# taz.de -- Neuer Roman von Ulrich Peltzer: Wenn Besonderheit auf Ablehnung stößt
       
       > Ein Drehbuchschreiber denkt über einen genialen Mathematiker nach: Ulrich
       > Peltzers „Der verlorene Schlaf“ ist historisch und zeitgenössisch
       > zugleich.
       
 (IMG) Bild: Der französische Mathematiker Evariste Galois (1811–1832)
       
       Ulrich Peltzers Figuren pendeln seit jeher zwischen Extremen. Seine Romane
       erzählen immer auch eine Geschichte subkultureller und politischer
       Bewegungen mit. „Der verlorene Schlaf“ widmet sich jetzt zum ersten Mal
       einem historischen Stoff: dem jung bei einem Duell getöteten
       Mathematikgenie Évariste Galois und der französischen Julirevolution von
       1830.
       
       Ein historischer Stoff ist das aber nur zum Teil. Denn wie heißt es einmal
       über den Protagonisten? „Immer am Rand, Absturz inklusive.“ Das erinnert
       fast wörtlich an die Hauptfigur von Peltzers letztem Roman [1][„Der Ernst
       des Lebens“], in dem es um Grenzerfahrungen in der Gegenwart ging.
       
       Ein selbstgewisses Hinabtauchen in eine entrückte Vergangenheit – das ist
       der neue Roman Peltzers bestimmt nicht. Typisch sind Passagen wie diese:
       „Évariste wendet sich in Richtung Kamera, vielleicht sieht er die Zuschauer
       direkt an … das bin ich, was wollt ihr von mir, in meine Seele schauen?“
       
       Von Anfang an ist klar, dass es in diesem Roman zwei Protagonisten gibt.
       Neben dem radikalen Umstürzler und Mathematiker Évariste agiert auch ein
       namenloser Erzähler von heute, der nie in Ich-Form schreibt, doch während
       einer Nacht im hipstertouristischen Berlin am Landwehrkanal über einen
       Filmstoff nachdenkt und unter erheblichem Finanz- und Zeitdruck – die
       Produzentin drängelt – die Geschichte jenes Évariste Galois in ein Drehbuch
       zu verwandeln versucht.
       
       ## Dramatische Biografie
       
       Diese Biografie ist tatsächlich dramatisch. Der Held stirbt zwanzigjährig
       unter dubiosen Umständen, und erst 15 Jahre nach seinem Tod werden die
       Formeln, die er kurz vor seinem Tod hastig hingeworfen hat, in ihrer
       bahnbrechenden Bedeutung erkannt.
       
       In der nach ihm benannten Galoistheorie geht es um hochkomplexe Fragen
       algebraischer Gleichungen, die für seine Zeitgenossen unlösbar erschienen.
       Gleichzeitig entwickelte er sich zu einem ungestümen politisch Radikalen,
       der von den Schergen des letzten Bourbonenkönigs wie des neuen
       „Bürgerkönigs“ Louis Philippe als höchst gefährlich eingeschätzt wurde –
       seinem Tod ging eine Intrige voraus, in die der Geheimdienst verwickelt
       war.
       
       Der Autor Ulrich Peltzer wie der Drehbuchschreiber in seinem Roman nehmen
       eine Grundfrage ernst, die eher selten konsequent bis zu Ende gedacht wird
       und die den Anfang jeder Kunst bildet: Wie erzählt man eine Geschichte?
       Noch dazu, wenn man wenig oder fast gar nichts weiß?
       
       Die bekannten Bruchstücke von Évaristes Biografie werden benannt und
       befragt, aber wesentlich dabei ist, wie sie hin und her geschoben werden
       und unter dem Aspekt einer Verfilmung immer wieder eine ästhetische
       Eigendynamik bekommen. Zudem werden sie mit eigenen Erinnerungsfragmenten
       des Drehbuchschreibers konfrontiert, der über die Zeiten hinweg nach
       Zusammenhängen sucht.
       
       Das Verblüffende bei Évariste ist, dass er gleichzeitig ein mathematisches
       Genie und politisch ein Revolutionär war. Peltzers Drehbuchschreiber
       unterliegt nicht der naheliegenden Suggestion, hier eine logische
       Verbindung zu sehen. Biografisch zentral war der Selbstmord von Évaristes
       Vater, einem liberalen Bürgermeister bei Paris, dem im Zuge der
       Restauration in den 1820er Jahren von Klerus und reaktionärer Aristokratie
       immer heftiger zugesetzt wurde und der eine Verleumdungskampagne nicht
       verkraftete. Der Sohn sucht Kontakt zu den utopisch-sozialistischen
       Saint-Simonisten und schließt sich bald den revolutionären Kreisen um
       Louis-Auguste Blanqui an.
       
       ## Machtstrukturen des Regimes
       
       Bereits in der Schule zeigt Évariste, der in den anderen Fächern keineswegs
       auffällt, eine einzigartige mathematische Begabung. Ein liberaler Lehrer
       versucht angesichts der Problemstellungen, die seinen Zögling umtreiben und
       denen er selbst schwer folgen kann, Évariste zu fördern.
       
       Peltzers Drehbuchschreiber denkt im Anschluss daran über einige prägnante
       Szenen nach, in denen die Beschränktheit und Arroganz der akademischen
       Platzhalter im Fach Mathematik vorgeführt wird. Sie verstehen Évaristes
       Überlegungen nicht und verweigern ihm die Universität – die Machtstrukturen
       eines autoritären Regimes werden hier offensichtlich.
       
       Évariste ist kein Künstler im klassischen Sinn, aber unter der Hand
       kristallisiert sich heraus, was den Drehbuchschreiber wie auch Peltzers
       Roman selbst vor allem umtreibt: die Charakterisierung des Einzelnen, der
       herausfällt, dessen Besonderheit von den anderen nicht erkannt wird und auf
       Ablehnung stößt.
       
       Es entstehen bestechende Szenen, in denen Évariste alles um sich herum
       vergisst und nur auf das fixiert ist, was er gerade an mathematischen
       Rätseln im Kopf hat. Er interessiert sich nicht für Noten und die Formen
       bürgerlicher Anerkennung, seine gesamte Aufmerksamkeit ist obsessiv auf
       Zahlen und Gleichungen und die verschiedenen Ebenen ihrer
       Auflösungsmöglichkeiten gerichtet. Wenn der Lehrer ihm eine einfache Frage
       stellt, die unter seinem Niveau ist, bleibt er stumm. Man hält ihn für
       arrogant und unsozial.
       
       Peltzer samt seinem Drehbuchschreiber gelingt es, diese Künstlerproblematik
       sehr eindringlich und individuell zu umreißen, mit konkreten
       atmosphärischen und historisch genau recherchierten Details. Die Klischees,
       die hier überall in der Luft zu liegen scheinen, tauchen bei diesem Zugriff
       gar nicht erst auf.
       
       ## Drehbücher mit Christoph Hochhäusler
       
       Es gibt eine Passage, in der Peltzer das Thema des Genies auf
       charakteristische Weise anreißt. Da wird dem Lehrer in der Schule klar,
       „dass der Junge, der sich vorher nie mit den Lehrsätzen der Geometrie
       beschäftigt hatte, eine Begabung besitzt, die nicht anders als exzeptionell
       zu nennen ist, und sei es nur die eines landläufige Vorstellungen weit
       überschreitenden Gedächtnisses (als ließe sich Évaristes Genie darauf
       zurückführen, als hätten Mathematiker ein besseres Gedächtnis als Musiker
       oder Schriftsteller, wahrscheinlich aber funktioniert es bei ihnen auf
       eigene Art).“
       
       Man merkt diesem Roman an, dass Ulrich Peltzer schon einige Drehbücher mit
       [2][Christoph Hochhäusler,] einem Regisseur aus der Berliner Schule,
       geschrieben hat. Filme wie „Unter dir die Stadt“ (2010), „Die Lügen der
       Sieger“ (2014) oder der Thriller „La Mort viendra“ ([3][„Der Tod wird
       kommen“], 2024) haben dieselbe scharfkantige und handwerklich perfekt
       vorangetriebene Ästhetik, die Peltzers Drehbuchschreiber in diesem Roman
       anhand des Évariste-Galois-Stoffes vorführt. Bestimmte Einstellungen und
       Lichtführungen aus der Filmgeschichte, die sich assoziativ ablösen und als
       Referenzpunkte für den jetzt neu zu drehenden Film dienen könnten, wirken
       wie ein Roman im Roman. Das Making-of läuft im Text mit.
       
       Es ist offenkundig, dass Peltzer ein zeitgenössisches künstlerisches
       Bewusstsein abbilden und nicht hinter das zurückfallen möchte, was William
       Faulkner oder im deutschen Sprachraum Uwe Johnson schon vor Jahrzehnten an
       mehrdimensionalen Erzählperspektiven entwickelt haben. Einzelne Screenshots
       mit Gary Cooper, Ingrid Bergman oder Monica Vitti sind dabei äußerst
       anregend und führen den Text in ganz andere Bereiche.
       
       Manchmal wechseln mitten im Satz die Zeitebenen, und man springt von einem
       Komma ins nächste vom Paris des Jahres 1830 in Westberliner Demonstrationen
       seit den 1970er Jahren. Évariste wird zusammengeblendet mit Erfahrungen des
       Drehbuchschreibers am Niederrhein, ob im Mathematikunterricht in der Schule
       oder in Auseinandersetzungen mit dem Wehrdienst.
       
       Dieser Roman ist historisch und zeitgenössisch zugleich, er bündelt
       Assoziationen, gibt sie weiter und sammelt Antworten auf die Frage, wie
       eine gegenwärtige Ästhetik aussehen kann, ohne gleich auf den Markt zu
       schielen. In dieser Klasse spielen nur wenige.
       
       8 Sep 2026
       
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