# taz.de -- Estnische Staatschefin Ülle Madise: Die Präsidentin, die trotzdem lacht
> Ülle Madise wird die neue Staatspräsidentin von Estland. Trotz der
> Bedrohung durch Putins Russland will sie Leichtigkeit, Humor und
> Kreativität.
(IMG) Bild: Ganz gerührt: Ülle Madise am Mittwoch in Tallinn nachdem sie zur neuen Präsidentin Estlands gewählt wurde
Für Ülle Madise ging am Mittwoch alles geschmeidig und schnell über die
Bühne: Nur einen Wahlgang brauchte die 51-Jährige im estnischen Parlament
(Riigikogu) für ihren Sprung ins höchste Staatsamt des baltischen Landes,
Gegenkandidat*innen gab es keine. 71 der 101 Abgeordneten stimmten
für Madise – drei mehr als für die vorgeschriebene Zweidrittelmehrheit
erforderlich. Nach Kersti Kaljulaid ist sie bereits die zweite Frau an der
Spitze des Staates.
Laut des politischen Beobachters Ildar Nisametdinow habe Madise das Zeug
dazu, genauso populär zu werden wie ihr Vorgänger Alar Karis. Sie sei
diplomatisch, könne sich gut ausdrücken, spreche eine einfache Sprache, sei
angesichts ihrer Ausbildung, ihres Hintergrunds und ihrer Erfahrung jedoch
alles andere als schlicht, sagte er dem estnischen öffentlich-rechtlichen
Rundfunk EER.
1998 schloss Madise ein Jurastudium an der Universität in Tartu ab, 2007
erwarb sie einen Doktortitel an der Universität Tallinn im Fachbereich
Philosophie.
Ihre berufliche Karriere begann Madise im Justizministerium und war später
im parlamentarischen Ausschuss für Verfassungsfragen tätig. In dieser Zeit
wirkte sie an der Einführung des estnischen Onlinewahlsystems sowie der
Umsetzung von EU-Recht in estnisches Recht mit.
## Topthema für Madise: Sicherheitspolitik
Im Januar 2015 wurde Madise „Justizkanzlerin“. Dieses unabhängige
Verfassungsorgan prüft, ob Gesetze und das Handeln öffentlicher Behörden
mit der Verfassung im Einklang stehen. Zudem nimmt der/die
Amtsinhaber*in die Aufgabe einer Ombudsstelle wahr und setzt sich für
den Schutz von Kinderrechten ein. Besonders in Coronazeiten zog Madise viel
Kritik auf sich. Ihr Einsatz für Grundrechte brachte ihr den Vorwurf ein,
die Kompetenzen einer Justizkanzlerin zu weit auszulegen. Manch eine/r
beschuldigte sie gar, eine Impfgegnerin zu sein.
Eine der größten Herausforderungen für die neue Staatschefin dürfte die
Außen- und Sicherheitspolitik sein. Da hat sich Madise, diplomatisch und in
Sachen Militär eher unbeleckt, bereits klar positioniert. Sie bezeichnete
sowohl die Nato als auch die Europäische Union als unverzichtbar [1][für
Estlands Überleben.] Estland und seine europäischen Verbündeten müssten
weiterhin [2][fest an der Seite der Ukraine] stehen. Jede Friedensregelung
müsse gerecht sein, dürfe Aggressionen nicht belohnen und nicht über den
Kopf der Ukraine ausgehandelt werden.
Verheiratet ist Madise mit Lauri Madise, Richter am Europäischen
Gerichtshof in Luxemburg. Ihr Mann stehe voll und ganz hinter ihr. Er
unterstütze sie sehr, genauso wie sie ihn. „Heutzutage können beide Partner
in einer Ehe ihre eigene Karriere wählen, und das bedeutet, Kompromisse
einzugehen. Wir sind diese Kompromisse eingegangen, also hoffe ich, dass es
klappen wird“, sagte sie.
Auf die Frage eines Journalisten, was für eine Präsidentin Estland mit ihr
bekommen werde, lautete die Antwort: „Sofern es meine Gesundheit und mein
Leben zulassen, glaube ich, eine engagierte und fleißige, die gleichzeitig
bodenständig ist. Jedoch habe ich nicht die Absicht, meine Überzeugung
aufzugeben, dass wir viel mehr Leichtigkeit, Humor und Kreativität
brauchen, daher bezweifle ich, dass ich allzu ernst sein werde.“ Dessen
ungeachtet bleibt: Lustiger wird es nicht, auch nicht in Estland. Am 12.
Oktober tritt Madise ihr Amt an.
3 Sep 2026
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(DIR) Barbara Oertel
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