# taz.de -- Teil 2 der Reihe zum 100. Geburtstag: Foucault und die Linke
       
       > Er interessierte sich für die Ausgegrenzten, nicht nur für die Arbeiter.
       > Was folgte daraus fürs Verhältnis zur klassischen linken
       > Gesellschaftskritik?
       
 (IMG) Bild: Da kämpfen sie Seit’ an Seit’: Foucault mit Megafon und Jean-Paul Sartre, 1972
       
       War Michel Foucault ein Linker? Die Frage schien schon vor sechzig Jahren
       entschieden. Als 1966 „Die Ordnung der Dinge“, eine hochgelehrte, nicht
       leicht zu lesende Studie über die neuzeitlichen Wissensordnungen, erschien,
       donnerte Jean-Paul Sartre, „diese neue Ideologie“ sei „das letzte Bollwerk,
       das die Bourgeoise noch gegen Marx zu errichten vermag“.
       
       Foucault argumentierte tatsächlich nicht wie üblicherweise ein Linker. Dass
       die Kritik von Marx am „klassischen“ Ökonomen David Ricardo ein bloßer
       „Sturm im Wasserglas“ gewesen sei, schien den kritischen Anspruch des
       Marxismus komplett zu negieren. Und während die Neue Linke den als
       „humanistisch“ gelesenen Marx der „Pariser Manuskripte“ von 1844 für sich
       entdeckt hatte, behauptete Foucault, „der“ Mensch als Ausgangspunkt,
       Maßstab und Ziel allen Wissens sei nicht mehr als eine Erfindung „jüngeren
       Datums“ – und gerade daran, wieder zu verschwinden wie „am Meeresufer ein
       Gesicht im Sand“.
       
       Wie kam er zu einer so provokativen These? Es war zwar klar, dass die
       Konjunktur des zeitgenössischen Strukturalismus – dem er sich bestenfalls
       am Rand zurechnete – ein Denken jenseits des Ichs, des Subjekts, des
       Bewusstseins, der Autorschaft etc. beförderte. Sehr wahrscheinlich ist aber
       auch, dass Foucault, ausgehend von einer „bestimmten Form des Biologismus“
       bei Nietzsche und zudem hindeutend auf „irgendein Ereignis, dessen
       Möglichkeit wir höchstens vorausahnen können, aber dessen Form und
       Verheißung wir im Augenblick noch nicht kennen“, an die Molekulargenetik
       dachte, die in Zukunft ebenfalls die Idee „des“ Menschen verwischen könnte
       wie Wellen ein Gesicht im Sand.
       
       Als Bewunderer der französischen Molekularbiologen Jacques Monod und
       François Jacob, die 1965 den Nobelpreis gewonnen hatten, verteidigte er
       seinen „Antihumanismus“ daher nicht nur mit Hinweisen auf den
       Strukturalismus von Claude Lévi-Strauss und Jacques Lacan, sondern
       nachdrücklich auch mit Blick auf die Biologie und den genetischen Code;
       später verglich er diesen gar explizit mit seinem Konzept des Diskurses.
       
       ## Verdorbene Ware des Humanismus
       
       Das hatte durchaus politische Implikationen. Ob das alles denn nicht sehr
       „kalt“ sei, wurde er gefragt. Natürlich war es das. Denn es gehe, so
       Foucault, „uns ‚kalten Systematikern‘“ darum, „uns endgültig vom Humanismus
       zu befreien“. Das sei auch eine politische Arbeit, „zumal alle Regime im
       Osten wie im Westen ihre verdorbene Ware unter dem schützenden Dach des
       Humanismus feilbieten“.
       
       In den 1970er Jahren hatte sich Foucault nicht mehr in dieser Weise auf die
       Genetik bezogen, doch an seiner Verachtung für die Bigotterie des allseits
       gepriesenen Humanismus änderte sich nichts. Und zudem hatten ihn „68“ und
       die Folgen stärker politisiert als je zuvor; er verstand sich nun selbst –
       mit allen intellektuellen Reserven – als unkonventionellen Linken.
       
       Er las zum Beispiel mit Begeisterung die Schriften der US-amerikanischen
       Black Panters, die „frei von marxistischer Gesellschaftstheorie“ seien,
       traf sich auf einer Vortragsreise in den USA mit sozialistischen
       Studierenden und übernahm im Januar 1969 den Lehrstuhl für Philosophie an
       der neugegründeten, dezidiert linken Versuchsuniversität Vincennes. Kurz,
       er gehörte jetzt in prominenter Weise zur linken Intelligenz des Pariser
       „Nach-Mai“.
       
       Foucault beließ es dabei aber nicht bei Podiumsdiskussionen und
       öffentlichen Aufrufen. Über seinen Freund [1][Daniel Defert] hatte er
       Verbindungen zur im Untergrund agierenden maoistischen Gauche proletarienne
       (G. P.) und begann, sich für deren inhaftierte Genossen im Hungerstreik
       einzusetzen. Daraus entstand die Groupe d’Information sur les Prisons (G.
       I. P.), die Gruppe zur Gefängnisinformation, die den Gefangenen über
       eingeschmuggelte Fragebögen die Möglichkeit geben wollte, über ihre Lage in
       den für ihre menschenverachtenden Haftbedingungen bekannten französischen
       Gefängnissen zu sprechen. Das Gefängnis sollte sein neues Thema werden –
       obwohl er sich, gerade erst zum Professor am Collège de France ernannt,
       öffentlich vom „Büchergekritzel“ verabschiedete und sich ganz der
       politischen Praxis widmen wollte.
       
       ## Fernsehdebatte mit Noam Chomsky
       
       Seine Politisierung und Radikalisierung in jenen Jahren schien sich am
       deutlichsten in der berühmten Fernsehdebatte mit dem amerikanischen
       Linguisten [2][Noam Chomsky] vom November 1971 zu zeigen. Chomsky, ganz
       Humanist, betonte, dass der Kampf des Proletariats sich an „wahren
       Begriffen der Gerechtigkeit, der Anständigkeit, der Liebe, der Güte und der
       Sympathie“ zu orientieren habe, während Foucault genussvoll provozierend
       einwarf, das Proletariat kämpfe nicht gegen die herrschende Klasse, „weil
       es diesen Kampf für gerecht hält“, sondern „weil es zum ersten Mal in der
       Geschichte selbst die Macht ergreifen will“, und dass es, wenn es „die
       Macht übernehmen wird, […] eine diktatorische und sogar blutige Gewalt
       ausübt“ – um nonchalant anzufügen: „Ich sehe nicht, welchen Einwand man
       dagegen erheben kann.“
       
       Das klang fraglos radikal, hat Chomsky nachhaltig schockiert – und war doch
       nur „ein klein wenig nietzscheanisches“ Theater. Zwar war Foucault mit
       Nietzsche tatsächlich überzeugt, dass die genealogische Wurzel aller
       politischen Kämpfe und gesellschaftlichen Konflikte letztlich nichts
       anderes sei als der „blutige“, „nie endende“ Kampf zwischen Herrschern und
       Beherrschten. Aber das übersetzte sich für ihn nicht in ein marxistisches
       Revolutionsschema, und er war auch weit davon entfernt, ins französische
       Industrieproletariat übertriebene Hoffnungen zu setzen.
       
       Was ihn interessierte und für wen er sich einsetzte, waren ganz andere
       Menschen und Gruppen. Kurz vor dem Gespräch mit Chomsky ging er – erstmals
       gemeinsam mit Jean-Paul Sartre – für algerische Immigrant:innen auf die
       Straße und gründete ein Komitee zur Frage des Rassismus in Frankreich; kurz
       nach dem TV-Gespräch sah man ihn mit [3][Angehörigen von Strafgefangenen]
       demonstrieren. Später engagierte er sich für sowjetische Dissidenten oder
       für die vietnamesischen boat people. 1981, nach der Ausrufung des
       Kriegsrechts in Polen, organisierte er über Monate einen Hilfsfonds für die
       Solidarność und transportierte Medikamente nach Danzig; im März 1984
       schließlich, schon schwer erkrankt, setzte er sich für Migrant:innen aus
       Mali und dem Senegal ein, die aus ihren Wohnungen vertrieben wurden.
       
       Dieser politischen Haltung und Praxis entsprach das 1975 publizierte
       Gefängnisbuch „Überwachen und Strafen“, welches in allerdings sehr dunkler
       Weise die „panoptische“ Überwachungsanlage nach Jeremy Bentham als Modell
       einer Disziplinierungsmaschine für die gesamte Gesellschaft beschreibt. Die
       Arbeiter kamen Foucault dabei als Letzte in den Sinn. Vielmehr sprach er
       von „den Wahnsinnigen, den Kindern, den Schülern, den Kolonisierten“, und
       erst dann von jenen, „die man an einen Produktionsapparat bindet und ein
       Leben lang kontrolliert“.
       
       Ebenso in einer anderen Passage, wo, in dieser Reihenfolge, von
       „Sträflingen“, „Kranken“, „Irren“, „Kindern“ und wiederum erst am Schluss
       von „Arbeitern“ die Rede ist, die alle in der panoptischen Maschine
       diszipliniert, mit einer „Seele“ – d. h. einem Gewissen – ausgestattet und
       zur produktiven Arbeit gezwungen werden.
       
       Es ist nicht zu übersehen, dass Foucault mit seiner scharfen Kritik an der
       Ausbeutungsfunktion der „Disziplinargesellschaft“, wie er sie nannte, der
       Marx’schen Kapitalismuskritik treu blieb – auch wenn er dessen dialektische
       Geschichtsphilosophie dezidiert nicht teilte und die Zurückführung des
       Bewusstseins aufs soziale Sein ablehnte.
       
       ## Erfahrung als schwuler Mann
       
       Doch wie dem auch sei: Man kann Foucaults durchgehende praktische
       Solidarität und theoretische Aufmerksamkeit für Kranke, Deviante,
       Rassifizierte und Ausgegrenzte nur verstehen, wenn man seine Homosexualität
       in Rechnung stellt. Die Erfahrung, als schwuler Mann unter der ständigen
       Strafandrohung der französischen Justiz leben zu müssen, das persistente
       Gefühl seiner gesellschaftlichen Nichtangepasstheit, ja Queerness (er
       verwendet den Begriff nicht) hatten ihn seit „Wahnsinn und Gesellschaft“
       (1961) zu einem Denker der Devianz und Ausgrenzung gemacht – weit entfernt
       von allen Hoffnungen der Neuen Linken auf das Erwachen des „revolutionären
       Subjekts“ und die künftige „Diktatur des Proletariats“.
       
       Seine berühmte, im Gefängnisbuch erstmals entwickelte Machttheorie
       beschreibt Macht daher nicht als Staats- und/oder Klassenmacht, die von
       „oben“ nach „unten“ wirkt (ohne diese Möglichkeit zu leugnen), sondern viel
       grundsätzlicher noch als eine Vielzahl von „Kräfteverhältnissen“ in allen
       Bereichen der Gesellschaft, von denen unter den Bedingungen der Moderne
       viele „normend, normierend, normalisierend“ wirken.
       
       Ab 1976 verschärfte Foucault aus dieser Perspektive auch die Kritik an der
       Neuen Linken: Im schmalen, zuerst von Schwulen und Feministinnen
       rezipierten Programmbuch „Der Wille zum Wissen“ sprach er voll ironischem
       Spott über den Glauben der 68er-Linken an die „Befreiung“ der Sexualität
       als revolutionären Akt, während doch die Fixierung auf den Sex seit dem
       späten 18. Jahrhundert ein Instrument bürgerlicher Normalisierungsmächte
       sei. Die Macht zielte nun nicht mehr, wie noch im Gefängnisbuch, auf die
       Disziplinierung des Körpers, sie reizte vielmehr das „Sex-Begehren“ an, um
       über dieses Scharnier zwischen dem Individuum und der Bevölkerung die
       Kontrolle beider zu ermöglichen.
       
       Von dieser Konzeption einer „Biopolitik“ ausgehend, skizzierte Foucault
       zudem eine Theorie des Rassismus, wie sie die Linke bis dahin nicht
       hervorgebracht hatte und die bis heute einflussreich ist: Rassismus hat
       nichts mit körperlicher Differenz zu tun, sondern ist allein die Geste der
       Ausgrenzung einer ganzen Gruppe bis hin zum Tod – er ist, so Foucault, „ein
       Mittel, um […] eine Zäsur einzuführen: die Zäsur zwischen dem, was leben,
       und dem, was sterben muss“. Rassismus ist Rassifizierung anhand
       kontingenter Marker, um Ausgrenzung systematisch und potenziell tödlich zu
       machen.
       
       ## Wie ist Widerstand zu denken?
       
       Mit seinem Insistieren auf Devianz, Queerness und der Kritik am Rassismus
       wurde Foucault zum Theoretiker einer neuen Art von Linken, die ohne
       „dialektische“ Illusionen versucht, im komplexen Geflecht aktueller
       Machtbeziehungen Widerstände und Momente der Befreiung zu verstärken. Dabei
       kam ihm aber zunehmend seine Machttheorie in die Quere. Denn wie ist
       Widerstand zu denken, wenn doch die Subjekte durch die panoptische Maschine
       vollständig kontrolliert, ja von dieser mitsamt ihrer „Seele“ überhaupt
       erst hervorgebracht werden?
       
       Im Sommer 1978 las Foucault „Das Prinzip Hoffnung“ des im Jahr zuvor
       verstorbenen, vom jüdischen Denken geprägten Marxisten Ernst Bloch und war
       fasziniert von der These, dass religiös-spirituelle Zukunftshoffnungen
       revolutionäre Bewegungen antreiben können. Im Herbst reiste er dann zweimal
       in den Iran, um dort gleichsam mit Blochs Augen zu sehen, wie die
       „schiitische Spiritualität“ den Protestierenden die Kraft verlieh, dem
       Schah-Regime, das auf sie schießen ließ, ihr gewaltloses Nein
       entgegenzusetzen. Dieser „Geist geistloser Zustände“, wie er mit Marx
       sagte, erschien ihm als eine Kraft zum Widerstand, die sich der Foucault
       des Gefängnisbuches nicht hatte denken können – hier aber sah er sie
       tausendfach.
       
       Das heißt jedoch in keiner Weise, dass er sich „in Chomeini getäuscht“ oder
       die Herrschaft der Mullahs unterstützt hätte. Gegen Islamkritiker:innen,
       die ihm das öffentlich unterstellten, bemerkte er vielmehr hellsichtig:
       „Das Problem des Islam als einer politischen Kraft ist für unsere Zeit und
       die kommenden Jahre von zentraler Bedeutung. Wer sich einigermaßen
       intelligent mit dieser Frage auseinandersetzen will, sollte unter keinen
       Umständen damit beginnen, Hass ins Spiel zu bringen.“
       
       Auf diesem Hintergrund revidierte er 1979 auch seine frühere Annahme, dass
       die genealogische Wurzel aller Macht nichts anderes als blutige Gewalt sei.
       Denn der Aufstand im Iran „mit bloßen Händen“ hatte ihn gelehrt, dass Macht
       sich auch ohne Gewalt entfalten kann – was, im Gegensatz zu einer
       „Gewaltbeziehung“, impliziere, dass derjenige, auf den Macht ausgeübt wird,
       jeweils „als handelndes Subjekt anerkannt werden muss“.
       
       Man kann leicht sehen, wie an diesem Punkt Foucaults gleichzeitige Lektüre
       liberaler und neoliberaler Theoretiker ihn zu einer überraschend positiven
       Darstellung des Liberalismus brachte: als eine Form des Regierens, die den
       Subjekten grundsätzlich ein Stück Freiheit zugestehen muss – und die Macht
       des Staates entsprechend einschränkt. Wurde Foucault am Ende also noch zum
       (Neo-)Liberalen? Schwer zu sagen. Er wäre jedenfalls ein Beispiel dafür,
       dass die Schnittmenge zwischen einem unkonventionellen Linken und einem
       unkonventionellen Liberalen sehr groß sein kann.
       
       22 Mar 2026
       
       ## LINKS
       
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 (DIR) Neues Buch von Michel Foucault: Am Ende der Tradition
       
       Ein Manuskript aus dem Nachlass des Philosophen: Michel Foucault über den
       „Diskurs der Philosophie“ und das Denken des Heute.
       
 (DIR) Buch über 1977: Als das Selbst zum Projekt wurde
       
       Die Reise zu sich selbst: Psychoboom und Neoliberalismus treffen auf linke
       und rechte Identitätspolitik in Philipp Sarasins Buch über das Jahr 1977.
       
 (DIR) Zum 30. Todestag von Michel Foucault: Unterwegs zum Schweigen
       
       Der Philosoph Michel Foucault hat ein Werk hinterlassen, das alle
       Gewissheiten zersetzt hat. Eine Reise zum Ort seiner Herkunft.