# taz.de -- Gefährliche Klimakrise: UN-Umweltprogramm plant Rückkehr zur 1,5-Grad-Grenze
> Der Atmosphäre müssten bald jedes Jahr mehrere Milliarden Tonnen CO2
> entzogen werden. Wissenschaftler: „Aus heutiger Sicht schwer
> vorstellbar“.
(IMG) Bild: Reicht leider noch nicht: „Unser Beitrag für 1,5 Grad“ steht auf dem 100. Elektrobus der Hamburger Hochbahn AG
Die Vereinten Nationen erkennen an, dass das 1,5-Grad-Ziel der Klimapolitik
vorerst nicht eingehalten wird – und loten nun Wege aus, wie die
Temperaturen auf der Erde wieder auf dieses Maß abgesenkt werden können.
Das zeigt ein am Mittwoch erschienener [1][Bericht des UN-Umweltprogramms].
„Die brütende Hitze, die verheerenden Waldbrände und die tödlichen
Überschwemmungen dieses Sommers sind eine Warnung vor dem, was uns
bevorsteht“, sagt UN-Chef António Guterres zu den Ergebnissen. „Wir müssen
das Überschreiten der 1,5-Grad-Grenze so gering und so kurz wie möglich
halten.“
Aktuelle Politikmaßnahmen führen demnach bis 2100 zu einer Erderwärmung um
2,6 Grad Celsius gegenüber vorindustriellen Zeiten. Im Pariser
Weltklimaabkommen hatten sich die Regierungen der Welt darauf geeinigt, den
globalen Temperaturanstieg bei „deutlich unter 2 Grad“ und noch besser bei
1,5 Grad zu begrenzen.
Seither hat die Wissenschaft immer deutlicher gezeigt, dass jenseits dieser
Grenze das Risiko für katastrophale Folgen der Klimakrise deutlich steigt:
gefährliche Extremhitze, Dürrephasen und damit einhergehend Probleme bei
Wasser- und Lebensmittelversorgung, ein totales Absterben der Korallen, ein
Veröden wichtiger Lebensräume wie des Amazonas-Regenwaldes. Die Liste der
Bedrohungen könnte noch lange fortgeführt werden.
## Schon „in den nächsten paar Jahren“
[2][Phasenweise lag die globale Temperatur schon über 1,5 Grad]. Laut dem
EU-Erdbeobachtungsdienst EU Copernicus lag das bislang heißeste Jahr 2024
mit einer Erhitzung um durchschnittliche 1,6 Grad deutlich darüber. Laut
UN-Umweltprogramm dürfte der dauerhafte Eintritt in die Welt jenseits von
1,5 Grad Erderhitzung schon „in den nächsten paar Jahren“ erfolgen.
Die Temperaturen dann wieder abzusenken, bedeutet: Teile des Kohlendioxids,
mit dem die Menschheit die Erdatmosphäre verpestet hat, wieder aus der Luft
herauszufiltern. Es geht also noch deutlich über das Ziel hinaus, keine
zusätzlichen Emissionen mehr zu verursachen, also die fossile
Energienutzung schnellstmöglich einzustellen. Im globalen Maßstab geschieht
auch das noch nicht: Die weltweiten CO₂-Emissionen wachsen trotz aller
Klimaschutz-Appelle immer weiter. 2025 war ein neues Rekordjahr mit mehr
als 38 Milliarden Tonnen.
Schon in der Luft befindliches Kohlendioxid kann man zum Beispiel durch den
Aufbau von gesunden Wäldern wieder entfernen, weil Pflanzen Kohlenstoff
binden. Es gibt aber auch technische Wege, die bislang allerdings wegen
Ineffizienz, Risiken und Kosten in der Kritik stehen.
„Selbst bei einer optimistischen Skalierung von Maßnahmen zur CO₂-Entnahme
ist es unwahrscheinlich, dass in diesem Jahrhundert eine Temperaturumkehr
von mehr als einigen Zehntelgrad erreicht wird“, heißt es dazu im Bericht
des Umweltprogramms.
## Arme Staaten und Menschen am stärksten gefährdet
Der Wissenschaft sind die Erkenntnisse nicht neu. „In der zweiten Hälfte
des Jahrhunderts müssten wir bei jährlich minus 11 Gigatonnen liegen, also
in sehr großen Umfängen CO₂ aus der Atmosphäre entfernen“, sagt Oliver
Geden von der Stiftung Wissenschaft und Politik, der zu den
wissenschaftlichen Prüfer*innen des UN-Berichts gehört. Das gehe nicht
nur mit Aufforstung, sondern erfordere auch technische Methoden. „Das ist
aus heutiger Sicht schwer vorstellbar.“
Der Hochlauf [3][der entsprechenden Technologien kommt nämlich nicht
voran]. „Dann könnte es auch eine Debatte um drastischere Maßnahmen zur
Temperaturabsenkung geben, etwa die Manipulation der Sonneneinstrahlung
durch das Einbringen von Aerosolen in die Atmosphäre, also ‚solares
Geoengineering‘“, warnt Geden. „Auch dazu wird bereits geforscht.“
Charlotte Unger vom Research Institute for Sustainability lobt, dass das
UN-Umweltprogramm sich offen damit befasst, dass die 1,5-Grad-Grenze
mittlerweile unvermeidlich gerissen wird. „Auch wenn diese Erkenntnis der
Wissenschaft natürlich seit Langem bewusst war, gab es meiner Meinung
hierzu bisher wenig Ehrlichkeit und Mut, das einzugestehen“, sagt sie.
Kritik hat die Wissenschaftlerin trotzdem: „Im Report fehlt mir noch
stärker eine Äußerung zu der Realität, auf die wir gerade zusteuern: eine
noch ungerechtere Welt.“ Die Realität sei das Inkaufnehmen irreversibler
Schäden, die arme Länder und Menschen am härtesten treffen würden. „Anstatt
mehr Unterstützung zu bieten, geht die Politik in vielen Ländern wie
Deutschland gerade in die entgegengesetzte Richtung“, bemängelt Unger. „Es
werden weniger Gelder für Entwicklungs- und Klimafinanzierung
bereitgestellt.“
2 Sep 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.unep.org/resources/limiting-overshoot-navigating-exceedance
(DIR) [2] /Klimawandel-treibt-Temperaturen-hoch/!6145532
(DIR) [3] /CO2-Entnahme-aus-der-Atmosphaere/!6185006
## AUTOREN
(DIR) Susanne Schwarz
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