# taz.de -- Knasttheater aufBruch spielt Lessing: Ein Platzhalter für eigene Gedanken
> Das Berliner Gefangenentheater aufBruch spiegelt in einer
> Open-Air-Inszenierung von Lessings Ideendrama „Nathan der Weise“ Debatten
> der Gegenwart an dem Klassiker.
(IMG) Bild: Das Gefängnistheater aufBruch spielt „Nathan der Weise“ von Lessing open air in der Berliner Jungfernheide
Unterhalten sich ein Kamel und mehrere Esel, wohnhaft in Jerusalem, über
Aufklärung, wird ihr Zuhause zum Stall des im Vorderen Orient gut
vernetzten jüdischen Händlers Nathan. Sie schleppen sich durch die Wüste
mit all den Waren, auch noch im Jahr 2026, sind sie doch die Karawane in
Gotthold Ephraim Lessings Ideendrama „Nathan der Weise“.
Nun landen sie in einer grünen Oase in Berlin, dem Freilufttheater in der
Jungfernheide. Und hat Lessing die Lasttiere 1779 noch zum Schweigen
verdonnert, erobern sie jetzt selbstbewusst die Bühne. Kostümbildnerin
Elena Chant hat das aufBruch-Ensemble in charmante karierte Sackkleider
gesteckt, in die reichlich Karotten passen. Denn immer mal wieder lümmelt
die kommentarfreudige Karawane auf der Bühne rum und frisst entspannt
Möhren.
AufBruch, Berlins Gefangenentheater, das die Naturbühne in der
Jungfernheide seit sechs Jahren mit Freigängern, ehemaligen Gefangenen und
SchauspielerInnen bespielt, widmet sich das erste Mal in seinem fast
30-jährigen Bestehen Lessings Ideendrama „Nathan der Weise“. Die sich
Schritt für Schritt entwickelnde Freundschaft zwischen dem jüdischen
Händler Nathan, dem Sultan Saladin und dem Tempelherrn Kurt von Stauffen im
Jerusalem zu Zeiten der Kreuzzüge wird mit Empathie und Humor performt.
So stattet Ali seinen Tempelherrn mit einem sympathisch durchlässigen
Panzer aus Duktus und Körpersprache eines Neuköllner Bros aus. Und Para
Kialas Nathan steht, als sie sich das erste Mal begegnen, vor Saladin in
der größtmöglichen Einfachheit. Der reiche Kaufmann ist ihm ausgeliefert,
da er absolute politische Macht hat, das wird greifbar in Kialas
Körperhaltung. Die Arme seitlich an den Körper gepresst, scheint es, als
würde er die Luft anhalten, um so wenig Raum wie möglich einzunehmen.
Eingerahmt wird Lessings Theaterstück von Texten, die sich an der
Realitätstauglichkeit seines Toleranzideals abarbeiten. So klopfen
[1][George Tabori], der [2][israelische Dramatiker Joshua Sobol] und der
dänische Autor Christian Lollike Lessings „Nathan“ auf unterschiedliche
Weise ab in den 1990ern und Nullerjahren. Hat man sich also gerade auf die
Lessingschen Figuren eingestellt, wird man durch die Kommentarkarawane,
mehr aber noch durch im Chor gesprochene Einwürfe unsanft aus der
Lessingschen Komfortzone geschleudert.
Sprechchoreinschübe sind Programm beim langjährigen aufBruch-Regisseur
Peter Atanassow. In der Jungfernheide schleudert der Chor Gedanken über
Lessing und Darwin, über die Macht der kulturellen Prägung bis zur
Behauptung, dass „Lessing lügt“ im Stakkato ins Publikum. Die Gedanken
schlagen Purzelbaum beim Zuhören, so viel wird angerissen. Und dann kommt
die schüchterne, in ihren Lebensretter verknallte Recha um die Ecke und es
geht mit Lessing weiter.
Pure Leichtigkeit durchzieht die Bühne, eine filigrane, einen Palast
andeutende Eisenkonstruktion, durch die sattes Baumgrün schimmert, wenn das
Keyboard ertönt. Das Ensemble, insbesondere solistisch Juliette Roussennac,
gibt Schlager zum Besten, die thematisch an „Nathan den Weisen“ andocken.
So ist das Lied „Salome“, von Arthur Rebner 1920 verfasst, voller
kultureller Zuschreibungen. In der Jungfernheide wird es flankiert von
einem witzig-ironischen Bauchtanz.
Und mittendrin die Ringparabel, bei der das gesamte Ensemble wie eine
schützende Mauer hinter dem transparenten Bühnenbild steht. Beide
Nathan-Darsteller, Para Kiala und Sven-Eric, die sonst alternierend
agieren, stehen jetzt zusammen Saladin gegenüber und erzählen von den drei
monotheistischen Religionen in Form von Ringen.
Und man versteht so deutlich wie selten, Nathans/Lessings Ring, der „vor
Gott und Menschen angenehm zu machen“ verspricht, ist der Platzhalter für
den eigenen Willen. Da Lessing in persona auftreten darf, brechen sich
wilde Diskussionen über sein Stück und das Wesen der Vernunft Bahn. Viel
kann an dem Abend nebeneinander und auch gegeneinander stehen und
befruchtet sich gegenseitig bei dieser Premiere wenige Tage vor der
Schicksalswahl in Sachsen-Anhalt.
3 Sep 2026
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## AUTOREN
(DIR) Katja Kollmann
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