# taz.de -- Ateliers im ehemaligen Frauengefängnis: Kunst statt Knast
       
       > Im ehemaligen Frauengefängnis in Moabit sind Räume für Kulturschaffende
       > entstanden. Am stadtweiten Mangel an bezahlbaren Ateliers ändert das
       > wenig.
       
 (IMG) Bild: Das ehemalige Frauengefängnis in der Lehrter Strasse vor der Fertigstellung zum Umbau als Atelierhaus
       
       „Kunst“ leuchtet in roten Neonröhren auf dem dunkelroten Backstein. Einige
       Hundert Meter weiter: „Raum“. Über der Leuchtschrift spannt sich ein
       drahtiger Metallzaun, darunter ein massives Stahltor, rechts und links
       vergitterte Fenster.
       
       Nach 13 Jahren Leerstand öffnet das [1][ehemalige Frauengefängnis in der
       Lehrter Straße 61 in Moabit] seine Tore. Drei Jahre lang wurde das über 120
       Jahre alte Gebäude saniert. Auf 7.000 Quadratmetern sind nun 80
       Arbeitsräume für Kunst- und Kulturschaffende entstanden: 49 Musikproberäume
       und 32 Ateliers. Bauherrin des Projekts ist die Berliner
       Immobilienmanagement GmbH, finanziert wurde die 17,7 Millionen teure
       Sanierung von der Kultursenatsverwaltung.
       
       „Der Bedarf war riesig“, sagt Laura Raber vom Kulturraum Berlin. Der
       Kulturraum ist Trägerin des Arbeitsraumprogramms, das bezahlbare
       Arbeitsräume für Künstler*innen schafft. Auf die Räume haben sich 500
       Musiker*innen und bildenden Künstler*innen in einem öffentlichen
       Vergabeverfahren beworben. 140 Personen wurden von einer Fachjury
       ausgewählt und sind im August eingezogen. Die Nutzungsverträge laufen vier
       Jahre, danach müssen Künstler*innen sich erneut bewerben.
       
       Am Donnerstagmorgen führt Architekt Detert Renner vom ehemaligen
       Gerichtsgebäude durch einen schmalen, dunklen Gang in den Zellentrakt:
       schwere Metalltüren, endlose Flure, vergitterte Fenster. Wo einst Gefangene
       untergebracht waren, befinden sich heute die Musikprobenräume. Drei der 100
       Zellen wurden authentisch erhalten: acht Quadratmeter mit
       Fischgrätenparkett, Klo, Waschbecken, Spiegel. Aus den übrigen Zellen
       wurden je zwei zu einem Musikproberaum verbunden.
       
       ## Mehr als die Hälfte der Künstler*innen sucht Ateliers
       
       Im Bandprobenraum liegen ein Perserteppich, Schlagzeug, Gitarren und
       Musikboxen. Zwei Musiker*innen mit langen Haaren, Jeans- und
       Arbeitsjacke sitzen darin und sagen auf Nachfrage das, was man eben sagt,
       wenn der Vermieter mit im Raum steht: „Das Programm ist für uns super
       hilfreich.“ Davor hätten sie in einem schimmelnden und staubigen
       Punkrock-Keller geprobt, den sie sich mit anderen teilen mussten.
       
       Das ist kein Einzelschicksal: „Es gibt nach wie vor einen hohen Druck auf
       die Flächen“, sagt die Berliner Atelierbeauftragte Julia Brodauf der taz.
       „Wir wissen, dass über 60 Prozent der bildenden Künstler*innen über kein
       Atelier verfügen.“ Weitere 24 Prozent suchten zusätzlich. Die Räume, die
       sie hätten, seien zu teuer, zu klein, ungünstig gelegen, Provisorien oder
       Zwischennutzungen.
       
       In den neuen Atelierräumen in der Lehrter Straße kostet der Quadratmeter in
       zentraler Lage nur fünf Euro. Für die Musikproberäume wurde zudem ein
       aufwendiges Akustikkonzept entwickelt, erklärt Architekt Renner:
       Schalldämpfer, Brandschutzklappen, Lüftungsanlagen, filzbedeckte Wände,
       entkoppelte Decken und schräge Wände sollen für guten Sound sorgen. Die
       gesamte Sanierung musste in engster Absprache mit dem Denkmalschutz
       erfolgen. Der Gefängnischarakter bleibt so erhalten, trotzdem ist der Bau
       modern und hell geworden. Im ehemaligen Verwaltungstrakt fällt die Sonne
       durch die historischen Fenster und taucht die großzügigen Ateliers in
       Licht.
       
       Ab Ende 2026 soll auch die Sanierung des angrenzenden ehemaligen
       Gerichtsgebäudes in der Lehrter Straße 60 beginnen. Dort sollen flexibel
       nutzbare Proberäume, Studios, und Veranstaltungsräume entstehen. Nur die
       Finanzierung steht bislang noch aus.
       
       ## „Widersprüchlicher“ Auftritt von Kultursenator Evers
       
       Ein Grund dafür: [2][Im Zuge der drastischen Sparmaßnahmen im
       Kulturhaushalt] hat die Koalition die Mittel für Investitionen in
       landeseigene Immobilien komplett gestrichen. Mitverantwortlich dafür ist
       Kultursenator Stefan Evers (CDU). Ausgerechnet Evers steht am
       Donnerstagmorgen selbst in der Lehrter Straße und lobt das
       Leuchtturm-Projekt. „Der Ort zeigt, was in Berlin möglich ist, wenn man
       sich allen Hindernissen und allen finanziellen Restriktionen zum Trotz,
       durchkämpft“, so Evers, der derzeit auch als Spitzenkandidat im Wahlkampf
       steht.
       
       Über dessen Auftritt sagt Julia Brodauf: „Seitens der Atelierbeauftragten
       freuen wir uns, dass Stefan Evers den Ausbau der landeseigenen Immobilien
       zu Arbeitsräumen als guten Weg vertritt. Nun hoffen wir nur, dass er sich
       auch dafür einsetzt, dass in einem kommenden Haushalt die Mittel für eben
       diese Projekte wieder eingestellt werden.“ Denn: „Wir benötigen noch mehr
       solcher Leuchttürme.“
       
       3 Sep 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Erinnerungsort-fuer-ein-Gefaengnis/!5881458
 (DIR) [2] /Dramatische-Kulturkuerzungen-in-Berlin/!6139739
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Lilly Schröder
       
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