# taz.de -- Egon Erwin Kisch, Prager Verbrechen: Wäre es nicht wahr, wäre es gut erfunden
       
       > Egon Erwin Kisch wurde als „Rasender Reporter“ bekannt. Einige
       > Kriminalreportagen, für die er teilweise auf fragwürdige Weise
       > Informationen besorgte, erscheinen jetzt wieder.
       
 (IMG) Bild: Historisches Prag, Blick auf den Altstädter Ring
       
       Der Ruf des als „rasender Reporter“ berühmt gewordenen Egon Erwin Kisch,
       1885 in Prag geboren, gründete, als er ein junger Journalist war, zu einem
       nicht geringen Teil auf Kriminalreportagen. Dass er bei seiner Arbeit nicht
       zimperlich vorging, sich mitunter auf fragwürdige Weise Informationen
       verschaffte und dort, wo die Realität nicht interessant genug ausfiel, ihr
       mit fantasievollen Eingebungen die nötige Farbe verlieh, ist im Hinterkopf
       zu behalten, wenn man die Texte dieses Bandes liest.
       
       Kisch hätte, zitiert die Herausgeberin Sabine Rückert den
       Literaturwissenschaftler Erhard Schütz, „den nach ihm benannten Preis nie
       und nimmer erhalten“, der heutzutage an [1][verdiente Vertreter*innen
       seiner Zunft] verliehen wird.
       
       Aber ein Jahrhundert danach betrachtet, spielt es eigentlich keine so große
       Rolle, ob etwa die herzzerreißende Story über eine alte Waschfrau, die an
       dem Gedanken verzweifelt, dass ihr einziger Sohn vielleicht einen Raubmord
       begangen hat, und die vor dem dreist hereingeschneiten Reporter einfach so
       mit ihrer tragischen Lebensgeschichte herausplatzt, auch nur einen Funken
       Wahrheit enthält. Täte sie es nicht, so wäre sie doch sehr gut erfunden;
       und da sehr gut geschrieben, ist sie heute eben ein Stück Literatur.
       
       Doch definitiv gibt es auch Texte, in denen sich der Verfasser spürbar um
       größtmögliche Faktentreue und Präzision bemüht, allen voran in der langen
       Reportage über den Fall des Obersten Redl, der, ein hoher Offizier des k.
       u. k. Geheimdienstes, Informationen an die Russen verkauft hatte und sich,
       kaum dass er aufgeflogen war, umbrachte.
       
       ## Kisch enthüllte einen sensationellen Fall
       
       Damit es nicht zu einem für das Korps peinlichen Prozess käme, hatten seine
       einstigen Kollegen Redl eine Schusswaffe zugespielt, mit der er sich
       pflichtschuldig erschoss. Dass der sensationelle Fall nicht unter den
       Teppich gekehrt wurde, war Kischs gründlich recherchierter
       Enthüllungsgeschichte zu verdanken.
       
       Einerseits war dem Reporter durchaus daran gelegen, die Sensationsgier des
       Lesepublikums zu befriedigen, andererseits interessierte ihn das Verbrechen
       an sich stets weniger als die Umstände, unter denen es geschah und die es
       nach sich zog. Beim Besuch des Prager Polizeimuseums stellt er fest, dort
       fehle „all das, was ihn [den Menschen] lockt, lieber ein Verbrecher zu sein
       als ein von jedem Genuss unschuldig Ausgestoßener“.
       
       Ein anderes Mal klettert Kisch verbotenerweise über die Mauer zum
       unzugänglichen Gefängnisfriedhof, wo die in Haft Verstorbenen schmucklos
       nummeriert verscharrt werden, und bekennt sich dazu „sichtlich bewegt“.
       Dann wiederum besucht er einen der fünf Henker, die es im österreichischen
       Kaiserreich gab, und lässt sich eine genaue Beschreibung von dessen
       Tätigkeit und Arbeitsethos geben. Ein paar Jahrzehnte später berichtet er
       über die öffentliche Hinrichtung von Karl Hermann Frank, einst
       NS-Staatsminister im Protektorat Böhmen und Mähren und unter anderem
       verantwortlich für die Massenmorde in Lidice und Ležáky.
       
       ## „Prager Verbrechen“
       
       Es ist eine riesige Bandbreite an Themen, die Kisch verarbeitet und die
       Sabine Rückert aus seinen gesammelten Werken herausgeklaubt und in diesem
       Band unter der großen inhaltlichen Klammer „Prager Verbrechen“
       zusammengefasst hat. Das Verbrechen, sieht man hier, ist ein weites Feld,
       und für Kisch, der erst im Laufe seines Lebens zum kommunistischen
       Frontkämpfer (und später zum Stalinisten) wurde, war es wohl von Anfang an
       das Feld, auf dem gesellschaftliche Schieflagen am deutlichsten sichtbar
       werden.
       
       Fast etwas paradox gehört diese Textsammlung über die dunklen Seiten des
       Menschseins zu den schönsten Büchern dieses Jahres. Das Buch enthält
       Illustrationen von Jörg Hülsmann, und seine Einbandgestaltung adelt es
       quasi zum Designobjekt.
       
       27 Sep 2026
       
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