# taz.de -- Flutkatastrophe in Nepal: „Der Gestank verwesender Leichen liegt in der Luft“
> Anhand von Fotos müssen Menschen in Nepal ihre vermissten Angehörigen
> identifizieren. Den Krankenhäusern geht der Lagerraum für die vielen
> Toten aus.
(IMG) Bild: Der Schmerz über den Verlust von Geliebten, Freund*innen und Angehörigen ist groß bei den Überlebenden in Nepal
Vor Krankenhäusern und Notlagern in Nepal warten weiter Menschen auf
Informationen über ihre vermissten Angehörigen. Sie hoffen, ihre Namen auf
den Listen der Behandelten und Aufgenommenen zu entdecken. Doch die
Hoffnung, sie noch lebend zu finden, schwindet. Knapp eine Woche ist es
her, dass am 7.227 Meter hohen Berg Langtang Lirung ein Teil eines
Gletschers abbrach und eine verheerende Flutwelle entfesselte. Auf ihrem
Weg riss sie Gebäude und Menschen mit sich, noch immer gelten etwa 4.000
Menschen als vermisst. Der nepalesische Katastrophenschutz meldete über
1.000 Tote, die Zahl steigt weiter an. Mindestens 11.800 Menschen konnten
bislang gerettet werden. [1][Neben Nepal ist auch Tibet betroffen.]
„[2][Die Flut am Fluss Bhotekoshi war keine gewöhnliche Überschwemmung].
Sie war eine der größten Katastrophen, die die Himalaya-Region erlebt hat“,
schreibt Nepals Premierminister Balen Shah in einer Zwischenbilanz auf
[3][Facebook]. Armee, Polizei und Freiwillige werden inzwischen von
Expert:innen aus Indien, China und [4][Südkorea] bei den
Rettungsarbeiten unterstützt.
Tausende Menschen haben ihre Häuser, Familien und ihr Hab und Gut verloren.
„Die Risiken, denen wir im Himalaya durch den [5][Klimawandel] ausgesetzt
sind, nehmen zu“, so Shah. Nun müsse es darum gehen, „Wunden“ zu heilen und
Betroffenen durch den Wiederaufbau ein normales Leben zu ermöglichen.
## „Alles wurde weggespült, überall liegt Geröll“
Die Lage in den betroffenen Bergregionen bleibt weiter angespannt. Hilfe
erreicht sie erst nach und nach. [6][Sareesha Shrestha], Medizinerin aus
Kathmandu, versucht, diese Lücken zu schließen: Sie koordiniert Teams, die
in die Überschwemmungsgebiete fahren, sammelt mit der nepalesischen
Handelskammer und weiteren Organisationen Medikamente und Hilfsgüter.
Shrestha, Ende zwanzig, nutzt ihre Reichweite in den sozialen Medien. Vor
einem Jahr gehörte sie zu einer jungen Generation, die [7][gegen die
politische Führung protestierte]. Jetzt mobilisiert sie so Unterstützung
für die Flutopfer.
„Die Menschen brauchen dringend medizinische Grundversorgung“, sagt sie in
einem ihrer Videos. Am Dienstag ist sie mit einem Team unterwegs, auf der
Fahrt nehmen sie eine verletzte Frau mit. Sie berichtet von der Zerstörung
in ihrem Heimatort: „Häuser, Fahrzeuge – alles wurde weggespült, überall
liegt Geröll.“ Das Dorf liegt im betroffenen Distrikt Nuwakot. Weiterhin
gebe es dort keinen Strom, bis zur Aufnahme des Videos seien auch keine
Hilfsgüter eingetroffen. „Der Gestank verwesender Leichen liegt in der
Luft, die Menschen können nachts nicht schlafen“, sagt sie im Video.
## Hubschrauber mit Verletzten und Toten an Board
Für Menschen, die noch nach ihren Angehörigen suchen, ist das Armeelager in
Battar, rund 25 Kilometer nordwestlich von Kathmandu, ein Anlaufpunkt
geworden. Hier landen Rettungsflüge aus dem betroffenen Gebiet. In den
ersten Tagen war die Hoffnung der Wartenden noch groß. Inzwischen fliegen
die Hubschrauber neben Geretteten auch persönliche Gegenstände ein – und
die Körper von Verstorbenen.
Die Zahl der nicht identifizierten Toten steigt. In den Krankenhäusern
fehlt es an Platz, um sie aufzubewahren, sie beginnen zu verwesen. Viele
werden daher nun notbestattet. Zuvor dokumentieren die Behörden Fotos,
Kleidung und andere erkennbare Merkmale, um eine spätere Identifizierung zu
ermöglichen. In den Krankenhäusern werden die Fotos der Verstorbenen
ausgehängt, für die suchenden Angehörigen.
Eine von ihnen ist Ramita Dhami. Im Teaching Hospital in der Hauptstadt
Kathmandu geht sie die Fotos der geborgenen Toten und Geretteten an den
Wänden durch. Sie sucht nach ihrem Bruder Falam Singh, der in einem
Wasserkraftwerk im Distrikt Rasuwa arbeitete. [8][Dort sind Berichten
zufolge] noch Hunderte Arbeiter in verschiedenen Kraftwerken und
dazugehörigen Tunneln eingeschlossen.
„Wir haben versucht, mit Menschen an vielen Orten zu sprechen. Wir haben
alle angerufen, die mit ihm gearbeitet haben, und versucht herauszufinden,
wo er ist und was mit ihm geschehen ist“, sagt sie. Ihr Vater versucht
derzeit, nach Rasuwa zu kommen, doch die zerstörten Straßen machten die
Reise und die Suche schwierig. Die Suche nach Vermissten und die Bergung
der vielen Toten hält dennoch an. Mittlerweile warnt die
Weltgesundheitsorganisation vor einer Seuchengefahr.
Mitarbeit: Mamita Bhandari, Kathmandu
1 Sep 2026
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## AUTOREN
(DIR) Natalie Mayroth
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