# taz.de -- „Kreaturen“ von Bianca Bagnarelli: Bilder von großer sinnlicher Prägnanz
       
       > Eine enorme Tiefe und Anschaulichkeit zeichnen den Stil von Bianca
       > Bagnarelli aus. In „Kreaturen“ adaptiert sie Short Stories im
       > Graphic-Novel-Format.
       
 (IMG) Bild: Aus der Kurzgeschichte „Wolf“ in „Kreaturen“ von Bianca Bagnarelli
       
       Eine Kurzgeschichte ist eine kurze Geschichte, aber nicht alle kurzen
       Geschichten sind Kurzgeschichten. Geht es um Comics, ist der Unterschied zu
       den Maßstäbe setzenden Geschichten, die in den 1950ern im New Yorker EC
       Verlag erschienen sind, schnell zu erklären. In Magazinen wie Shock
       SuspenStories, Frontline Combat oder The Vault of Horror finden sich
       Beiträge, die nie länger als 6 bis 8 Seiten sind und zielstrebig auf eine
       unerwartete, oft makabre Schlusspointe zusteuern, die das zuvor Geschehene
       in einem neuen Licht erscheinen lässt.
       
       Ganz anders eine Kurzgeschichte, eine Short Story. Sie beginnt nicht nur
       unvermittelt, sondern strebt auch keinem eindeutigen Abschluss zu. Im
       Gegenteil, das offene Ende ist eines ihrer Markenzeichen. „Wir stehen
       selbst enttäuscht und sehen betroffen / Den Vorhang zu und alle Fragen
       offen“ – diese gern zitierten Zeilen aus Brechts „Der gute Mensch von
       Sezuan“ beschreiben die Empfindung, mit der einen die Lektüre einer
       Kurzgeschichte zurücklassen kann.
       
       Und ebenfalls anders als die kurze Geschichte – die in dieser Hinsicht der
       Novelle gleicht – erzählt die Short Story nichts Abenteuerliches; ihr Stoff
       ist das Alltägliche, ja Banale, dessen Schilderung allerdings den Anspruch
       hat, über sich hinaus auf etwas Allgemeingültiges zu verweisen.
       
       An diesem Verzicht auf alles Spektakuläre wird es auch liegen, dass es nur
       wenige Versuche gibt, die Short-Story-Ästhetik lupenrein auf Comics zu
       übertragen. Gewagt hat dies nun wieder einmal die 1988 geborene
       italienische Zeichnerin und Illustratorin Bianca Bagnarelli. In ihrem Band
       „Kreaturen“ sind 13 Geschichten mit einem Umfang von 4 bis 24 Seiten
       versammelt.
       
       ## Eine junge Frau klingelt an der Tür
       
       In „Wölfe“, der Ersten von ihnen, macht ein Paar Urlaub in einem im Grünen
       gelegenen Ferienhaus, an dessen Tür plötzlich eine junge Frau klingelt. Sie
       behauptet, im Gebüsch einen Wolf gesehen zu haben, und bittet darum, zum
       recht weit entfernten Bahnhof gefahren zu werden; die Freunde, mit denen
       sie sich hier aufgehalten habe, seien schon abgereist.
       
       Nach einigem Zögern gibt der Mann ihrem Wunsch nach. Seine Partnerin bleibt
       allein zurück und bekommt es mit der Angst zu tun: Vielleicht war dies nur
       ein Trick von Kriminellen, die jetzt über sie herfallen werden? Dann aber
       sieht sie einen Wolf mit drei seiner Jungen am Haus vorbeilaufen.
       
       Das ist eine klassische Short Story: Vieles bleibt offen, doch man ahnt,
       dass nach diesem Einbruch des latent Unheimlichen ins Vertraute nichts mehr
       sein wird wie zuvor. Mit Erschütterungen ihrer Existenz werden alle Figuren
       Bagnarellis konfrontiert.
       
       ## Eine späte Liebe
       
       In „Philosophie“ – der schönsten Geschichte – blüht eine ältere Lehrerin
       dank einer späten Liebe auf, jedoch nur vorübergehend. Die Protagonistin in
       „Myriam“, deren Vater oder Mutter offenbar akute, massive
       Gesundheitsprobleme hat, wirbt auf der Tanzfläche einer Disko heftig um ein
       gleichaltriges Mädchen, wird aber abgewiesen.
       
       In „Hase“ legt eine Frau sich einen toten Hasen, dem sie am Straßenrand
       findet, ins Auto; streichelt sie im Weiterfahren sein Fell, erinnert sie
       dies an ihren kleinen Sohn, zu dem sie vermutlich aus nicht erläuterten
       Gründen keinen Kontakt mehr hat.
       
       Nicht alles in „Kreaturen“ ist so gelungen. „Töchter“ und „David“ wirken
       eher wie Romanauszüge, wie herausgerissen aus größeren Zusammenhängen. In
       den nur vierseitigen Geschichten übertreibt Bagnarelli es dagegen mit dem
       Minimalismus; die Informationsvergabe bleibt allzu rudimentär.
       
       In „Say Hi for Me“ reist ein kleines Mädchen, nachdem die Mutter es
       verabschiedet hat, allein mit dem Zug zu einem Mann, der in einer tief
       verschneiten Provinz lebt. Gesprochen wird kein einziges Wort.
       Wahrscheinlich ist die Frau alleinerziehend, und der Mann ist der Vater des
       Kindes. Aber damit diese Szenenfolge eine Wirkung entfalten könnte, ist sie
       schlicht zu kurz geraten.
       
       ## Makellose Eleganz
       
       Uneingeschränkt zu rühmen sind Bagnarellis Qualitäten als Zeichnerin. Ihr
       Ligne-claire-Stil ist von makelloser Eleganz. [1][Chris Ware dürfte sie
       beeinflusst haben], ohne dass sie in dessen formalistische Exzesse
       verfällt.
       
       Die Seitenaufteilungen sind sehr variabel und einfallsreich, drängen sich
       aber nicht zu Ungunsten des Erzählten in den Vordergrund. „Philosophie“
       besteht fast nur aus jeweils zwei untereinander gesetzten sehr großen
       Panels, während in „Myriam“ vier Reihen kleiner Panels abwechselnd nur
       Schwarz und die Silhouetten von Tanzenden zeigen – und darunter vier
       größere Panels, in denen die Hauptfigur weinend und einsam an der Bar
       sitzt.
       
       Trotz einer Reduktion, die bei der Darstellung von Gegenständen mitunter an
       Piktogramme denken lässt, sind Bagnarellis Bilder von einer großen
       sinnlichen Prägnanz. Ein Panel in „Wölfe“ zeigt eine frühabendliche
       Landschaft und, spielzeugklein in diese gebettet, eine Kirche und zwei
       Häuser. Das sind alles nur Linien und Konturen, aber durch die Kolorierung
       – dunkelgrün die Bäume, in abgestuft hellerem Grün Hügel und Berge, gelb
       der Himmel, in dem schmale orangefarbene Wolken schweben – erzielt
       Bagnarelli eine enorme Tiefe und Anschaulichkeit.
       
       Auf der ersten Seite von „The Match“ kreiert sie in vier vertikal
       angeordneten Panels mit verschiedenen Schattierungen von Gelb und teilweise
       verwandten Formen einen visuellen Reim. Zunächst sieht man den rundlichen
       Kopf eines blonden jungen Mannes, dann einen Tennisball, der durch die Luft
       fliegt, darunter eine Ampel, die auf Gelb steht, und schließlich eine junge
       Frau, die in einem gelben Kleid auf dem Gepäckträger eines Fahrrads sitzt.
       
       „Kreaturen“ ist ein Comic, den man, nachdem man ihn gelesen hat, gern immer
       wieder aufschlägt, um sich, als wäre er ein Bildband, an Details seiner
       visuellen Gestaltung zu erfreuen.
       
       4 Oct 2026
       
       ## LINKS
       
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