# taz.de -- Manganerds und Italien in Venedig: Spiralen, Echos und Comicnerds
       
       > Die italienischen Beiträge bei den Filmfestspielen von Venedig lassen
       > einen zwiegespalten zurück. Zwei japanische Manganerds hingegen
       > begeistern.
       
 (IMG) Bild: In „Look Back“ wollen Fujino und Kyomoto immer nur zeichnen
       
       Manchmal muss man gar nicht erfahren, warum Leute bestimmte Dinge tun. Es
       kann schon genügen, wenn sie etwas mit so großer Hingabe tun, dass man
       ihnen begeistert dabei zuschaut. Im Wettbewerb von Venedig sind das Fujino
       und Kyomoto, zwei Manganerds, die in der Grundschule zu zeichnen beginnen
       und nicht davon ablassen. „Look Back“ heißt der [1][Film von Hirokazu
       Koreeda], der einen Stoff verfilmt, für den ein Webcomic die Grundlage
       bildete und der 2024 schon einmal als Anime adaptiert wurde.
       
       Fujino zeichnet Mangastrips für die Schulzeitung und wird von den
       Klassenkameraden dafür bewundert. Auch Kyomoto zeichnet Strips für die
       Zeitung, lässt sich aber nie in der Schule blicken. Als Mitschüler Fujinos
       nebenbei bemerken, dass die Zeichnung von Kyomoto professioneller wirken,
       fängt Fujino wie besessen an, sich Zeichentechniken nach Lehrbüchern
       beizubringen. Zum Ende der Grundschule wird Fujino vom Lehrer gebeten, das
       Abschlusszeugnis für Kyomoto nach Hause zu bringen. Dort begegnen sich die
       beiden zum ersten Mal. Und stellen fest, dass sie sich gegenseitig
       bewundern. Sie beschließen, gemeinsam einen Manga zu zeichnen.
       
       Was nach einem ziemlich nerdigen Stoff klingt, wird in der Hand von Koreeda
       mit seinem untrüglichen Blick dafür, wie Kinder die Welt sehen, zu einer
       anrührenden Coming-of-Age-Geschichte. Dabei hilft unter Umständen, dass
       seine beiden Hauptfiguren, für Comiczeichner nicht die Regel, zwei Mädchen
       sind. Deren Freundschaft entwickelt sich mit einer Bedingungslosigkeit, die
       man wie selbstverständlich hinnimmt.
       
       Auch dass irgendwann, nachdem es einen Bruch in der Geschichte der
       Freundinnen gab, die Fantasie übernimmt, schadet dem Reiz nicht. Hinzu
       kommen immer wieder Bilder, die in ihrer malerischen Qualität selbst an
       Mangas denken lassen, wie das einer verschneiten Winterlandschaft, durch
       die die kindlichen Protagonistinnen stapfen, wobei sie bis zu den Knien im
       Schnee versinken.
       
       ## Bemüht aufgeladene Bilder
       
       Dass man von den italienischen Beiträgen im Wettbewerb gleichermaßen
       bereitwillig bewegt wird, lässt sich nur eingeschränkt sagen. In „The Echo
       Chamber“ lässt der Regisseur Andrea Pallaoro den Musikproduzenten Leo (Luca
       Marinelli) und die Physiotherapeutin Anne (Alicia Vikander) eine Beziehung
       eingehen, die mehr mit Abwesenheit als mit Anwesenheit zu tun hat. Alles
       sehr bedeutungsschwanger, auch die Songs, die Leo mit der Diva Ava (Susan
       Sarandon) für eine Art musikalisches Testament einspielt. Die Musik ist
       dabei so bemüht aufgeladen wie die vielen Anspielungen auf Echos im Film.
       Das Drehbuch stammt von [2][Bernardo Bertolucci, das letzte vor seinem Tod
       fertiggestellte], was ihn jedoch nicht davon abgehalten hat, ein selten
       beknacktes Ende zu wählen.
       
       Ähnlich vom Willen zur Symbolik getrieben ist Paolo Strippoli in seinem
       Horrordrama „L’estranea“ über eine reiche Familie in Bari. Jasmine Trinca
       spielt darin die Familienmutter Anna, die eines Tages ihre Tochter Alice
       (Romana Maggiore Vergana) in deren Wohnung in Rom aufsucht, um sie über die
       Geheimnisse ihrer Familie aufzuklären. Für alle ihre Missgeschicke macht
       Anna eine mysteriöse Unbekannte (Valeria Bruni Tedeschi) verantwortlich.
       Viel Schreien, Lärm, etwas unappetitliche Bilder, dazu viele Bilder von
       Spiralen, die einen runterziehen sollen. Und viel Leere.
       
       Dann schon lieber die beziehungstolle [3][Selbstverliebtheit Nanni
       Morettis], der in „Succederà questa notte“ gleichfalls die Schauspielerin
       Jasmine Trinca, diesmal etwas vorteilhafter besetzt, auf Louis Garrel
       treffen lässt, auf dass beide sich als eigentlich füreinander bestimmtes
       Paar jahrelang verpassen. Fängt besser an, als er endet, aber im Vergleich
       mit den anderen italienischen Beiträgen allemal reizvoll.
       
       8 Sep 2026
       
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