Weise wahrzunehmen und darzustellen.
       
       Offenbar entsteht hier also eine neue Form der Gegenwartsanalyse. Eine, die
       nicht auf Erkenntnis zielt, sondern auf Identifikation und Resonanz. Eine,
       die man im Moment fühlen und nicht in ihrer Dauer verstehen soll.
       
       7 Jul 2026
       
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