# taz.de -- Nein zu EU-Gesprächen: Island zeigt kalte Schulter
       
       > Europa bekommt einen Korb: 52,8 Prozent der Isländer lehnen neue
       > EU-Beitrittsverhandlungen ab. Eindrücke von einem Wahltag, der das Land
       > spaltete.
       
 (IMG) Bild: „Die Leute sind damit aufgewachsen, dass der Einzelne einen ganz, ganz großen Wert hat“
       
       Die beiden isländischen Welten liegen in ihrer Schicksalsnacht sehr nah
       beieinander, in doppelter Hinsicht. Die Ja-Seite feiert in der Kunsthalle
       von Reykjavik, die Nein-Seite nur eine Ecke weiter im Kolaportið-Gebäude.
       Beide warten gespannt auf die Antwort des Volkes: Soll Island mit der EU
       über einen Beitritt verhandeln oder die Idee gleich begraben?
       
       Der Rennen ist lange knapp. Mal jubelt die eine Seite, mal die andere. Doch
       am frühen Sonntagmorgen zeichnet sich ab: Es wird ein Nein. 52,8 Prozent
       der Isländer lehnen [1][die Wiederaufnahme der Beitrittsgespräche] ab, 47,2
       Prozent stimmen dafür.
       
       Die ersten Zahlen aus dem ersten Wahlkreis waren spät am Abend gekommen:
       3901 dafür, 5806 dagegen, ungefähr 40 zu 60 Prozent. „Das ist auf dem Land,
       war zu erwarten“, kommentiert jemand auf der Ja-Party. Die Veranstaltung
       dort wirkt wie eine launige Kulturnacht. Viele gut gekleidete Besucher,
       ausgefeiltes Licht, an der weißen, kirchenschiffhohen Decke zirkuliert das
       Wort „Já“ als Projektion.
       
       Ganz anders die Nein-Party: Club-Atmosphäre, dunkle Wände, wenig Licht,
       dafür viele isländische Flaggen. Eine halbe Stunde vor Mitternacht jubeln
       sie dort über neue Zahlen – und vier Minuten später dann wieder in der
       Kunsthalle: Die ersten Ergebnisse aus Reykjavik sind da, und die Ja-Seite
       übernimmt erst mal die Führung.
       
       ## Erste Gespräche bereits nach der Bankenkrise 2008
       
       Die Ja-Fraktion warb mit einer stabileren Währung, einer geregelten
       Zinspolitik, dem Ausbremsen der „korrupten Superreichen“ und der Chance, in
       geopolitisch unsicheren Zeiten Teil einer starken Gemeinschaft zu sein. Die
       Gegner hielten dagegen: Island brauche die EU nicht, ein Beitritt sei zu
       teuer, die Mitgliedschaft gefährde [2][die Kontrolle über den
       Fischereisektor] und führe zu noch mehr Regulierungen.
       
       „Lügen und Geld“, klagt ein Europabefürworter auf der Ja-Party. Die
       Nein-Bewegung Áfram Ísland habe in den letzten Wochen massiv Werbung
       gemacht und Angst vor der EU geschürt. Er glaubte schon am Anfang des
       Abends nicht mehr an einen Erfolg für seine Sache, als andere noch
       optimistisch waren – wie der 26-jährige Erlingur Sigvaldason, der
       monatelang für die Ja-Seite mit Menschen überall in Island telefoniert hat.
       „Überraschend positiv“ sei das in den letzten Tagen auch bei Anrufen auf
       dem Land noch gelaufen. Er gehört zu der Liberalen Reformpartei von
       Außenministerin Þorgerður Katrín Gunnarsdóttir – der größten
       EU-Befürworterin Islands, die nun erstmal klein beigeben müssen.
       
       Auch zum Missfallen von Paal Frisvold. Der Norweger war jahrelang das
       Gesicht der norwegischen Pro-EU-Bewegung. Nach der Bankenkrise 2008 hatte
       Island erstmals mit Brüssel verhandelt, da war er in offizieller Funktion
       hier, um dem kleineren nordischen Bruder auf den Weg zu helfen. Doch die
       Gespräche scheiterten 2013 unter einer konservativen Regierung.
       
       Was hier passiert, sei so wichtig für Norwegen, deshalb wollte er beim
       Referendum vor Ort sein, das erzählt er beim Gespräch mit der taz. Und er
       erlebe ein anderes Island als damals: selbstbewusst, mit starker
       Wirtschaft, international präsent. Es sei damit kein typischer
       Beitrittskandidat, das fand er besonders interessant.
       
       ## Der Wert der Unabhängigkeit
       
       Weniger interessant als ärgerlich sind für den EU-Überzeugten, der lange in
       Brüssel gelebt hat, viele Aussagen der Gegner. Wie die seines norwegischen
       Gegenspielers, des Politikers Mimir Kristjanson: Die EU würde etwa bei der
       Währungspolitik wohl kaum besonders Rücksicht auf das kleine Island nehmen,
       hatte der im Interview mit der taz gesagt.
       
       Frisvold widerspricht: Die EU sei eine konsensbasierte Organisation, in der
       Island genauso viel Redezeit habe wie Deutschland. Doch die Ja-Seite
       beklagt, dass die Gegner mit irrationalen Ängsten vor dem Verlust von
       Selbstbestimmung und Unabhängigkeit Stimmung gemacht hätten.
       
       Kristof Magnusson ist darüber wenig erstaunt. [3][Der deutsch-isländische
       Schriftsteller] hat das Land seines Vaters schon in einer
       „Gebrauchsanweisung für Island“ erklärt, und seine Erkenntnisse kann er
       schnell auch auf die EU-Debatte münzen: Er sei tief überzeugt davon, dass
       Island nie in die EU eintreten werde, egal ob es jetzt ein Ja oder Nein
       gäbe, das sagte er der taz eine Woche vor dem Referendum.
       
       Der Wert der Unabhängigkeit sei dort zu bedeutend, nicht zuletzt als ein
       Land in Europa, das nicht Kolonialmacht, sondern Kolonie war. Die
       Unabhängigkeit von Dänemark 1944 ist Anlass ihres Nationalfeiertags, und
       die geringe Größe der Bevölkerung Anlass für ein starkes
       Unabhängigkeitsbedürfnis auch auf kleiner Ebene – in einem Land, in dem
       immer alle mit anpacken mussten, damit es funktioniert. „Die Leute sind
       damit aufgewachsen, dass der Einzelne einen ganz, ganz großen Wert hat“, so
       Magnusson.
       
       Sein Eindruck sei, dass die Isländer das Thema einfach in gewissen
       Zeitabständen einmal diskutieren müssten, für ihr eigenes
       Selbstverständnis. „Da werden viel innenpolitische Konflikte verhandelt,
       typische Stadt-Land-Konfliktlinien“, sagte er.
       
       ## Familienkonflikte wegen Referendum
       
       Die isländische Ministerpräsidentin sorgte schon mal diplomatisch vor am
       Samstag: Ob Nein oder Ja gewänne, sei für Island gleichermaßen akzeptabel.
       „So oder so werden wir immer noch Teil des Europäischen Wirtschaftsraums
       sein“, das sagte Kristrún Frostadóttir der ausländischen
       Journalistentraube, die ihr gerade bei der Abgabe ihrer Stimme auf Schritt
       und Tritt gefolgt war. Die Wahlhelfer lachten über die Menge von
       Journalisten, die sich hinter der Regierungschefin durch die Tür drängten.
       So etwas hatten sie noch nie erlebt.
       
       Frostadóttir lobte die isländische Bevölkerung für ihren Umgang dem Thema,
       das ja auch emotional aufgeladen sei. „Wir haben über Dinge gesprochen,
       über die wir vorher noch nie gesprochen hatten. Wir werden gestärkt daraus
       hervorgehen.“
       
       Bei Menschen, die den Konflikt im persönlichen Umfeld erleben, klang es
       einen Hauch weniger positiv als bei der Regierungschefin, aber immer noch
       gelassen. So etwa bei der 38-jährigen Kristin, die kurz nach der
       Ministerpräsidentin mit ihrem Mann und ihrer Tochter das Wahllokal betrat.
       In ihrer Familie spürt sie den EU-Konflikt hautnah: Alle außer ihr stimmten
       mit Nein, erzählte die angehende Lehrerin. Deshalb mieden sie das Thema
       lieber. Ob sie fürchte, dass der Streit eskaliere, wenn das Ergebnis
       feststehe? „Nein, das ist okay“, sagte sie. „Es ist erlaubt, verschiedener
       Meinung zu sein.“
       
       Statistisch gesehen hatte die isländische Bevölkerung sich in dieser Frage
       fast in zwei Hälften geteilt – allerdings mit mehr Ja-Wählern im urbanen
       Großraum Reykjavik und mehr Nein-Sagern in ländlichen Regionen der Insel.
       Aber auch in Frostadóttirs Nachbarschaft zeigt sich die Nein-Fraktion: Die
       Bewegung „Afram Island“, von EU-Befürwortern wegen ihrer scheinbar
       unerschöpflichen finanziellen Mittel gefürchtet, lädt im Gebäude neben dem
       Wahllokal zum Kaffee ein.
       
       Eine Familie, die Frau in isländischer Tracht, erklärte im Vorbeigehen ihre
       Gründe für ein Nein: Schon die Verhandlungen mit der EU verschlängen zu
       viel Geld, das man besser investieren könnte, sagte die Frau. Ihr Mann
       ergänzte, ein EU-Beitritt sei ein Minusgeschäft für das wohlhabende Island
       – sie müssten mehr zahlen, als sie bekämen. Außerdem verliere das Land die
       Kontrolle über die Fischerei, und die Landwirtschaft profitiere ebenfalls
       nicht.
       
       Der Taxifahrer auf dem Weg vom Wahllokal zurück in die Stadt hatte nach
       eigener Beobachtung noch eine Gruppe junger Nein-Sager ausgemacht: junge
       Männer, die sich von den einfachen, oft falschen Botschaften der
       Rechtspopulisten beeinflussen ließen. „Die benehmen sich wie Donald Trump“,
       sagte er. Sein Sohn gehöre zu denen, die das gut fänden.
       
       Auch in seiner Familie seien EU-Debatten tabu. Er selbst stimme mit Ja,
       alles andere sei unsinnig. Er wolle Island in der EU sehen und hoffe, dass
       dadurch die „Korruption in der Fischindustrie“ ende. „Ich warte schon sehr
       lange auf diesen Tag“, sagte der Taxifahrer Noch einer von denen, die jetzt
       erst einmal ihre Enttäuschung verdauen müssen.
       
       30 Aug 2026
       
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       ## AUTOREN
       
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