# taz.de -- Filmfestspiele in Venedig: Verrückte gibt es hier nicht
       
       > Die Filmfestspiele von Venedig bieten: Pädophilie, die Arbeit in einer
       > Jugendpsychiatrie, Grundlagen der Philosophie und Abgründe von
       > Reality-TV.
       
 (IMG) Bild: Ausblick ins normale Leben: Jugendpsychatriestation im Film „15/18“
       
       Großer Jubel: Lucia (Malou Khebizi) ist zurück. Wo genau, ist am Anfang
       nicht ganz klar. Zwei Polizisten haben sie die Treppe hoch begleitet, in
       einen nüchternen Empfangsraum, wo sie von einer Krankenschwester mit einem
       knappen „Wieder da?“ begrüßt wird. Bevor die 17 Jahre alte Lucia aber
       zurück zu den anderen Jugendlichen kann, prüft die Schwester ihre Taschen.
       Feuerzeuge, Scheren, alle potenziell gefährlichen Gegenstände muss Lucia
       abgeben.
       
       Der [1][französische Regisseur Cédric Kahn] stellt in seinem Beitrag zum
       Wettbewerb der Filmfestspiele von Venedig, dem Spielfilm „15/18“, das
       Innenleben einer Jugendpsychiatrie vor. Lucia, die erste Protagonistin,
       wirkt lebensfroh, etwas übermütig, wobei ihre heftigen Reaktionen
       insbesondere auf das Psychiatriepersonal deutlich machen, dass etwas bei
       ihr nicht stimmt. Als der neue Arzt Jules kurz eingewiesen wird, erfährt
       er, dass Lucia schon mehrere „SV“ (Selbstmordversuche) hinter sich hat, wie
       mehrere Insassen der Station.
       
       Kahn hat für seinen Film vorwiegend mit Laiendarstellern gearbeitet. Die
       alle wie geschaffen wirken für ihren Part und ihre Rollen perfekt
       verkörpern, von den verschlossenen, durch frühen Missbrauch Traumatisierten
       bis zu den explosiv Gewalttätigen. Keine Figur wirkt dabei exponiert.
       „Verrückte gibt es hier nicht“, wiederholt der Stationsarzt unermüdlich.
       Und bei allem Ernst verstehen es Patienten wie Personal oft genug, eine
       Situation mit Witz aufzulösen.
       
       ## Vor der Allgegenwart der sozialen Medien
       
       Schwerer dagegen nimmt es Lance Oppenheim im Wettbewerb in seinem
       überdrehten Thriller „Primetime“. Robert Pattinson spielt darin den
       Fernsehmoderator Chris Hansen. Den gibt es wirklich, und seine Serie „To
       Catch a Predator“ hatte beim Sender NBC zwischen 2004 und 2007 großen
       Erfolg. Sein Konzept: Er lässt „Jugendliche“ online mit Pädophilen in
       Kontakt treten und stellt die Männer beim ersten geplanten Date vor
       laufender Kamera bloß. Von da laufen die überführten Täter der Polizei
       direkt in die Arme.
       
       Die Serie ist so pervers wie die „Raubtiere“, die Hansen mit medialen
       Mitteln öffentlich bloßstellen will. Robert Pattinson wirkt mit seinem
       knochigen Profil und den stets glatt gekämmten Haaren selbst wie jemand,
       dem man nachts nicht allein auf der Straße begegnen möchte. Oppenheim nutzt
       viel pixeliges Digitalvideomaterial, um seinem Film ein wenig Nostalgie zu
       verpassen, immerhin spielt er in der Zeit vor der Allgegenwart der sozialen
       Medien.
       
       Mit Situationskomik kann er die geballte Heftigkeit seines Themas dabei nur
       bedingt leichter verdaulich machen. Das exzessive Eintauchen in Abgründe
       der Medienwelt mit ihren unscharf gewordenen Grenzen, was zeigbar ist und
       was nicht, bekommt durch den energischen Drive bei Oppenheim sogar etwas
       leicht affirmativ Zelebratorisches.
       
       Pädophilie ist auch das Thema von Paul Schraders außer Konkurrenz laufendem
       Drama „The Basics of Philophy“. Dessen Hauptfigur John Jorrisen (Jack
       Huston) lehrt als Philosophieprofessor an einem College, ist liiert mit der
       Kollegin Rebecca (Sofia Boutella) und scheint sein Leben weitgehend im
       Griff zu haben. Jedenfalls merkt man ihm den Willen an, es so gewissenhaft
       wie möglich zu kontrollieren.
       
       ## Ein Fehltritt aus vorakademischer Zeit
       
       Jorrisen arbeitet an einem Buch über Spinoza, mit dem er nicht nach Wunsch
       vorankommt. Spinozas Theorie von Vernunft als etwas Befreiendem scheint er
       im eigenen Leben durch rationales Verhalten nachkommen zu wollen. Dass
       Spinoza ein deterministisches Weltbild vertrat, in dem „alles
       vorherbestimmt“ ist, kollidiert dabei mit Johns Weltbild: Ein „Fehltritt“
       aus seiner vorakademischen Zeit mit einem Jugendlichen, den er damals als
       Klavierlehrer unterrichtete, droht ihn einzuholen und seinen kompletten
       Lebensentwurf zu bedrohen.
       
       [2][Schrader erzählt das mit der für ihn üblichen Schwerblütigkeit], leider
       auch ziemlich ungelenk. Seine Rückblenden in Schwarz-Weiß muten fast
       kitschig an. Für einen (unfreiwilligen?) Höhepunkt sorgt eine Begegnung
       Johns mit Spinoza, bei der Karl Glusman in der Rolle des Philosophen mit
       der Grenze zur Travestie spielt. Immerhin.
       
       6 Sep 2026
       
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