# taz.de -- Das Erbe von Walter Rodney: Als Afrikas Geschichte neu erzählt wurde
       
       > Vor über 50 Jahren erschien das Buch „Wie Europa Afrika
       > unterentwickelte“. Ein Werk, das bis heute Relevanz hat, um
       > Entwicklungspolitik zu verstehen.
       
 (IMG) Bild: Walter Rodney war in seinem intellektuellen und politischen Handeln Mächtigen ein Dorn im Auge, 1980 wurde er in Guyana ermordet
       
       Vor fast 70 Jahren begann die [1][Dekolonialisierung] afrikanischer Staaten
       nach jahrzehntelanger europäischer Fremdherrschaft. Doch die formale
       Unabhängigkeit führte damals kaum zu wirtschaftlichen Verbesserungen in den
       Staaten, und noch heute existiert das rassistische Narrativ einer selbst
       verschuldeten Rückständigkeit.
       
       Inmitten dieser Entwicklungen stellte sich der Historiker Walter Rodney die
       Frage: Warum ist Afrika so arm, trotz der Vielfalt an Ressourcen? Seine
       Antwort formulierte er 1972 in seinem Buch [2][„How Europe Underdeveloped
       Africa“], also wie Europa Afrika unterentwickelte. Ein Buch, das bis heute
       wirkt.
       
       Geboren 1942 in Guyana, zu dem Zeitpunkt eine britische Kolonie, wächst
       Rodney in einer politisierten Arbeiterfamilie auf, die für die
       Unabhängigkeit des südamerikanischen Landes kämpfte. Nach dem
       Geschichtsstudium in Jamaika und England geht er nach Tansania, wo unter
       [3][Präsident Julius Nyerere der Aufbau eines afrikanischen Sozialismus,
       der sogenannten Ujamaa, vorangetrieben wird].
       
       In Daressalam, dem damaligen Zentrum afrikanischer Befreiung, beteiligt
       sich Rodney an der Gestaltung einer dekolonialisierten Gesellschaft, die
       sich von europäischer Abhängigkeit lösen soll.
       
       ## Gegen die Kontinuitäten des Kolonialismus
       
       Inspiriert von diesem Umfeld und getrieben vom Widerstand gegen die
       Kontinuitäten des Kolonialismus formulierte er seine Gedanken. In seinem
       Buch erzählt er die Geschichte Afrikas als die einer Ausbeutung durch
       Europa. Es war die [4][erste Gesamtdarstellung der afrikanischen
       Entwicklung aus nichteuropäischer Sicht]. Rodney unterteilte die
       Entwicklung Afrikas in eine Zeit vor der Ankunft europäischer
       Kolonialherren, eine währenddessen und eine danach.
       
       Mit dem Beginn des Sklavenhandels und der Kolonialisierung habe auch die
       aktive Unterentwicklung Afrikas durch das imperialistische Europa begonnen.
       Seine grundlegende These: Wohlstand in Europa und Armut in Afrika hängen
       zusammen und sind zwei Seiten einer Medaille. Afrikanische Arbeitskraft und
       lokale Ressourcen – sowohl materielle als auch ideelle – wurden aus dem
       Kontinent geplündert, zum Vorteil des europäischen Wohlstands.
       
       Mit seiner Ausarbeitung bot Rodney eine radikale Gegengeschichte Afrikas
       an, die er, wie er selbst sagt, besonders an ein afrikanisches Publikum
       richtet. Geschrieben in verständlicher Sprache schrieb Rodney eine
       „Geschichte von unten“, sagt Anil Shah, wissenschaftlicher Mitarbeiter für
       Entwicklungspolitik und Postkoloniale Studien an der Uni Kassel. Und auch
       heute ist seine Botschaft aktuell, sagt Chinedu Chukwudinma, Autor des
       Buches „A Rebel’s Guide to Walter Rodney“.
       
       Dass die ungleichen Abhängigkeiten zwischen Europa und Afrika noch lange
       nicht vorbei sind, zeigt sich beispielsweise im Umgang mit kolonialen
       Verbrechen und dem Hebel der Entwicklungshilfe. Erst 2021 stufte die
       Bundesregierung die [5][Kolonialverbrechen in Namibia offiziell als
       Völkermord ein] und bot als Entschädigung Entwicklungshilfen an.
       
       Das herrschende Narrativ dieser Hilfen – Versöhnung und Großzügigkeit –
       verfestigt neokoloniale Abhängigkeitsstrukturen. Sie verdrängen die Frage
       nach den Strukturen und Ursachen dieser ungleichen und ungerechten
       Verhältnisse. Bis heute bietet das Werk Orientierung, diese zu
       durchdringen.
       
       23 Sep 2026
       
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