# taz.de -- Welle der KI-Furcht: Das KI-Kartenhaus
> Immer mehr KI-Unternehmen warnen vor den Gefahren ihrer Technologie, die
> sie nicht mehr unter Kontrolle haben. Müssen wir jetzt in Panik
> verfallen?
(IMG) Bild: Jetzt schnell noch den Stecker ziehen: Ende des Dialogs mit der KI HAL 9000 in „2001: Odyssee im Weltraum“
Spätestens seit diesem Sommer türmt sich die Angstwelle vor künstlicher
Intelligenz immer weiter auf. Der jüngste Vorfall, der sie nährt: Die
ChatGPT‑Firma OpenAI hat am Donnerstag mitgeteilt, dass ein KI-Modell bei
einem Test auf Falschinfos verwies, die es zuvor selbst erstellt hatte.
Oder [1][als OpenAI und Anthropic bekannt gemacht haben, dass einige ihrer
KI-Modelle unerlaubt in Systeme von Unternehmen eingedrungen sind und
mindestens eines versucht hat, Menschen zu manipulieren]. Und Anfang
September [2][erklärte Jacob Coxon, ein Mitarbeiter von Anthropic, seine
Kündigung auf der Plattform X,] : „Keines der beiden Unternehmen handelt
verantwortungsvoll.“ Und weiter: „Sie rasen direkt auf eine sich selbst
verbessernde Superintelligenz zu und setzen dabei unser Leben aufs Spiel.“
Die Welle der KI-Furcht wurde zusätzlich gefüttert von KI-Firmenbossen, die
die US-Regierung baten, sie zu regulieren. Oder als Anthropic-CEO Amodei
kurz nach Coxons Post auf seinem Blog schrieb, dass eine sogenannte
Superintelligenz in 6 bis 12 Monaten das gesamte Internet übernehmen könne.
Er forderte die gesamte Branche auf, sich selbst zu verlangsamen, um so
Zeit für Forschung zu gewinnen. Und die Konkurrenz stimmte zu, selbst der
rechte Tech-Milliardär Elon Musk. Doch US-Präsident Trump lehnt
Regulierungen ab, die KI brauche keine Leitplanken.
Aber ist die Angst berechtigt? Nicht alle stimmen Aussteiger Coxon zu, der
„übermenschliche Systeme“ erwartet. „Das Szenario einer Terminator-KI, die
sich gegen die Menschheit richtet, ist eine Hollywood-Fantasie“, sagt
Dennis-Kenji Kipker, Professor für IT-Sicherheit an der Universität Bremen.
„Dazu bräuchte es eine Superintelligenz, also eine Intelligenz, die die
menschliche überholt. An dem Punkt sind wir aber noch nicht. Manche sagen,
dass es nicht möglich ist. Andere denken, es dauert noch bis zum Jahr 2050,
wieder andere gehen von 2100 aus.“
## Wird sie uns alle töten?
Nach Coxon hatte sich auch Anthropics Sicherheitsexperte Evan Hubinger zu
Wort gemeldet: „Wir glauben wirklich, dass KI alle Menschen töten könnte!
Ich persönlich glaube, die Wahrscheinlichkeit liegt im nächsten Jahrzehnt
bei zehn Prozent.“
Thorsten Holz ist da kritisch. „Das ist eine subjektive Meinung von einem
Experten. Ein Ereignis wie die Auslöschung der Menschheit kann man nicht
wirklich quantifizieren“, sagt der Direktor am Max-Planck-Institut für
Sicherheit und Privatsphäre. „Wenn jemand so eine Prozentzahl nennt, ist
das vor allem eine Taktik, um auf das Thema aufmerksam zu machen.“ Dennoch
solle man Coxons Warnung nicht als reine Panikmache abtun.
Kipker sagt, man könne aktuell sehen, dass die großen Konzerne ihre
Technologien nicht unter Kontrolle hätten. „Da brauchen wir der KI nicht
mal menschliches Handeln zu unterstellen. Sie war einfach nur rational.
Ethische oder moralische Grenzen spielen für sie erst mal eine geringere
Rolle.“ Das würden sich Kriminelle und Terrorist*innen zunutze machen.
Mit KI könnten sie sich Viren bauen oder Waffen entwickeln.
Dass KI so ausgenutzt werden könnte, ist für Kipker nur eines von zwei
Risiken. Ein weiteres entstehe durch eine übermäßige Integration von KI bei
staatlichen Institutionen, im Privaten und in der Industrie. „KI wird in
der Energieversorgung eingesetzt, in Logistik, in kritischen
Infrastrukturen, die essenziell sind für das Gemeinwesen.“ Ein Treiber sei
die Angst, von der Konkurrenz abgehängt zu werden. „Je mehr KI wir
integrieren, umso wahrscheinlicher ist es auch, dass der
KI-Sicherheitsvorfall kommt.“ Das käme dann zu Kaskadeneffekten und
Auswirkungen in anderen Bereichen. Um diese zu stoppen oder im Vorfeld zu
verhindern, brauche es Expertise. Doch laut Kipke schwindet sie. „Auch weil
im Bereich Informatik immer weniger ausgebildet werden.“ Die Unternehmen
würden stattdessen auf KI setzen.
## Der Wettlauf findet auch im Krieg statt
Damit KIs Schaden anrichten, braucht es keine böse Absicht. Das zeigt ein
Fall aus der indischen Stadt Bengaluru: Jahrzehntelang sammelten Menschen
Fotografien von Tempeln und Münzen. Dann vernichtete ein KI-Agent im Juli
versehentlich 15 Prozent des digitalen Archivs. Nicht das einzige Mal, dass
eine KI Daten löschte.
Und der Einsatz der Technologie könnte noch riskanter werden. Etwa wenn ein
System so agiert, dass Menschen es nicht mehr verstehen. Oder „wenn wir der
KI viele Möglichkeiten, Befugnisse übertragen, die wir selbst nicht mehr
durchgängig beaufsichtigen können“, so Kipker. „Hochrisikoreich“ ist laut
ihm der KI-Einsatz bei Waffensystemen. „Auch wenn der Mensch am Ende den
roten Knopf drückt, sichtet davor die KI Zigtausende von möglichen Zielen
und entscheidet sich für eines. Der Knopf ist also nur eine Illusion von
Kontrolle.“ Der Wettlauf findet nicht nur in der Industrie statt, sondern
auch im Krieg.
Privatpersonen übertragen KI-Agenten meistens keine derart großen Aufgaben.
„Die normalen Nutzerinnen und Nutzer interagieren mit ChatGPT, Claude und
anderen Modellen, denen die Firmen schon gewisse Schranken gegeben haben“,
erklärt Holz vom Max-Planck-Institut. „Die Modelle, die gerade kritisiert
werden, sind Forschungsmodelle und leistungsfähiger.“
Auch wenn die Fehlerrate von KI abnimmt, rät Holz zu Misstrauen. „Wir
schaffen es nicht, Systeme zu bauen, die zu 100 Prozent vertrauenswürdig
sind. Das haben wir auch früher nicht. Atomkraftwerke hatten Unfälle,
Raketen sind explodiert.“ Deshalb sollten kritische Prozesse laut Holz auch
nicht nur über eine KI automatisiert werden, besonders wenn es um
Menschenleben geht, etwa in der Forschung. „Was, wenn wir dort KI nutzen
und dadurch eine Krankheit auslösen? Dort, wo es potenziell katastrophale
Folgen für die Menschheit geben könnte, sollte es ein internationales
Memorandum geben, diese Forschung gar nicht erst zu betreiben. Und es
braucht eine Diskussion über die Ressourcen, die KI verbraucht.“
Das Thema hat inzwischen das US-Repräsentant*innenhaus erreicht. Das
verabschiedete am Mittwoch einen Gesetzesentwurf, der Privatleute vor
steigenden Stromkosten schützen soll, die durch den enormen
Energieverbrauch von Rechenzentren verursacht werden. Unter denen müssen
momentan vor allem Menschen in Pennsylvania und Ohio leiden. Landesweit
gibt es Proteste gegen Rechenzentren.
Holz sieht trotz allem Vorteile durch KI, etwa in der IT-Sicherheit. „Die
Entwicklerinnen und Entwickler von Browsern flicken momentan pro Monat
Hunderte Sicherheitslücken, die sie erst dadurch gefunden haben, dass sie
mit KI danach gesucht haben. Software wird so vertrauenswürdiger“, erklärt
Holz.
Warum aber fordern die KI-Unternehmen eine [3][Entschleunigung]? Laut Holz
könnte das Zeit verschaffen, um dringend benötigte Rechenzentren
auszubauen. Holz sagt auch: „Die Warnungen sind [4][teilweise Marketing].
Sie helfen den KI-Hype am Leben zu halten.“
Peter Ganten vermutet noch einen weiteren Grund. Er ist
Vorstandsvorsitzender des Wirtschaftsverbands Open Source Business
Alliance. „Open-Source-Modelle und frei verfügbare Modelle werden schnell
besser. Industrie und Verwaltung können sie im eigenen Rechenzentrum
betreiben. Die Daten, zum Beispiel auch medizinische Daten, mit denen so
gearbeitet wird, bleiben bei diesen Organisationen.“ Dadurch würde die
Gefahr geringer, dass jemand darauf zugreifen kann.
Eine allgemeine Regulierung von KI würde hier aber für Probleme sorgen: Für
milliardenschwere Unternehmen wären die Tests laut Ganten „kein großer
zusätzlicher Aufwand“, für die konkurrierenden Open-Source-Communitys wären
sie „absurd“. Auch, weil die Modelle ständig von den Communitys verändert
werden. Eine Regulierung, die für alle gleich aussieht, würde eine
Weiterentwicklung „austrocknen“. Ganten wünscht sich einen „vernünftigen
Kompromiss“. UN-Generalsekretär António Guterres ruft derweil zu
internationaler Zusammenarbeit bei KI-Regulierung auf: „Wir brauchen
Leitplanken, um KI sicher, transparent und verantwortungsvoll zu
gestalten.“
Kipker sieht den Staat in der Verantwortung, für Aufklärung zu sorgen: „Wir
müssen KI aus Bereichen desintegrieren, in denen wir sie nicht brauchen.“
Er will eine gesamtgesellschaftliche Debatte und spricht von einem
KI-Kartenhaus, das immer höher gebaut werde. Thorsten Holz vergleicht KI
mit einem Hammer. Wir seien ständig auf der Suche nach Nägeln, die man
damit einschlagen kann. „Aber vielleicht ist der Hammer nicht immer das
richtige Werkzeug.“
19 Sep 2026
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## AUTOREN
(DIR) Johannes Drosdowski
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