# taz.de -- Sammelband zum Postliberalismus: Vorwärts in die Vergangenheit?
> Der Postliberalismus setzt Gemeinwohl und Tradition an die erste Stelle –
> und verstrickt sich in neue Widersprüche. Ein Sammelband gibt einen
> Überblick.
(IMG) Bild: Wie kleinteilige Traditionen die kapitalistischen Stürme überstehen sollen, lassen die Postliberalen offen
Die liberalen Demokratien stecken in einer existenziellen Krise. Die
Antiliberalen sind in allen im weiteren Sinn westlich geprägten Demokratien
verblüffend synchron auf dem Vormarsch, von den USA bis Sachsen-Anhalt, von
Chile bis Schweden. Der Rechtspopulismus und Rechtsextremismus politisiert
gärende Ängste und Sehnsüchte, auf welche die kalten, individualisierten
liberalen Gesellschaften keine Antworten haben. Nach dem Mauerfall 1989
hielten viele die liberale Demokratie für das Ende der Geschichte. Und
jetzt der Ermüdungsbruch. Warum jetzt?
Eine Denkrichtung aus den USA hat eine funkelnde Antwort parat. Der
Liberalismus, so der postliberale US-Intellektuelle Patrick J. Deneen,
stirbt nicht, weil er Opfer sinistrer Mächte wird, oder, wie man in
Deutschland meint, von faschistischen Wiedergängern stranguliert wird. Der
Liberalismus geht, so Deneen, an seinem Erfolg zugrunde.
In dem Moment, in dem er kulturell, politisch und wirtschaftlich
triumphiert, beginnt sein unaufhaltsamer Abstieg. Auf Hybris folgt Verfall.
Die gesellschaftlichen Bindungskräfte schwinden. Oben schottet sich eine
abgehobene superreiche Elite ab, unten regiert Verzweiflung über das
gebrochene Versprechen, dass sich Arbeit und Leistung lohnen. Der
radikalisierte Individualismus setzt Fliehkräfte frei, die die Legitimität
des liberalen Systems selbst untergraben – das ist die Kernthese der
Postliberalen. Zudem befreit der Liberalismus das Ich von allen möglichen
Zwängen – aber diese Emanzipation hat Kollateralschäden. Dass möglichst
viel Ich-Autonomie für möglichst jedes Mitglied einer Minderheit das Ziel
der Geschichte ist, glauben nur noch ganz hartnäckige Anhänger der
Wokeness.
Zu viel Ich, zu wenig Wir. Zu viel Freiheit, zu wenig Bindung, so die
Analyse [1][der Postliberalen]. Der britische katholische Postliberale
Adrian Pabst glaubt, dass „der Liberalismus die kulturellen und religiösen
Wurzeln zerstört, von denen er abhängt“, und „Vertrauen und die Beteiligung
der Menschen an Entscheidungsprozessen unterminiert, die für das
Funktionieren liberaler Institutionen unerlässlich sind.“
Trump und Konsorten sind so gesehen nicht die Mörder, sondern die
Totengräber eines morschen Systems, das an sich selbst scheitert. Dieser
Gedanke ist, wie alle dialektischen Wendungen, erst mal brillant. Und auf
jeden Fall anregender als die Mixtur aus Kopfschütteln und Händeringen, mit
der hierzulande Trump oder Weidel oft bedacht werden.
Der Sammelband „Postliberalismus?“, herausgegeben von Veith Selk und Julian
Nicolai Hofmann, zeichnet die Geländeverläufe der etwas unübersichtlichen
Debatte nach. US-Vertreter wie Deneen und der Harvard-Jurist Adrian
Vermeule sind Konservative, die viel von der Kritik der US-Kommunitaristen
an John Rawls Liberalismus-Begriff recyceln. Der Brite Pabst plädiert für
ein katholisch grundiertes Gesellschaftsbild, das er mit einem
sozialdemokratisch anmutenden Lob des eingehegten Rheinischen Kapitalismus
verbindet. Das Fragezeichen im Titel des Bandes ist insofern gezielt
gesetzt. Ist Postliberalismus eine eigenständige politische Theorie oder
Denkrichtung? Oder nur eine schnittige Neuinszenierung älterer
Liberalismus-Kritik? Alle Postliberalen eint, dass sie ins Zentrum nicht
die Freiheit rücken, wie die Liberalen, sondern das Gemeinwohl.
Gelegentlich hat man beim postliberalen Diskurs den Eindruck, auf einer
Familienfeier gelandet zu sein, bei der man die Insider-Witze nicht
versteht. Manche Aufsätze in diesem Band klingen so: „Wie Autor X
(mittelbekannter Soziologe) bereits feststellte, hat Autor Y
(mittelbekannter Historiker) zu dem Problem Z (Fachwort, das auch
ideengeschichtlich Gebildete erst mal googeln müssen) mit Rekurs auf Autor
XY (vergessener katholischer Intellektueller) die wesentlichen Fragen
gestellt.“ Das gilt keineswegs für das kundige Vorwort von Selk und
Hofmann, das einen soliden Überblick über die Verästelungen der Debatte
verschafft.
Postliberalismus setzt auf traditionelle Bindungen wie Religion und
Familie, die von dem Emanzipations- und Flexibilierungsfuror der liberalen
Moderne ausgelöscht zu werden drohen. Die Mischung aus Kapitalismuskritik
und Skepsis gegenüber individuellen Freiheitsverheißungen erinnert an die
Analyse der linken Soziologin Nancy Fraser, die die Fusion von
linksliberaler Identitätspolitik und rüdem neoliberalem Klassenkampf in dem
Begriff progressiver Neoliberalismus zusammenfasste.
Die Postliberalen allerdings haben keine [2][Analyse von Klasse oder
Interessen] anzubieten. Gelegentlich taucht zwar die Arbeiterklasse als
eine zu beschützende Gruppe auf – aber sie wirkt in den Texten wie eine
Beschwörungsformel und nicht wie ein Begriff, der reale ArbeiterInnen,
digitale Crowdworker oder migrantische DienstleistungsarbeiterInnen meint.
Recht vage wirkt auch das Gemeinwohl als Fluchtpunkt des postliberalen
Plans. Wer es definiert, wer es schützt, bleibt unbestimmt. Die
postliberalen Denker verschwenden keine Sekunde darauf, wie ihr
kleinteiliges Traditions-Bullerbü die Stürme des Kapitalismus überstehen
soll. Das wirkt fast schon kurios naiv.
Das macht den Postliberalismus zu einem dankbaren Ziel für
ideologiekritische Kanonaden. Die deutsche Philosophin Elif Özmen widmet
Deneen und Pabst eine schneidende Generalabrechnung als schlecht getarnte
Gegenaufklärung. Außer der Verteidigung von natürlichen Ordnungen und einem
unhinterfragbaren Tugendkanon, der um Familie, Nachbarschaft, Disziplin und
Religion kreist, hätten die Postliberalen nichts anzubieten. Diese
Traditionen aber seien „sprudelnde Quellen für Ungerechtigkeiten“ (Özmen),
die Denker wie Deneen kritiklos verehren.
Den Postliberalismus treibt somit eine eigentümliche Dialektik an. Er ist
ein scharfes Diagnose-Tool, aber als politische Handlungsanleitung
verstanden, schafft er genau das Gegenteil von dem, was er anstrebt. Die
Rhetorik des Gemeinwohls verdampft, der Postliberalismus wird zum
Sonntagsreden-Dekor eines rechtslibertären Autoritarismus. So rechtfertigt
der Star-Jurist Vermeule Trumps Feldzug gegen die Justiz und Deneen ist zum
Stichwortgeber von J. D. Vance geworden. Neuerdings redet Deneen einem
Aristo-Populismus das Wort, einem Bündnis von aristokratischer Elite und
Arbeiterschaft, das ungut nach antidemokratischen Ideen müffelt.
Diese Entwicklung ist kein zufälliges Versagen, sondern, so der
Politikwissenschaftler Ingolfur Blühdorn, das Ergebnis des einfältigen
Gesellschaftsbildes der Postliberalen. „Weil die Traditionsbestände, die am
postliberalen Lagerfeuer beschworen werden, heute bestenfalls noch
Restwärme abgeben, können sie als real-politische Leitbilder nur mit Gewalt
durchgesetzt werden“, so Blühdorn. Viele Postliberale landen beim
Trumpismus, der ihr Gemeinwohl-Ideal offenkundig verhöhnt.
Betrachtet man die Sache sportlich, dann stehen die liberalen KritikerInnen
des Postliberalismus auf dem Siegerpodest. Als theoretischem Gegenentwurf
fehlt es dem Postliberalismus an allem: an soziologischer Genauigkeit,
historischer Analyse, intellektueller Begründungstiefe. Allerdings wäre es
ein Fehler, diesen Sieg misszuverstehen. Die Antworten der Postliberalen
mögen kläglich sein, ihre Kritik an den blinden Flecken des Liberalismus
bleibt.
7 Sep 2026
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