# taz.de -- Hitzewellen in Südkorea: Hundstage in Seoul
       
       > Südkoreas Hauptstadt reagiert mit innovativen Alltagslösungen auf die
       > rekordträchtige Hitze. Doch langfristige Strategien fallen den
       > Südkoreanern schwer.
       
 (IMG) Bild: Eine Sprühnebelstation gegen die Hitze
       
       Auch in gewöhnlichen Sommern kann man in Südkorea die Uhr danach stellen,
       wann die bereits brutale Hitze zur unerträglichen Misere wird: Gegen Ende
       der Regenzeit, meist im späten Juli, fühlt es sich an, als ob der
       Wettergott plötzlich einen Schalter umlegen würde – und die
       Luftfeuchtigkeit bis zum Anschlag hochdreht.
       
       Die Schwüle sorgt dafür, dass selbst kurze Spaziergänge zum Supermarkt in
       schweißgebadeter Erschöpfung enden. Und dass sogar moderate 28 Grad extrem
       unangenehm wirken; insbesondere in der 10-Millionen-Einwohner-Metropole
       Seoul, wo Asphaltdschungel und Windstille ihr Übriges tun.
       
       ## Hitzerekorde am laufenden Band
       
       Doch dieser Sommer war, wieder einmal, kein gewöhnlicher. Etliche
       [1][Hitzerekorde] wurden reihenweise gebrochen: Im südöstlichen Yangsan
       etwa kletterte das Thermometer Anfang August auf 42,5 Grad Celsius. Nie
       zuvor wurde in Südkorea eine solch hohe Temperatur gemessen.
       
       Im Unterschied zu deutschen Hitzewellen kühlt es in Südkorea auch nachts
       über mehrere Monate nicht ausreichend ab. Nimmt man die deutsche
       Definition, nach der tropische Nächte ab einer Tiefsttemperatur von 20 Grad
       gelten, würde dies in Seoul praktisch für den gesamten Sommer zutreffen.
       Der koreanische Wetterdienst registriert tropische Nächte daher erst, wenn
       die Temperaturen nicht unter 25 Grad fallen. Und allein zwischen Ende Juli
       und Mitte August gab es 17 solcher Nächte in Seoul – hintereinander.
       
       ## Sonnenschirme an Kreuzungen, klimatisierte Busstationen
       
       Um die Hitze erträglich zu machen, hat sich die Seouler Stadtregierung
       viele innovative Lösungen einfallen lassen. Einige Busstationen sind
       mittlerweile verglaste Warteräume, die klimatisiert werden. An praktisch
       jeder größeren Kreuzung wurden schon vor Jahren große Sonnenschirme
       installiert, die während langer Ampelphasen Schatten spenden.
       
       In einigen Armenvierteln, wo viele Senioren und prekär Beschäftigte in
       engen Behausungen ohne Klimaanlage leben, sind in den verwinkelten Gassen
       temporäre Wassernebelanlagen aufgebaut. Und im gesamten Stadtgebiet wurden
       über 4.000 Einrichtungen zu Kühlungsunterkünften deklariert, darunter
       öffentliche Bibliotheken oder Seniorenzentren. Viele Senioren nutzen auch
       einfach die U-Bahnstationen, um die Mittagshitze zu überstehen. Viele junge
       Südkoreaner bevorzugen den Kinosaal: [2][Besonders Christopher Nolans
       172-minütiges Epos „Die Odyssee“] erfreute sich großer Beliebtheit.
       
       ## Nur wenig nachhaltige Strategien
       
       Teil der Wahrheit ist aber auch: Bei nachhaltigen Lösungen schneidet
       Südkoreas Hauptstadt deutlich ambivalenter ab. In vielen Straßen gibt es zu
       wenig schattenspendende Bäume – und das vorhandene Grün wird jeden Frühling
       stark zurückgeschnitten.
       
       Hinzu kommt ein mangelndes Problembewusstsein für die Folgen des eigenen
       Energieverbrauchs: Viele Koreaner nutzen ihre Klimaanlagen derart exzessiv,
       [3][dass der Hitzeinseleffekt] in Seoul besonders stark ausgeprägt ist.
       Viele Geschäfte lassen ihre Eingangstüren gar offen, während sie ihre
       Klimaanlagen auf Höchststufe betreiben.
       
       Zudem ist Seoul eine der wenigen Hauptstädte Asiens, in der es nur wenige
       Fahrradpendler gibt – zu stark ist die Infrastruktur auf Autos ausgelegt.
       Und in Sachen erneuerbare Energien hinkt die südkoreanische Volkswirtschaft
       ohnehin deutlich hinterher: Nur etwas mehr als 10 Prozent der
       Stromerzeugung wird aus Solar, Wind und Co. gespeist.
       
       Irgendwann einmal wird sich die mangelnde Weitsicht rächen. Bisher sind die
       meisten Südkoreaner jedoch einfach froh, dass sie mit ihrer Klimaanlage die
       Hitze zumindest temporär ausblenden können. Und das wird in den kommenden
       Tagen wieder bitter nötig sein: Dass die Temperaturen zuletzt wieder etwas
       abgeklungen sind, stellt sich nun als kurze Verschnaufpause heraus. Die
       Hitzewelle in Seoul hat sich ein letztes Mal für diesen Sommer
       zurückgemeldet – mit gefühlten Temperaturen von bis zu 36 Grad.
       
       27 Aug 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /14000-Hitzetote--vielleicht-auch-ein-paar-Tausend-mehr/!6205754
 (DIR) [2] /Neuerzaehlungen-griechischer-Mythologie-Ja-Odysseus-ist-cool-aber-haben-Sie-schon-mal-von-Circe-gehoert/!6195132
 (DIR) [3] https://nationalgeographic.de/umwelt/2022/07/hitzeinseleffekt-warum-es-in-unseren-staedte-so-heiss-ist-und-was-dagegen-hilft/
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Fabian Kretschmer
       
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