# taz.de -- 1.653 Tage Krieg in der Ukraine: Wie wir uns auf die Kälte vorbereiten
       
       > Der russische Beschuss auf Kyjiw wird intensiver, und der Herbst beginnt.
       > Eine Checklist für die kalte Jahreszeit.
       
 (IMG) Bild: Essen kochen bei Stromausfall: die Autorin in ihrer Kyjiwer Küche im August
       
       Es ist Tag sechs der ununterbrochenen Angriffe auf Kyjiw, als ich
       beobachten konnte, wie der Feuerball einer abgeschossenen Schahed-Drohne
       über meinem Stadtviertel auseinanderbrach. Es fühlte sich ein bisschen so
       an, als lebte ich in einem Film von Lars von Trier.
       
       [1][Die Russen haben ihre Taktik beim Beschuss der ukrainischen Hauptstadt
       geändert]. Drohnen und Raketen kommen jetzt eine nach der anderen. Es ist,
       als sei die Millionenstadt von den ständigen Luftalarmen geradezu gelähmt.
       Ständige Staus, die Unmöglichkeit, die Stadt sicher zu verlassen, und ein
       permanenter Brandgeruch sind die Folgen.
       
       Nach einigen solcher Tage wollte ich einfach nur noch liegen (so wie
       Kirsten Dunst in den Lilien in von Triers Film „Melancholia“) und darauf
       warten, dass ein Komet aus Schüssen und Kälte Kyjiw vollständig überrollt.
       Aber das Leben in der Ukraine lässt keinen Platz für solche existenziellen
       Krisen.
       
       ## Kyjiwer sind für sich selbst verantwortlich
       
       Am 1. September hat für ukrainische Kinder das neue Schuljahr begonnen. Die
       Stadtverwaltung hat die Entscheidung über die Unterrichtsform den Schulen
       selbst überlassen. Die meisten haben sich für Onlineunterricht entschieden.
       
       So ist es Herbst in Kyjiw geworden, eine Zeit, in der die Einwohner der
       Stadt erneut die einzigen Erwachsenen sein müssen, die Verantwortung für
       sich selbst, ihre Kinder und die Wintervorbereitungen übernehmen müssen.
       Die ukrainische Regierung und das Militär prognostizieren, dass er hart
       wird.
       
       [2][In Charkiw gibt es unterirdische Schulen], im Gebiet Tschernihiw werden
       Schulen mit Wechselrichtern und Solarmodulen ausgestattet. Im Osten, Süden
       und Norden der Ukraine sind die [3][Straßen mit Anti-Drohnen-Netzen
       abgeschirmt]. Kyjiw hingegen kommt erst langsam in dieser neuen Realität
       an.
       
       Städte und ihre Einwohner, die erkannt haben, dass sie in Frontnähe liegen,
       passen sich an. Diejenigen hingegen, die immer noch „nicht nach oben
       schauen“, finden weiterhin nur situationsbezogene Lösungen.
       
       ## Sich auf den Winter vorbereiten
       
       Im Freundes- und Kollegenkreis haben wir den ganzen Sommer darüber
       diskutiert, wie wir uns selber auf die kalte Jahreszeit vorbereiten können.
       [4][Nach den Stromausfällen vom letzten Jahr] und den russischen Angriffen
       auf die Energieinfrastruktur habe ich begriffen, dass man vor allem die
       eigene Wohnung hell und warm machen muss.
       
       Wie viele anderen Kyjiwer Familien hat auch meine eine Checkliste mit
       [5][Dingen, die wir für den Winter kaufen müssen]. Und hier geht’s nicht um
       neue Klamotten oder Weihnachtsgeschenke.
       
       Erstens: ein autonomes Heizgerät, das weder Strom noch Gas benötigt. In der
       Ukraine sind derzeit tragbare Heizgeräte mit Flüssigbrennstoff sehr
       beliebt. Sie wurden ursprünglich für erdbebengefährdete Gebiete in Japan
       entwickelt, haben sich aber auch im Krieg in der Ukraine hervorragend
       bewährt.
       
       Zweitens, und vielleicht am wichtigsten: eine leistungsstarke Ladestation.
       Mit der man zumindest kurz den Kühlschrank oder die Kaffeemaschine
       anschalten kann. Und natürlich, um Handys und Laptops aufzuladen. Und als
       Drittes Gaskartuschen und einen Kocher, Thermosbehälter und einen großen
       Wassertank.
       
       ## Ratenkäufe und Weinvorräte
       
       Trotz der Einschüchterungsversuche durch russische Propaganda [6][glaube
       ich weder an eine Hungersnot noch an völlig leere Supermarktregale]. Unsere
       Wirtschaft hat im Laufe des Krieges gelernt, sich anzupassen:
       [7][Generatoren kaufen], neue Logistikketten aufzubauen. Deshalb kaufe ich
       keine Vorräte, sondern nur ein paar Flaschen Wein für den Winter. Denn
       außer Licht und Wasser braucht man zum Überleben manchmal auch ein
       positives Gefühl.
       
       Ja, all das kostet Geld. Eine Ladestation kann bis zu zweitausend Euro
       kosten, das ist viel für den Durchschnittsukrainer mitten im Krieg. Deshalb
       kaufen viele meiner Bekannten diese Dinge auf Kredit oder auf Raten.
       
       Aber all das ist immer noch billiger, als die Hauptstadt zu verlassen und
       ein Haus in einem Dorf fernab der Front zu mieten.
       
       Solange der Komet also noch unterwegs ist, hake ich die Punkte auf meiner
       Winter-Checkliste ab. Und hoffe, dass ich von all den Dingen nur den Wein
       brauchen werde.
       
       Aus dem Ukrainischen: Gaby Coldewey
       
       3 Sep 2026
       
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