# taz.de -- Russische Kriegswirtschaft: Putin greift nach Konzernen
       
       > In Russland dürfen Behörden nun Unternehmen verstaatlichen, die sich
       > nicht gegen ukrainische Drohnenangriffe schützen – oder geschützt haben.
       
 (IMG) Bild: Am 16. August zerstört eine ukrainische Drohne Teile eines Lagerhauses des russischen Internethändlers Wildberries
       
       Jetzt helfe „nur noch Hoffen auf ein Wunder“ und „Beten, dass sich die Lage
       wieder normalisiert“ bei der Versorgung mit Benzin und Lebensmitteln. Mit
       drastischen Worten rüttelte Metropolit Jewgenij von der russisch-orthodoxen
       Kirche seine Landsleute im Fernsehen auf.
       
       Nach massiven ukrainischen Drohnenangriffen auf russische Raffinerien gibt
       es trotz russischer Treibstoffimporte aus Indien, Belarus und Kasachstan an
       den meisten Tankstellen aktuell kein Super-Benzin. Auf vielen Farmen kann
       wegen Dieselmangels die [1][Ernte nicht eingebracht werden]. Die
       Agrarexporte über das Schwarze Meer sind wegen der gegenseitigen Angriffe
       in Russland und der Ukraine weitgehend zum Erliegen gekommen.
       
       Nun nutzt Russlands Machthaber Wladimir Putin die ukrainischen
       Drohnenangriffe auf Raffinerien, [2][die Logistikzentren der
       Internet-Handelsriesen Wildberries] und Ozon sowie auf Fabriken: Putin
       erlaubte der Regierung „per Ukas“, also per Dekret, die Verstaatlichung von
       Firmen, die von ihren Eigentümern nicht gegen Angriffe geschützt waren.
       
       Dem Dokument zufolge können „Objekte der kritischen Infrastruktur“ in die
       „vorübergehende Verwaltung“ der Rosimuschchestwo – der Behörde zur
       Verwaltung von Staatseigentum – übergehen. Wenn „Maßnahmen zur
       Gewährleistung“ ihrer Sicherheit „nicht oder nicht rechtzeitig ergriffen
       wurden“ oder nur unwirksame Maßnahmen zur Abwehr von Angriffsbedrohungen
       „unter Einsatz unbemannter Luftfahrzeuge“ ergriffen worden seien. Treffen
       kann es alle „Objekte“, „die für die Gewährleistung der Sicherheit, der
       wirtschaftlichen Stabilität der Russischen Föderation und des Lebens der
       Bevölkerung von besonderer Bedeutung sind“.
       
       ## Machtkampf um private Unternehmen
       
       Von Drohnen wurden inzwischen alle Raffinerien des größten privaten
       russischen Ölkonzerns Lukoil getroffen. In der Vergangenheit hatte Putin
       die staatlich kontrollierten Energiegiganten Rosneft und Gazprom
       ermächtigt, private Konkurrenz zu übernehmen. Auch um die
       Internet-Handelsriesen Wildberries und Ozon herrscht seit Jahren ein
       Machtkampf um die Besitzverhältnisse – sogar mit Toten bei einem Überfall
       auf die Firmenzentrale von Wildberries in Moskau.
       
       An Wildberries sollen seither zwei hochrangige Beamte aus Putins
       Präsidialadministration beteiligt sein, bei Ozon der langjährige
       Putin-Vertraute und Energie-Oligarch Gennadij Timtschenko, wie gerade die
       Antikorruptionsstiftung des in der Haft ermordeten Oppositionellen Alexei
       Nawalny enthüllte. Wildberries und Ozon haben einen Großteil ihrer
       Lagerflächen und dort von Hunderttausenden Firmen zum Versand eingelagerte
       Waren durch Drohnenangriffe verloren. Der Schaden beträgt bereits mehrere
       Milliarden Euro.
       
       Große Chancen zur Drohnenabwehr gibt es in den meisten russischen Regionen
       nicht: Die Luftabwehrsysteme wurden um Moskau sowie um Putin-Paläste bei
       Moskau und am Schwarzen Meer zusammengezogen. Unternehmen wurde erlaubt,
       Luftabwehrsysteme zu kaufen und private Armeen aufzubauen.
       
       Putins Dekret werde zu einer weiteren Verstaatlichungswelle führen, warnt
       der frühere Putin-Redenschreiber Abbas Galljamow, der als Politologe
       inzwischen der Opposition angehört und nach seiner Flucht in Abwesenheit
       von einem Moskauer Gericht zu achteinhalb Jahren Haft verurteilt wurde. Die
       Moskauer Ökonomin Natalia Subarewitsch sieht bei „Enteignungen, dass die
       anschließenden Re-Privatisierungen dem Haushalt nur wenig bringen, dafür
       aber die richtigen, loyalen Leute bedient werden“.
       
       Die jetzt ermöglichten neuen Beschlagnahmungen setzen die Welle der
       Enteignung von Privateigentum fort, von der seit der russischen
       Vollinvasion in der Ukraine 2022 bereits mehr als 800 Unternehmen mit einem
       Gesamtwert von umgerechnet 6,5 Milliarden Euro betroffen sind. Darunter
       waren der größte russische Autohändler, ein Groß-Agrarkonzern, Flughäfen,
       Industriebetriebe, Häfen und Terminals.
       
       31 Aug 2026
       
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