# taz.de -- Abenteuer-Content auf Social Media: Der Streamer auf dem Strommast und der Tod der Subkultur
       
       > Extrem-Abenteurer sind eine besondere Szene. Doch aus ihrer Leidenschaft
       > wird heute Content zur Vermarktung auf Social Media. Zeit, dass der Trend
       > implodiert.
       
 (IMG) Bild: Güterzüge besprühen: Oft geht es um Inhalte, die von Subkulturen und Grenzerfahrungen erzählen
       
       Als ein Freund auf einen Strommast kletterte, um oben jemanden zu
       tätowieren und davon ein Reel bei Instagram hochzuladen, dachte ich mir
       nur: Okay, bitte bleib am Leben! Er ist Tätowierer, braucht Kund:innen, und
       die erreicht man nicht mehr mit dem größten Zeichentalent, sondern mit dem
       besten Content.
       
       Parasoziale Beziehung aufbauen als Geschäftsmodell, ergibt ja Sinn und ich
       kann’s ihm nicht verübeln. In einem Teil des Tattoo-Games bedeutet das
       auch: Wer die krasseste Aktion durchzieht (und dokumentiert), den will man
       kennenlernen, und von dem lässt sich am Ende auch was stechen.
       
       Weil das viele so machen, müssen die Aktionen immer krasser werden, um
       aufzufallen. Viele kreative Einzelkämpfer:innen sind zu
       Content-Creatorn geworden. Oft geht es um Inhalte, die von Subkulturen und
       Grenzerfahrungen erzählen. Maskierte, die mit dem Güterzug durch Marokko
       fahren, eine U-Bahn in Mexiko besprühen, Tunnel erforschen.
       
       Es geht ums Ästhetisieren des Abenteuers in einer Zeit, in der man eh
       überall hin kann, wenn man genug Geld hat. Womit wir bei der zweiten Person
       auf dem Mast sind: [1][irungrid]. Dessen Nische ist es, auf diese Masten zu
       klettern. Dafür folgen ihm 180.000 Leute.
       
       ## Differenziert und Kommerzialisiert
       
       Subkulturen und radikale Hobbys differenzieren sich auf der einen Seite
       immer weiter aus, werden auf der anderen Seite durchkommerzialisiert. Durch
       die Menge an Content, den unendlichen Stream der Grenzüberschreitungen,
       werden diese Ästhetiken ihres subversiven Potenzials beraubt.
       
       Diese Videos sind vor allem bei Youtube monetarisiert, sie bewerben
       Produkte. Typen, die sich in Reels mit Berliner Subkultur schmücken,
       arbeiten als Location-Scout für ultrakommerzielle Pop-Rap-Artists wie Ski
       Aggu [2][oder Paul von 01099].
       
       Urbexer („urbane Explorer“) vermarkten auf ihren Kanälen die Praxis der
       temporären Besetzung, aber außer dem besten Shot für Reichweite bleibt
       davon nichts – es gibt keine politische Idee. Das sind nicht unbedingt
       Linke, die da Widerständigkeit cosplayen, denke ich mir und klicke weiter.
       
       Andererseits: Dass jetzt alle von zu Hause aus an den Abenteuern teilhaben
       können, ist auf eine Art inklusiv. Man braucht nicht mehr unbedingt (meist
       männliche) Mentoren im Real Life, muss nur genug Videos von Urbexer Shiey
       (knapp 3 Millionen Follower allein bei Youtube) schauen, um zu checken,
       wie’s geht. Das kann Frauen in Subkulturen und männerdominierten
       Nischenhobbys von Graffiti bis Freight-Hopping bestärken – und das ist der
       einzig positive Aspekt der Contentisierung von subkulturellem Geheimwissen
       und Extremen im Feed.
       
       ## Digitale Ausschlachtung
       
       Bekannte, die seit Jahren auf Güterzügen durch die Welt fahren und sehr
       sorgsam damit umgehen, was sie nach außen tragen, nervt das. Nicht die
       Diversität, sondern die digitale Ausschlachtung.
       
       Denn es gibt neben denen, die mit Social Media und Brand Deals abcashen
       auch noch eine andere Welt: eine klandestine, in der Zines gedruckt und hin
       und her gereicht, Anekdoten erzählt werden. Eine Offline-Welt abseits des
       Streams, exklusiv, aber antikommerziell. Es geht um den Moment, nicht um
       das Produkt.
       
       Wer aus einer Mischung aus Geltungsdrang und Sündenstolz jedes auch
       illegale „Abenteuer“ nach außen trägt, verrät das letzte Geheimnis,
       [3][zeigt den letzten Lost Place]. Der endlose Feed der krassen
       Selbstdarstellung ist ein trauriges Symptom des Kapitalismus. Wer Zeit und
       Geld in subversive Hobbys steckt, kann ohne die Anerkennung und das
       Andocken an kommerzielle Verwertung schwer leben.
       
       Ich warte auf die Implosion: Abenteuer als Kategorie raus aus den Feeds!
       Vielleicht entwickeln sich dann auch wieder subversive Ideen statt nur
       Contentpläne. Ich bin jetzt schon gelangweilt.
       
       15 Sep 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.instagram.com/irungrid/
 (DIR) [2] https://www.youtube.com/watch?v=r--8bYaC5EE
 (DIR) [3] /Zwei-neue-RBB-Dokus-ueber-Lost-Places/!5997634
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Johann Voigt
       
       ## TAGS
       
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