# taz.de -- Modeinfluencer: Wie viel ist dein Outfit wert?
       
       > Modevlogger suchen in den Metropolen nach ihrem individuellen Stil, um
       > dann doch nicht besonders auszusehen. Warum ihre Videos trotzdem einen
       > Mehrwert bieten.
       
 (IMG) Bild: Gäste der Rick Owens Show: So schön individuell
       
       Letztens pöbelte mich ein Antiquariatsbetreiber in der Nähe der
       taz-Redaktion an. „Dort wird mittlerweile sogar über die [1][Fashion Week]
       geschrieben“, sagte er aufgebracht. Er hat ja recht, dachte ich, was soll
       bei der Fashion Week schon zu holen sein, inhaltlich, politisch? Zu Hause
       öffne ich trotzdem mehrere Tabs: Robert Friedrichs, Poisoned Kawasaki, Kag
       und Kunz, Sean Brownski, [2][Dara Lucas]. Sie alle vloggen und podcasten in
       Videos über Mode, designen teilweise selbst welche.
       
       Wenn ich den Kopf ausknipsen will, dann schaue ich [3][Content von
       deutschen Nischen-Fashion-Youtubern]. Denn sie plätschern so schön soft. Es
       geht um vermeintlich hippe Hotspots, an denen Menschen andere Menschen
       anstarren. Vom Pop-up in Berlin-Mitte zum Archive-Sale in Kreuzberg.
       Vielleicht mal nach Antwerpen, Paris oder Mailand. Dort sitzt man wieder
       nur in den Läden, in die alle gehen, die sich für individuell halten.
       
       Erinnert mich an den Vibe von Leif Randts „Allegro Pastell“ oder noch mehr
       an den von Vincenzo Latronicos „Perfections“. In diesen Videos findet eine
       Art Normcore-Hedonismus statt, der sich um jeden Preis von der Norm
       abgrenzen will. Einzig radikal (hoch): Die Preise der Outfits, wobei die
       meisten Sachen nur anprobiert werden. Und zwischendurch immer wieder die
       Ansage in den Videos: „Break your outfit down from head to toe.“ Junge
       Männer zeigen stolz, was sie gekauft haben. Teil aus Japan, Designer-Piece
       von 2002, dazu selbst designte Denim. Sieht dann oft gar nicht so besonders
       aus. Mode als Understatement, nur Kenner wissen, welches Tanktop von Rick
       Owens ist. Alle anderen gucken weg.
       
       In dieser Welt geht es darum, was tuff ist und wer tapped in. Was man nicht
       mehr tragen darf und was schon wieder. Während es bei den sehr
       sympathischen Robert Friedrichs, Kag und Kunz oder Dara Lucas auch um
       Schnitte und Stoffe geht, bleibt es bei Poisoned Kawasaki und Sean Brownski
       beim bloßen Willen nach Abgrenzung. Die eigene Unsicherheit schwankt da
       gleich mit.
       
       ## Punk als Stilmittel
       
       Distinktion durch Konsum und penible Kuration des Privaten ist in all den
       Videos das Motto. Alles apolitisch natürlich. Denn wenn mal wieder jemand
       im Ramones-Shirt rumläuft, wenn von „Punk“ die Rede ist, wenn Hosen
       zerrissen, Nieten angenäht werden, dann geht es nur um optische Effekte.
       Dann ist Punk genauso entkernt wie beim Magazin Business Punk oder wenn Ulf
       Poschardt es nutzt. Das zeigt sich auch an Brownski, der die
       Mode-Youtube-Welt verlassen hat, um Unternehmen in der Bodenseeregion zu
       beraten.
       
       Als ich das Video [4][„Mit HEDI BOYS durch den Berliner Winter“] von Kag
       und Kunz anklicke, werde ich kurz stutzig. Ein Typ mit einem sehr schräg
       sitzenden Cap trägt ein Shirt mit dem Slogan „Frankfurt School Politics of
       Perversion“, daneben die Konterfeis einiger Männer. Eine offensichtliche
       Frankfurter-Schule-Anspielung. Zu erkennen ist nur Herbert Marcuse. Der
       schreibt in „Der eindimensionale Mensch“ grob heruntergebrochen ja gerade
       darüber, wie durch Konsum-Einlullung der Mensch von wahren Problemen
       abgelenkt wird. Während der Typ mit dem schiefen Cap und die anderen also
       über Murmeltierfell fachsimpeln, bewahrheitet sich Marcuses Analyse.
       
       Gesellschaftliche Probleme, auch in der Modeproduktion, werden in diesen
       Videos meistens wegdissoziiert, etwas Neues zu besitzen, ist ja der
       angenehmere Rausch. Warum ich sie trotzdem schaue? Es ist meine Form des
       Hedonismus: ein paar netten Männern dabei zuzuschauen, wie sie die Stoffe
       an ihren Körpern über alles stellen.
       
       14 Oct 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Bilanz-der-Fashion-Week-Berlin/!6193694
 (DIR) [2] https://www.youtube.com/watch?v=A7QJKsevjaE
 (DIR) [3] https://www.youtube.com/watch?v=hBZJp--6e9U
 (DIR) [4] https://www.youtube.com/watch?v=lOKY3Xu0gtk
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Johann Voigt
       
       ## TAGS
       
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