# taz.de -- Abschied: Meine Oma will sterben
       
       > Wie geht ein guter Tod? Darf man sich wünschen, dass ein geliebter Mensch
       > gehen darf? Über das, was endet und das, was bleibt.
       
 (IMG) Bild: Grabmahl auf einem denkmalgeschützten Friedhof in Freiburg
       
       Auf einem Bild auf meiner Kommode steht: „Ist Sterben schlimm, Herr
       Professor?“. Es ist ein Geburtstagsgeschenk meiner engsten Freund*innen
       zu meinem 18. Geburtstag, ein Insider. Ich, der mit 18 neben der Schule als
       größtes Hobby in einem kleinen Theater in Bubenheim gespielt hatte und dort
       für die Hauptrolle Unmengen an Text auswendig lernte, hatte damals auch im
       Schultheater-Stück mitgespielt.
       
       Aber die Ambitionen, die ich in Bubenheim hatte, waren in der Schule ins
       Gegenteil verkehrt. Ich wählte die kleinste Rolle von allen, um nicht so
       viel Text lernen zu müssen. Ich war die alte Dame, und das Einzige, was ich
       hätte sagen sollen, war: „Ist Sterben schlimm, Herr Professor?“ Ich konnte
       den Text bei der Premiere natürlich nicht. Meine Freund*innen und ich
       fanden das lustig, und so schenkten Sie mir diesen Satz, eingerahmt.
       
       ## Sie war meine zweite Mutter
       
       Heute sitze ich am Bett meiner Oma. Sie ist 98 geworden. Nichts ist mehr,
       wie es vorher war. Über 26 Jahre hat mich meine Oma in meinem Leben
       begleitet – fast wie eine zweite Mutter war sie für mich. Bis zu meinem
       zehnten Lebensjahr war ich jeden Tag bei ihr. Auch danach noch mindestens
       einmal pro Woche, bis ich die Schule beendet hatte. Sie war eine
       selbstständige Frau. Ihr war Unabhängigkeit so wichtig wie kaum etwas
       anderes. Letztes Jahr noch waren wir alle gemeinsam essen, sie ließ sich
       die Augen operieren.
       
       Jetzt liegt sie in ihrem Bett, das mittlerweile ins Wohnzimmer geräumt
       wurde, und sagt: „Ich will sterben.“ Und ich stelle mir die Frage: [1][„Ist
       Sterben eigentlich schlimm?“] An den Türen hängen Zettel, auf denen steht:
       „Ich möchte unter keinen Umständen stationäre Behandlung.“
       
       Ich beschäftige mich das erste Mal so richtig mit dem Sterben. Was erwidert
       man, wenn jemand sagt, sie will gehen? Wie reagiert man, wenn jemand sagt,
       dass er nicht gedacht hätte, dass das Sterben so schwer sein würde? [2][Bin
       ich ein schlechter Mensch, wenn ich ihr wünsche, dass ihr Wunsch in
       Erfüllung geht?]
       
       ## Abschied nehmen
       
       Es bricht mir das Herz, sie so zu sehen. Weil ich weiß, wie schwer es sie
       kränken muss, plötzlich auf Hilfe angewiesen zu sein. Weil ich weiß, wie
       lange sie ihre Mobilität trotz des hohen Alters genossen hat, und weil ich
       weiß, dass sie noch alles mitkriegt. Sie bekommt mit, wie plötzlich der
       Pflegedienst kommt, wie sie nicht mehr über sich bestimmen kann.
       
       Noch nie hat mich [3][der bevorstehende Tod] eines Menschen so mitgenommen.
       Hat der Tod auch etwas Gutes, etwas Erlösendes? Wann darf jemand selbst
       entscheiden, gehen zu wollen? Ich finde, meine Oma darf das selbst
       entscheiden.
       
       Wie behalte ich sie so in Erinnerung, wie sie es sich wünscht? Als die
       Frau, die mir immer Toleranz vorgelebt hat? Die mir vom Krieg und von der
       Verfolgung erzählt hat in der Absicht, dass ich nie erleben muss, was sie
       erlebt hat? Die Frau, die mir noch vor wenigen Wochen Schiller vorlesen
       konnte und ganz stolz darauf war?
       
       ## Sie ist ein Teil von mir
       
       Dass ich heute bin, wer ich bin, dass ich zu mir selbst stehen kann,
       verdanke ich auch meiner Oma. Sie hat mir gezeigt, dass man weiterkommt,
       wenn man ehrlich ist, und dass es Menschen geben wird, die einen
       bedingungslos lieben.
       
       Es sind die kleinen Momente, die ich nicht vergessen werde. Als ich von den
       Fridays-for-Future-Demos erzählte, machte sie mir Mut, weiterzumachen,
       trotz aller Widerstände. Noch vor wenigen Wochen sprachen wir über die Wahl
       in Sachsen-Anhalt.
       
       Respekt, Toleranz und denen zu helfen, die es schwerer haben. Das ist es,
       was ich von meiner Oma gelernt habe.
       
       Ich will diese Werte in mir weitertragen. Auch, wenn sie geht.
       
       15 Sep 2026
       
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