# taz.de -- Mietenreport: Wohnen wird zum Armutsrisiko
       
       > Die Mieten sind so drastisch gestiegen, dass viele an Essen und
       > Gesundheitsausgaben sparen, sagt der Mieterbund. Er fordert einen
       > bundesweiten Mietenstopp.
       
 (IMG) Bild: Mietenreport 2026: „Die Wohnungskrise wird zur Sozialstaatskrise“
       
       Man muss sich Jurek S.* als glücklichen Menschen vorstellen. Als der
       27-Jährige zum Masterstudium nach Berlin zog, konnte er bei seiner
       Schwester unterkommen. Die kann sich mit ihrer Familie dank uraltem
       Mietvertrag mitten in der Hauptstadt eine große Wohnung leisten – mit
       Gästezimmer. Für Jurek war das die ideale Ausgangslage, um in Ruhe ein
       Zimmer zu suchen. Oder sogar eine eigene Wohnung.
       
       Der Student forstete die einschlägigen Portale durch, absolvierte
       mehrstufige Castings für Wohngemeinschaften auch am Stadtrand, von denen er
       mehr als eine Stunde zur Uni hätte fahren müssen. Nur ein Zimmer bekam er
       nicht. Auch, weil er nicht 700 Euro oder mehr für eine Minibutze aufbringen
       konnte. Er blieb dann bei seiner Schwester – zwei Jahre lang. Ging schon
       irgendwie. Glück muss man halt haben.
       
       Für den großstädtischen Wohnungsmarkt ist Jureks Fall typisch. Man rückt
       zusammen, weil es nicht anders geht. Viele Familien ziehen inzwischen
       Trennwände in ihre Wohnungen, um Raum für Kinder zu schaffen, oder auch
       Zwischenetagen aus Holz. Manche ziehen aufs Land. Denn Umziehen innerhalb
       von Großstädten in eine größere Wohnung ist für Normalverdiener:innen
       unbezahlbar.
       
       In München etwa liegt der durchschnittliche Preis für eine angebotene
       Wohnung mittlerweile bei 25 Euro pro Quadratmeter. Bizarrer Nebeneffekt: In
       der bayerischen Landeshauptstadt steigen die Mieten kaum noch an. Weil sich
       das niemand mehr leisten kann.
       
       ## Über die Hälfte spart fürs Wohnen beim Wesentlichen
       
       Doch selbst diejenigen, die eine einigermaßen bezahlbare Wohnung haben,
       müssen sich mittlerweile Sorgen machen. Denn bei 58 Prozent der
       Mieter:innen wurden im vergangenen Jahr die Mieten weiter erhöht, verrät
       [1][der Mietenreport 2026]. Der Anstieg führe in Deutschland mittlerweile
       „zu einer Sozialstaatskrise“, sagt Melanie Weber-Moritz, Präsidentin des
       Deutschen Mieterbundes, bei der Vorstellung des Reports am Dienstag. Der
       Mieterbund hat dafür amtliche Statistiken und aktuelle wissenschaftliche
       Studien ausgewertet und über 1.000 Mieterinnen und Mieter befragt.
       
       Die Ergebnisse sind besorgniserregend: Wegen gestiegener Mieten habe mehr
       als die Hälfte der Mieter:innen weniger Geld für die Altersvorsorge
       zurückgelegt. Jede:r Vierte habe an gesunden Lebensmitteln gespart. 15
       Prozent sogar an der eigenen Gesundheit, etwa bei Ausgaben für Medikamente
       oder Zahnersatz. „Das muss man sich klarmachen: Menschen sparen am Essen,
       an Medikamenten oder an ihrer Altersvorsorge, damit sie ihre Wohnung
       bezahlen können“, sagt Weber-Moritz.
       
       Fast ein Drittel der Mieter:innen fürchtet demnach, künftig die Wohnung
       nicht mehr bezahlen zu können. Im Fall von Einkommensverlust durch
       Arbeitslosigkeit, Krankheit oder Trennung könnte ein Viertel die Wohnung
       noch höchstens drei Monate halten. Jeder Zehnte sogar nur noch einen. „Das
       heißt: Für Millionen Menschen kann eine ganz normale biografische Krise
       sehr schnell zur Wohnkrise werden“, so Weber-Moritz.
       
       Deshalb müsse das Problem grundlegend angegangen werden. Weber-Moritz
       fordert zum Beispiel einen bundesweiten Mietenstopp. Zwar wurde der einst
       in Berlin eingeführte Mietendeckel von Gerichten gestoppt. Aber nur, weil
       dem Land dafür die rechtliche Kompetenz fehlte. „Aber der Bund kann das“,
       erklärt Weber-Moritz. Ein [2][Mietsteigerungsverbot für etwa sechs Jahre]
       würde den Menschen die größten Sorgen nehmen.
       
       ## Bauen, kaufen, stoppen
       
       Notwendig ist laut Mieterbund aber auch eine [3][Verdopplung der
       Sozialwohnungen von derzeit nur noch einer Million auf zwei Millionen] bis
       zum Jahr 2030. Und anders als bisher müsse für einmal vom Staat geförderte
       Wohnungen dauerhaft eine Mietpreisbindung gelten. Denn derzeit fallen
       Wohnungen nach 15, 20 oder 25 Jahren aus der Förderung heraus – und werden
       dann frei verfügbar als Spekulationsobjekt.
       
       Weber-Moritz begrüßte daher die Schaffung einer
       Bundeswohnungsbaugesellschaft, die zuletzt von der SPD vorgeschlagen wurde.
       „Wir halten es für eine sehr gute Idee, dass der Staat die Hand drauf hat“.
       Dringend müsse auch über die Nutzung von kommunalen Flächen für Wohnungsbau
       nachgedacht werden. Denn auch die Bodenpreise seien so stark gestiegen,
       dass hier ein Deckel wünschenswert sei.
       
       Aber mit Neubau allein sei der Bedarf an Sozialwohnungen nicht zu decken.
       Es müssten Wohnungen angekauft werden, so Weber-Moritz. Als ultima ratio
       müsse auch eine Vergesellschaftung möglich sein, wie sie aktuell in Berlin
       diskutiert wird. Ziel müsse sein, dass mindestens ein Drittel des
       Wohnungsmarktes in kommunaler oder gemeinnütziger Hand sei. Es sei falsch,
       dass die [4][Bundesregierung den Ländern dafür die Möglichkeit] nehmen
       wolle.
       
       ## Bundesregierung will beim Wohngeld kürzen
       
       Die Politik der schwarz-roten Koalition stößt der Mieterbund-Präsidentin
       auch an anderer Stelle auf. Geradezu absurd sei angesichts der Lage auf dem
       Wohnungsmarkt, dass [5][die Bundesregierung das Wohngeld kürzen will]. Das
       sei sozial- und wohnungspolitisch der falsche Weg, sagte Weber-Moritz. „Das
       beseitigt keine einzige Ursache, sondern erhöht das Risiko, in die
       Wohnungslosigkeit abzurutschen“.
       
       Zwar gebe es durchaus auch positive Entwicklungen. Die Mietpreisbremse zum
       Beispiel wirke dort gut, wo sie eingesetzt werden könne, sagte
       Weber-Moritz. Allerdings hätten viele Mieter Angst, ihre Vermieter zu
       verklagen.
       
       Vor diesem Problem steht mittlerweile auch Jurek S. Denn er hat eine kleine
       Wohnung gefunden – für 13,50 Euro pro Quadratmeter bei einem der großen
       Wohnungskonzerne. Das sei der ortsübliche Preis, behauptet der Vermieter
       frech, auch wenn die Miete rund 45 Prozent über dem Mietspiegel liegt. Ab
       50 Prozent wäre es strafbarer Wucher und ein Fall für den Staatsanwalt. So
       aber muss S. selbst vor Gericht ziehen.
       
       [6][Mietexperten haben ihm geraten, einzuziehen und die Klage kurz vor dem
       Auszug einzureichen], um sich Ärger mit dem Vermieter zu ersparen. Aber das
       müsste Jurek S. sich erstmal leisten können.
       
       *Name bekannt, aber von Redaktion geändert
       
       1 Sep 2026
       
       ## LINKS
       
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 (DIR) [2] /Massnahmen-gegen-den-Mietenwahnsinn/!6208739
 (DIR) [3] /Studie-zu-Wohnungsmangel/!6145930
 (DIR) [4] /Vergesellschaftung-von-Wohnungskonzernen/!6192870
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 (DIR) [6] /Mietspiegel-Kaelte-Dauerlaerm-Untermiete-Rechte-kennen-und-dafuer-kaempfen/!6202511
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Gereon Asmuth
       
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