# taz.de -- Warschau wird zu einer grünen Stadt: Wie sich Betonwüsten in Wohlfühloasen verwandeln
       
       > Die polnische Hauptstadt wird dank millionenschweren Investitionen
       > grüner. Unsere Autorin sieht selbst: Das Leben dort ist ein anderes
       > geworden.
       
 (IMG) Bild: Kinder suchen Abkühlung an der neuen grünen Promenade in der Innenstadt Warschaus
       
       Flirrende Hitze, Dieselgestank und glühend heiße Straßen, Bürgersteige und
       Plätze: Dieser Albtraum verschwindet ganz allmählich. [1][In Polens
       Hauptstadt Warschau] scheinen wie über Nacht Tausende Bäume in den Himmel
       geschossen zu sein. Wo früher die Sonne vom Himmel brannte, spenden schon
       heute die knapp zehn Meter hohen Bäume kühlenden Schatten.
       
       Grüne Stauden, bunte Gräser und Blumenrabatten säumen die Bürgersteige.
       Dazwischen laden Sitzbänke, sprudelndes Wasser in kleinen Becken oder
       Teichen zum Verweilen ein. Die ehemaligen Fußgängertunnel, die in der Ära
       des Kommunismus unter den breiten Straßenschneisen und für die
       „autogerechte Stadt“ angelegt wurden, dienen heute als
       Regenwasserreservoir. Aus ihm wird das neue Grün automatisch gewässert.
       Gern genutzt wird auch die erste öffentliche Tiefgarage mit vier
       Stockwerken. Da bleiben die Autos schön kühl.
       
       „Das neue Zentrum“ heißt die millionenschwere Investition der Warschauer
       Stadtverwaltung, die sich nach rund drei Jahren Vorbereitungsarbeiten und
       vielen nervenden Baustellen plötzlich als „grüne Wohlfühloase“ zeigt.
       
       Die Warschauer sind begeistert. Endlich bekommen sie ihr Stadtzentrum
       zurück, das erst die Deutschen nach dem Warschauer Aufstand 1944 gesprengt
       hatten, und das dann ab 1952 endgültig von den Sowjets dem Erdboden
       gleichgemacht wurde. Auf dem 40 Hektar großen Areal hatten jene den
       gigantischen Kultur- und Wissenschaftspalast – das „Geschenk Stalins an das
       Brudervolk der Polen“ – eingerichtet; für die Parteielite der polnischen
       Kommunisten und als riesigen Defilierplatz.
       
       ## Warschau neu denken
       
       Nach der politischen Wende 1989 hatten die Warschauer Oberbürgermeister
       keine Idee, wie aus dem gigantischen Betonplatz vor dem Kulturpalast, den
       breiten Stadtautobahnen ringsum und der Marszalkowska mit den
       Billigkaufhäusern und hässlichen Kantinen wieder ein attraktives
       Stadtzentrum werden könnte. Die fliegenden Händler und der Parkplatz für
       tausende Autos waren keine Lösung.
       
       Erst der liberale Oberbürgermeister Rafal Trzaskowski und sein Team von
       Gartenbauarchitekten, Spezialist*innen im Hoch- und Tiefbau sowie für
       Kanalisation und Wasserwirtschaft hatten die [2][zündende Idee]: die
       Umwandlung ganz Warschaus in eine „Green City“.
       
       Schon im Jahr 2020 schloss sich Warschau dem Programm „Grüne Städte“ der
       Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD) an und begann,
       die angebotenen Ressourcen intensiv zu nutzen. Drei Jahre später
       akzeptierte der Warschauer Stadtrat einen umfangreichen Plan mit kurz-,
       mittel- und langfristigen Zielen für Stadtentwicklung und aktiven
       Klimaschutz. In ihm verpflichtet sich Warschau, die CO₂-Emissionen bis 2030
       auf 40 Prozent zu senken [3][und bis 2050 vollkommen klimaneutral zu
       werden.]
       
       Das „Neue Zentrum Warschaus“ mit seinen großen Bäumen, Wasserspielen und
       Sitzbänken stellt zusammen mit den neuen Radwegen und verengten Fahrbahnen
       ein Beispiel dar, wie es gehen kann. Denn Trzaskowski vernachlässigt die
       anderen Stadtteile keineswegs, lässt mit EU-Zuschüssen in Milliardenhöhe
       weitere Metrolinien bauen, neue Schienen verlegen, auf denen dann
       hochmoderne und klimatisierte Straßenbahnen bis an die Stadtgrenzen fahren.
       
       ## Wohlfühloasen überall
       
       Wo immer es geht, werden bei den Baumaßnahmen auch gleich unterirdische
       Regenwasser-Rückhaltebecken angelegt, die die neuangelegten Alleen, Stauden
       und Blumenrabatte automatisch bewässern. In allen Parks wurden
       Trinkwasserbrunnen für Mensch und Hund installiert.
       
       Besonderes Augenmerk legt Trzaskowski auf den rechts der Weichsel gelegenen
       Warschauer Stadtteil Praga, der zwar den Zweiten Weltkrieg unzerstört
       überstanden hat, dann aber von den regierenden Kommunisten jahrzehntelang
       vernachlässigt worden war.
       
       Dort war die Hitze im Sommer bislang fast unerträglich. Die Straßen sind
       extrem breit, dazwischen Straßenbahnen, Motorräder, Fußgänger und durch die
       Luft fliegende Tüten, Pappbecher und anderer Müll. Radwege gibt es fast
       keine, auch kaum Bäume. Doch nun soll auch Praga zur Green City werden.
       
       Als Erstes wurde eine Fußgängerbrücke über die Weichsel gebaut: Sie
       verbindet das Alt-Praga mit den Boulevards am Weichselufer auf der anderen
       Flussseite und hat sich zu einem Publikumsmagneten entwickelt. Inzwischen
       sind schon mehrere Straßen zu angenehm kühlen Alleen mutiert, ein bislang
       trostloser Betonplatz soll demnächst mit einer Kunstinstallation, einer
       großen Nebelwand, Blumen, Sträuchern, Bäumen, einem Spielplatz und
       Holzbänken zu einer weiteren Wohlfühloase werden.
       
       6 Sep 2026
       
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