# taz.de -- Parlamentswahlen in Russland: Das Schweigen vor der „Wahl“
> Der Sieg der Kremlpartei bei den russischen Duma-Wahlen kommende Woche
> steht fest. Dennoch werden alternative Kandidat:innen kaltgestellt.
(IMG) Bild: Auch im Dorf Asowske in den besetzen Gebieten südlich von Cherson lässt Putin abstimmen
Am besten gar nichts sagen – auch so kann Wahlkampf aussehen. „Die
Kandidaten sind in unserem Studio nicht erschienen, deshalb verabschiede
ich mich von Ihnen“, teilte eine flammend rot gekleidete Sprecherin
emotionslos mit. Am 31. August hätte sie eine Wahlkampfdebatte im
regionalen Fernsehsender Oka im Gebiet Rjasan moderieren sollen, aber alle
sechs links und rechts von ihr aufgestellten Redner:innenpulte blieben
leer.
Vom 18. bis 20. September [1][sind alle Wahlberechtigten in Russland dazu
aufgerufen, ihre Stimme abzugeben], um die neue Zusammensetzung der
Staatsduma zu bestimmen. Es sind die ersten Parlamentswahlen seit Beginn
des vollumfänglichen völkerrechtswidrigen Angriffskriegs Russlands auf die
Ukraine 2022. Gleichzeitig stehen Wahlen für 39 Regionalparlamente an, in
acht Regionen wird der Gouverneursposten neu vergeben.
Der russische Machtapparat scheint alles im Griff und für ein passables
Ergebnis Vorkehrungen getroffen zu haben, doch die kriegsbedingten
Rahmenbedingungen sind denkbar ungünstig: heftige [2][Drohnenangriffe auf
die russische Energieinfrastruktur], Benzinengpässe, signifikante
Teuerungsraten bei steigender Steuerlast. Die immensen Kriegskosten werden
zunehmend auf die Bevölkerung abgewälzt.
Zwar wird für 2026 ein geringes Wirtschaftswachstum erwartet, doch die
Inflation steigt. Frust über die Lage und alles andere als rosige
Zukunftsaussichten sollen Privatsache bleiben. Wer sich Aufmüpfigkeit
leistet, und sei es nur, wie in Wolgograd, an einer Tankstelle gemeinsam
eine Petition zu unterzeichnen, wird bestraft oder gleich festgenommen.
Dazu kommen Internetblockaden. Zuspruch finden sie nicht, aber ein Großteil
der Menschen hat mittlerweile gelernt, damit zu leben.
## Kaum unabhängige Beobachtung in den Wahllokalen
Nur rund ein Drittel der Befragten unterstützt die derzeit mit absoluter
Mehrheit in der Duma vertretene Kremlpartei Einiges Russland. Das geht
beispielsweise aus Daten des staatlichen Meinungsforschungsinstituts WZIOM
hervor. Um die Planvorgaben dennoch erfüllen zu können, griff die
federführende Präsidialadministration neben dem üblichen Druck auf
Beschäftigte im öffentlichen Dienst auf weitere bewährte Mittel zurück. So
sind Äußerungen über möglichen Wahlbetrug in Wahllokalen ab sofort
untersagt, da sie das Vertrauen in das Wahlsystem unterlaufen.
Eine unabhängige Beobachtung in den Wahllokalen findet ohnehin so gut wie
nicht statt. Bei einer digitalen Stimmabgabe, wie sie in 32 russischen
Regionen möglich ist, ist sie de facto ausgeschlossen. In Moskauer
Hausfluren hängen Aufrufe zur Onlineabstimmung, auch auf den Straßen der
Hauptstadt finden sich solche Hinweise zuhauf, jedenfalls weitaus mehr als
Parteienwerbung. Eine seriöse Wahlbeobachtung aber wird es natürlich auch
in den Wahllokalen nicht geben.
Selbst Einiges Russland hat seine Ausgaben für die kommenden Wahlen
reduziert. Denn gewinnen wird die Partei so oder so. Von 450 Sitzen wird
die Hälfte per Direktmandat vergeben, allein auf die Hauptstadt Moskau
entfallen 16 Sitze. Die wird Einiges Russland erfahrungsgemäß größtenteils,
wenn nicht gar komplett, mit ihren Vertreter*innen besetzen.
Am treffendsten lassen sich diese Wahlen unter das Motto fassen: Bloß keine
Diskussionen anzetteln. Dabei entstehen kuriose Situationen. Aleksei
Tschernow, Kandidat der Partei für direkte Demokratie, ließ sich bei
Wahldebatten im Ersten Kanal nur ein wenige Sekunden dauerndes Statement
zur Unterstützung von Familien mit Kindern entlocken. Anschließend weigerte
er sich, seine Redezeit auszuschöpfen.
## Wer kritisiert, wird ausgeschlossen
Der streitlustige Kommunist Nikolai Bondarenko aus Saratow hingegen – einer
der populärsten Kader der Kommunistischen Partei KPRF – ließ es sich nicht
nehmen, Einiges Russland vor laufender Kamera in Stücke zu reißen. Prompt
wurde er wegen öffentlicher Zurschaustellung extremistischer Symbole
verurteilt und von den Wahlen ausgeschlossen. Als Vorwand diente die
Verbreitung eines Fotos des 2024 in Haft verstorbenen Oppositionspolitikers
Aleksei Nawalny auf einem mit Bondarenko verbundenen Telegram-Kanal.
Mit ähnlichen Methoden schaltet die Wahlkommission Kandidat:innen
[3][der liberalen Jabloko-Partei aus]. Derzeit dürfen noch 122 von ihnen
für ein Direktmandat antreten – Tendenz sinkend. Jabloko erhielt als
einzige Partei mit einem klaren Antikriegsprogramm zunächst die Zulassung
zu den Wahlen. Im August hatte das oberste Gericht einer fadenscheinigen
Klage der ultranationalistischen Partei Rodina (Heimat) wegen angeblichen
Verstoßes gegen Urheberrechte und ausländischer Finanzierung stattgegeben.
Danach strich die zentrale Wahlkommission Jablokos Liste aus ihrem
Register. Auch bei den Regionalwahlen sieht sich die Partei heftiger
Gegenwehr ausgesetzt.
Im Vergleich zu den Wahlen von 2021, als es in manchen Moskauer Bezirken
durchaus einen lebendigen Wahlkampf gab, fallen die wenigen Stände
einzelner Parteien kaum auf. Vor dem Dynamo-Stadion herrscht reges Treiben,
noch dazu wimmelt es von Polizei. Ein Vertreter der aktuell mit 15
Abgeordneten in der Duma vertretenen Partei Nowyje Ljudi (Neue Leute) wirkt
etwas verloren auf seinem Posten. Für den jungen Mann ist es seine erste
Wahl. Er sammelt Unterschriften für eine Aufhebung der Internetblockade.
Zwei Gesprächspartnern Mitte 20 erklärt er, diese Petition würde zunächst
in die Duma eingebracht, bevor der Präsident sein Machtwort spreche.
„Wir haben es ja nicht mit einer parlamentarischen Demokratie zu tun,
sondern mit einer präsidialen“, argumentiert der Parteivertreter. Am
liebsten sähe er Ex-Präsident Dmitri Medwedjew wieder im Präsidentenamt,
weil dieser seinerzeit als „liberaler Politiker“ angefangen habe. Seine
Zuhörer verbergen ihre Skepsis nicht. Weitaus mehr interessiert es sie
aber, ob es nach den Wahlen zu einer Ausweitung der Mobilmachung kommt. Mit
Verweis auf Insiderquellen verneint der Nowyje-Ljudi-Politiker.
## Jabloko „zu liberal“, KPRF „sowjetische Parteibonzen“
Wünschen würde er sich eine Partei, die die Interessen der
Gesamtbevölkerung vertritt. Jabloko sei ihm „zu liberal“. Unangebracht
fände er auch, dass Jabloko für eine staatliche Entschuldigung wegen der
beiden Kriege gegen Tschetschenien (1994–1996 sowie 1999–2009, Anm. d.
Red.) eintrete. Trotzdem habe er der Urteilsverkündung gegen Jabloko im
obersten Gericht beigewohnt.
Die einzige Chance, etwas zu verändern, bestehe im Moment darin, für
irgendeine Oppositionspartei zu stimmen. Als Wahlkampfhelfer sei er auch
für die Liberaldemokratische Partei und die KPRF unterwegs. Dann
unterbricht er sich. Nein, die KPRF verdiene es nicht, gewählt zu werden,
das seien sowjetische Parteibonzen. „Geben Sie Ihre Stimme besser Nowyje
Ljudi. Sie werden es nicht bereuen!“
14 Sep 2026
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