# taz.de -- Geoguessr-Weltmeisterschaft in Berlin: Ein frecher Guess
> Innerhalb von 60 Sekunden können „Geoguessr“ den Standort eines einzigen
> Bildes von Google Street View ausmachen. In Berlin wurde ein neuer
> Weltmeister gekürt.
(IMG) Bild: Szabolcs Attila „Debre“ holt den Titel Geoguessr-Weltmeister 2026 im Tempodrom Berlin
Ein Mädchen, etwa 15, blond, mit Zahnspange, jubelt in die Kamera. Tränen
laufen über ihre Wangen, sie taumelt ekstatisch hin und her. Um sie eine
tosende Menschenmenge. Spielt eine Boyband im Tempodrom? Nein, es ist
„Geoguessr“-Weltmeisterschaft in Berlin – und ihr Favorit hat gerade den
Titel geholt.
Geoguessr ist ein E-Sport, bei dem die Teilnehmer_innen anhand eines
zufällig ausgesuchten Google-Street-View-Bildes bestimmen müssen, wo auf
der Welt sie sich befinden. Über die Jahre hat es sich von einem
Onlinespiel in einen internationalen Wettkampf mit professionellen
Geoguessern entwickelt. Seit 2023 wird jährlich eine WM ausgetragen. Anfang
September treten die besten 24 Spieler_innen in Berlin gegeneinander an.
Radu C ist amtierender Weltmeister. [1][2025 konnte sich der US-Amerikaner
nach einem engen Finale gegen den Ungarn Debre durchsetzen.] Dieses Jahr
ist Radu C schon im Achtelfinale ausgeschieden und sieht sich die
restlichen Spiele von der Tribüne aus an. Über seine Niederlage ist er
enttäuscht. „Ich hätte gerne noch einen Tag gespielt. Ich liebe es, auf der
Bühne zu sein“, sagt er der taz.
Eine Runde aus seinem letzten Spiel, bei der sein Kontrahent und
Weltmeister von 2023, Consus aus den Niederlanden, näher lag, ärgere ihn
besonders. Es ging um einen Ort in Indien. Er habe ein Schild nicht
gesehen, auf dem Informationen auf Hindi standen, die ihm dabei hätten
helfen können, zumindest die richtige Gegend zu bestimmen. Und klar: „Alle
Leute, die hier spielen, können Hindi lesen.“
## Spezialwissen ohne Ende
Guessen, also bloßes Raten, trifft das, was hier geschieht, nämlich kaum.
Die Spieler_innen sind extrem gut vorbereitet. Sie lernen von Kanji bis
Kyrillisch sämtliche Schriften zu lesen, sie können Vegetation und
Architektur geografisch einschätzen, sie wissen, wie sich deutsche von
kolumbianischen Straßenschildern unterscheiden und welche Eigenheiten das
Google-Auto aufweist: etwa eine lange Antenne in Russland oder einen
Schnorchel vorne am Auto in Kenia. Ob Telefonvorwahlen in Brasilien oder
Regierungsbezirke in Indonesien – all das lernen sie auswendig.
Kein Wunder also, dass die knapp 2.000 Fans hier durchdrehen, wenn
Spieler_innen wie Blinky, Malfunction oder Bulgariaenjoyer einen
sogenannten 5K erzielen: die genaue Straße finden, nur wenige Meter
entfernt sind vom tatsächlichen Standort und die maximalen 5.000 Punkte
bekommen.
Eine Gruppe Jungs hat ein 3D-gedrucktes Miniaturmodell eines ganz
bestimmten Mülleimers mitgebracht, den es nur in Neufundland gibt. Sie
sammeln darauf Autogramme. Andere haben dafür einen deutschen Straßenpoller
dabei. Beide Objekte helfen bei der Standortbestimmung, wenn sie im Bild zu
sehen sind.
## Für 60 Sekunden an jeden Ort der Welt
Die Matches sehen so aus: Auf der Bühne stehen zwei Schreibtische mit
Computern, deren Bild auf großen Screens für das Publikum übertragen wird.
Ein Match findet immer als Duell statt und besteht aus bis zu fünf Spielen.
Wer drei gewinnt, gewinnt auch das Match. In jedem Spiel starten die
Teilnehmer_innen mit einer Healthbar von 5.000. Es gibt dann so viele
Runden (also Standorte), bis eine der Healthbars bei 0 ist. Für einen Guess
haben die Spieler_innen 60 Sekunden.
Spiel eins und drei sind immer im „Moving“-Modus. Die Spieler_innen können
die Straßen entlangfahren, sich umsehen, zoomen. Der Franzose Blinky ist
darin der Beste: Er schafft es, besonders schnell an nützliche
Informationen wie Straßenschilder oder Autobahnnummern zu gelangen, und
dominiert in dem Modus fast immer.
Spiel zwei und vier dagegen sind „No Move“: Man ist an einen Fleck
gefesselt, kann sich lediglich umsehen (Pan) und an Dinge heranzoomen
(Zoom). Sollte das Match dann noch nicht entschieden sein, kommt das
berüchtigte Spiel fünf: NMPZ – No Move, Pan or Zoom. Hier bekommen die
Spieler_innen nur ein einziges Bild und müssen davon ausgehend ihren Guess
machen.
Beide Halbfinals fielen 3:0 aus. [2][Im Finale] tritt nun der Franzose
Blinky, Weltmeister von 2024, gegen den Ungarn Debre an, der schon letztes
Mal im Finale stand, aber gegen Radu C verlor. „Debre wird 3:2 gewinnen. Er
hat es verdient“, sagt Radu C der taz vorm Finale.
## Der Underdog liegt vorn
Ziemlich rasch liegt Blinky 2:0 vorne. „Es wäre cringe, zwei Finals
hintereinander zu verlieren“, sagte Debre noch kurz davor und bezeichnete
Blinky als besten Spieler aller Zeiten. Er weiß, er ist der Underdog. Runde
3, wieder Moving, beginnt und laute „Debre“-Sprechchöre gehen durch die
Arena. Debre muss Blinky nun in seiner besten Disziplin besiegen.
Blinky findet die Standorte schnell, loggt seinen Pin ein, damit Debre nur
noch 15 Sekunden bleiben, um zu guessen. Oft findet der in letzter Sekunde
den richtigen Ort. In einer Rumänienrunde ist Blinky überraschend 200 km
entfernt, während Debre in der richtigen Stadt liegt: Er holt sich Runde 3.
Auch das nächste Spiel, No Move, dominiert er plötzlich und gewinnt – das
Match ist nun ausgeglichen. Das Publikum ist außer sich und Blinky wirkt
verunsichert. Dann beginnt das, worauf alle gewartet haben: die
Königsdisziplin, NMPZ.
## Ein frecher Guess
Debre ist selbstbewusst, das Momentum liegt bei ihm. Das beweist er mit
einem frechen Guess: Bei einem Standort, wo eine ländliche Straße zu sehen
ist, setzt er seinen Pin in Belarus – ein Land, das kein Google Street View
hat.
Das nennt man einen sogenannten „Hedge“: Er weiß, es ist Osteuropa, ist
aber unsicher, ob Nord oder Süd, also guesst er in der Mitte. Das zahlt
sich aus. Blinky wählt die Ukraine, doch der Standort liegt in
Nordwestrussland, womit Debre näher liegt. Lasziv flickert er mit der Zunge
Richtung seiner Fan-Ecke.
Die nächste Runde beginnt: eine unbefestigte Straße, weite, trockene
Landschaft, Berge im Hintergrund, Gebüsch am Straßenrand, sonst nichts.
Debre loggt nach wenigen Sekunden Nordnamibia ein. Nun bleiben Blinky 15
Sekunden, um zu guessen. Er setzt seinen Pin in Südafrika, loggt aber nicht
ein. Plötzlich zoomt er weit raus, die Zeit läuft fast ab, da entscheidet
er sich um und setzt seinen Pin in Argentinien.
Es ist nun klar: Die beiden sind so weit voneinander entfernt, dass diese
Runde das Match entscheiden wird. Alle stehen auf und schauen
erwartungsvoll auf den Bildschirm. Die Karte wird sichtbar, der richtige
Standort wird angezeigt: Namibia. Rauchkanonen vor der Bühne schießen große
Wolken raus, Konfetti fällt von der Decke und alle springen jubelnd von
ihren Plätzen auf.
Blinky wirkt nach dem Spiel resigniert. Verständlich, nachdem er 2:0 vorne
lag. „Ich bin extrem enttäuscht und frustriert“, sagt er der taz. Besonders
die NMPZ-Runde sei ihm schwergefallen. „Ich war völlig neben der Spur“,
sagt er über seinen Argentinien-Guess in letzter Sekunde.
## Fans feiern Debres Sieg
Er steht vor der Bühne in einer Menge mit anderen Spieler_innen, sie geben
Autogramme, nehmen Selfies auf. Debre lässt sich feiern. Da ist auch das
blonde Mädchen aus der ersten Reihe, das weinend in Großaufnahme zu sehen
war, als Debre mit seinem Namibia-Guess gewann. Die Ungarnflaggen auf ihren
Wangen sind von den Tränen schon etwas verschmiert.
Ob sie extra aus Ungarn angereist, mit Debre befreundet oder verwandt ist?
„Nein, ich bin Fan.“ Endlich habe Debre den verdienten Sieg geholt. Mit 12
sei sie bereits bei der ersten Weltmeisterschaft in Stockholm gewesen. „Ich
fand ihn damals schon toll, weil … ach, ihr habt ihn ja selbst gesehen.“
7 Sep 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Weltmeisterschaft-der-Geoguessr/!6108912
(DIR) [2] https://www.youtube.com/watch?v=Xo5F4UyaMvM
## AUTOREN
(DIR) Valérie Catil
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