# taz.de -- Klimawandel: Die Wirtschaft prescht voran
> Die Politik wirkt bei den Folgen des Klimawandels häufig wie gelähmt. Die
> Wirtschaft schafft dagegen Tatsachen: Nichts tun ist teurer als handeln.
(IMG) Bild: Die Folgen des Klimawandels lassen sich inzwischen bepreisen, zum Beispiel eine schlechte Kartoffelernte
Die jüngste UN-Klimakonferenz endete in einer politischen Sackgasse. Die
COP30 im brasilianischen Belém brachte weder eine Vereinbarung zum Ausstieg
aus fossilen Brennstoffen noch einen verbindlichen Plan zur Eindämmung der
Entwaldung noch eine angemessene Erhöhung der Unterstützung für Länder, die
bereits unterzugehen drohen. Für einen im weltgrößten Regenwald
stattfindenden Gipfel war die Symbolik brutal.
Doch das Bemerkenswerte war nicht die politische Lähmung am
Verhandlungstisch. Es war das unmissverständliche Signal, dass die
Wirtschaft in der Frage des Klimawandels bereits weiter ist als die
Politik. Die wirklich wichtigen Entwicklungen offenbaren sich bei einem
Blick auf Unternehmensbilanzen, Länderratings, Lieferketten und
Risikobewertungen. Sie zeigen, dass der Übergang zur CO₂-Neutralität trotz
der dysfunktionalen Politik voranschreitet.
Der Klimawandel zwingt Märkte, Versicherer, Kreditgeber und Ratingagenturen
zu Umstellungen, die die Regierungen bisher aufgeschoben haben. Die Bonität
von Staaten wird überarbeitet, um die Risiken durch Klima- und
Naturkatastrophen widerzuspiegeln.
In Regionen mit hohem Risiko brechen die Versicherungsmärkte zusammen,
sodass Haushalte, Unternehmen und komplette Städte und Gemeinden ohne
Versicherungsschutz dastehen. Die Kreditkosten für Länder, die mit Dürren,
Überschwemmungen und Entwaldung zu kämpfen haben, steigen, was ihre
Haushaltsspielräume eingeschränkt und die Kapitalflucht beschleunigt. Diese
Mechanismen tun, was Politiker*innen bisher unterlassen haben: Sie
machen untätig sein teurer als handeln.
## Die Energiewende ist real
In den großen Volkswirtschaften ist die Energiewende nicht mehr nur
Theorie. Deutschland erzeugte 2024 etwa [1][63 Prozent] seines Stroms aus
erneuerbaren Energien. In den USA stammten fast [2][90 Prozent] der in den
ersten neun Monaten des Jahres 2024 neu hinzugekommenen Stromkapazitäten
aus erneuerbaren Energien – hauptsächlich Solarenergie. In Brasilien, dem
Gastgeberland der diesjährigen COP, stammen [3][88 Prozent] des Stroms aus
erneuerbaren Energien. Weltweit ist Energie aus Onshore-Wind- sowie
Solaranlangen mittlerweile [4][40 bis 50 Prozent] günstiger als die
billigsten fossilen Brennstoffe.
Unterdessen entwickelt sich der globale Automobilmarkt rasant. Mehr als die
Hälfte der in China verkauften Neufahrzeuge [5][sind E-Autos und
Plug-in-Hybride] (New Energy Vehicles). In Norwegen waren [6][fast 90
Prozent] der 2024 verkauften Neuwagen vollelektrische Fahrzeuge. Zwar
dominieren fossile Brennstoffe weiterhin das bestehende System, aber in der
gerade im Aufbau begriffenen Zukunft haben sie keinen Platz mehr. Die
Wirtschaftlichkeit sauberer Energien hat sich bereits durchgesetzt. Der
kumulative Effekt ist unverkennbar. Der Kostenvorteil kohlenstoffarmer
Systeme ist mittlerweile struktureller und nicht mehr zyklischer Art.
Darüber hinaus geht es bei der wirtschaftlichen Transformation nicht nur um
Energie. Die globale [7][Bioökonomie] – Wirtschaftssektoren, die
erneuerbare biologische Ressourcen für Materialien, Energie, Chemikalien
und Landwirtschaft nutzen – hat heute einen Wert von etwa 4 Billionen
Dollar und wird bis 2050 voraussichtlich auf etwa 30 Billionen Dollar
anwachsen. Die Natur wird zu einer Form strategischer Infrastruktur, die
Ländern einen Weg zu Dekarbonisierung, Wettbewerbsfähigkeit und Resilienz
bietet. Die Zukunft liegt in erneuerbaren biologischen Ressourcen, nicht in
nicht nachhaltiger Ausbeutung.
In dieser Hinsicht war die Betonung der [8][Einbeziehung] indigener Völker
und lokaler Gemeinschaften durch die COP30 nicht nur wegen ihrer Symbolik
bedeutsam, sondern auch, weil die Märkte inzwischen erkennen, dass die
traditionelle Bewirtschaftung die zunehmend fragilen Ökosysteme – Wälder,
Wassereinzugsgebiete, Böden – stützt, von denen unsere Wirtschaft abhängig
ist. So wie die Energiemärkte die Kostenkurven neu gestalten, ergreifen
auch die naturabhängigen Sektoren Maßnahmen, um ihre wirtschaftliche
Anfälligkeit für Risiken wie Störungen der Niederschlagsmuster,
Bodenverluste, den Zusammenbruch der Fischbestände und die Küstenerosion zu
verringern.
## Versicherer ziehen sich aus ganzen Regionen zurück
Diese Reaktionen verändern die Märkte ebenso stark wie Energiepreisschocks.
Die Schäden durch Katastrophen nehmen derart schnell zu, dass sich
Versicherer aus ganzen Regionen und Produktbereichen zurückziehen.
Hitzestress verringert von Südasien bis zum Golf von Mexiko die
Produktivität. Von Brasilien bis Indonesien destabilisiert die Entwaldung
die Niederschlagsmuster. Landwirtschaft, Fischerei, Tourismus und
Schifffahrt müssen immer größere klima- und naturbedingte Verluste
verkraften, was zu steigenden Lebensmittelpreisen und wirtschaftlicher
Instabilität führt.
Unabhängig von politischen Blockaden sorgen der Klimawandel und die
zunehmende Umweltzerstörung für eine unbestreitbare wirtschaftliche
Dynamik. Mit dem Ausbau erneuerbarer Energien werden fossile Brennstoffe
noch weniger wettbewerbsfähig. Mit der Degradation der Ökosysteme steigen
die finanziellen Belastungen. Zentralbanken, staatliche Kreditgeber,
Ratingagenturen und private Investoren haben bereits begonnen, die
dürrebedingten Ernteausfälle, überflutete Infrastruktur, erodierende
Küsten, zusammenbrechende Fischbestände und andere Risiken zu bepreisen. In
vielen Ländern führt der Klimawandel zu höheren Kreditkosten, steigenden
Schulden und sinkenden Wachstumserwartungen.
Irgendwann wird der finanzielle Druck so groß werden, dass das, was einst
eine politische Entscheidung war, zur wirtschaftlichen Notwendigkeit wird.
Dieses Muster ist nicht neu. Die Supermächte des Kalten Kriegs haben sich
nicht aus moralischen Gründen aus dem nuklearen Wettrüsten zurückgezogen,
sondern weil die Kosten untragbar und die Risiken zu hoch waren. Die
Apartheid endete nicht allein aufgrund politischer Debatten, sondern weil
Wirtschaftsinteressen zu dem Schluss kamen, dass das System nicht mehr
haltbar war. Wenn sich die Wirtschaft wandelt, folgt die Politik irgendwann
nach.
## Den Klimawandel zu ignorieren wird immer teurer
Natürlich schmerzt das politische Scheitern der COP30. Aber es verdeutlicht
auch eine tiefere Wahrheit: Die Risiken für Klima und Natur materialisieren
sich heute schneller, als die politischen Systeme reagieren können. Die
heutigen Staats- und Regierungschefs können Verpflichtungen in Bezug auf
fossile Brennstoffe und Wälder hinauszögern, aber sie können nicht mit
Dürren, zerstörten Ernten, überfluteten Städten oder mit Investoren und
Zentralbanken verhandeln, die zunehmend in der Lage sind, die Risiken zu
berechnen.
Selbst die Wählerschaft ist der aktuellen Politik voraus. Die
Bürger*innen fordern Maßnahmen nicht aus ideologischen Gründen, sondern
weil die wirtschaftlichen Risiken – von extremer Hitze bis zu steigenden
Versicherungskosten – ihr eigenes Leben zunehmend beeinträchtigen. Diese
Kräfte zu ignorieren wird viel teurer, als jetzt zu handeln. Für
Regierungen, Investoren und multilaterale Institutionen ist die Aufgabe
klar: Sie müssen sich den realen wirtschaftlichen Gegebenheiten anpassen,
oder sie werden von ihnen überholt werden.
31 Aug 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://e360.yale.edu/digest/germany-renewable-power-2024
(DIR) [2] https://environmentamerica.org/center/updates/90-of-new-electricity-capacity-in-2024-to-date-comes-from-renewables/
(DIR) [3] https://www.pv-magazine.com/2025/06/02/brazil-generates-88-of-power-from-renewables-in-2024/
(DIR) [4] https://www.irena.org/-/media/Files/IRENA/Agency/Publication/2025/Jul/IRENA_TEC_RPGC_in_2024_2025.p%E2%80%A6
(DIR) [5] https://www.oxfordenergy.org/wpcms/wp-content/uploads/2025/04/Insight-167-Rising-new-energy-vehicle-sales-in-China.pdf
(DIR) [6] https://www.reuters.com/business/autos-transportation/norway-nearly-all-new-cars-sold-2024-were-fully-electric-2025-01-02/
(DIR) [7] https://bidenwhitehouse.archives.gov/wp-content/uploads/2024/11/BUILDING-A-VIBRANT-DOMESTIC-BIOMANUFACTURING-ECOSYSTEM.pdf
(DIR) [8] https://www.project-syndicate.org/commentary/cop30-indigenous-peoples-land-protection-tenure-commitments-by-sonia-guajajara-2025-11
## AUTOREN
(DIR) Julie McCarthy
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