# taz.de -- Spielfilmdebüt „Der Heimatlose“: Manche Rolle spielt man unter Zwang
> Kai Stänickes Spielfilm „Der Heimatlose“ erzählt von einer Rückkehr in
> die Fremde. Sein Regiedebüt ist ästhetisch erstaunlich konsequent
> gestaltet.
(IMG) Bild: Gehört Hein (Paul Boche) in „Der Heimatlose“ wirklich auf die Insel?
Grau tanzen die Wellen über die Leinwand, bis sich ein Boot einsam durchs
Bild schiebt. „Was führt dich bloß an diesen gottverlassenen Ort?“, fragt
der Fährmann, der Hein (Paul Boche) 14 Jahre nach dem Weggang aufs Festland
zurück auf seine Heimatinsel bringt. „Das ist meine Heimat, die kann man
sich nicht aussuchen“, antwortet der blonde Mann mit den kantigen Zügen. In
diesen ersten Sätzen, die in [1][Kai Stänickes formalästhetisch erstaunlich
konsequentem Debüt „Der Heimatlose“] fallen, steckt viel drin.
Was Hein in seiner (vermeintlichen?) Heimat widerfährt, ist höchst
irritierend. Als er in sein altes Dorf kommt, machen alle große Augen,
niemand will ihn erkennen. Weder seine alte und kranke Mutter Mechthild
(Irene Kleinschmidt) noch seine Schwester Heide (Stephanie Amarell), die
sich um Mechthild kümmert. Die war bei der Abreise des Bruders noch sehr
jung, aber auch Heins alter bester Freund Friedemann (Philip Froissant)
taxiert ihn misstrauisch mit zusammengekniffenen Augen. „Du schaust nicht
aus wie Hein, du sprichst nicht wie Hein und du redest Unfug!“ Auch seine
damalige Geliebte Greta (Emilia Schüle) scheint überfordert. Ein fremder
Heimkehrer?
Diese Insel, die für gewöhnlich niemand verlässt, ist nicht nur
gottverlassen, sondern vor allem auch: entrückt. Stänicke zeichnet nach
eigenem Drehbuch eine Welt, in der sich das Parabelhafte seines Stoffes
manifestiert. Die Häuser des Dorfs erinnern in ihrer bühnenhaften Offenheit
an jene aus [2][Lars von Triers Verfremdungsmaschine „Dogville“], Ort und
Zeit der Handlung werden nicht definiert. Die Inselbewohner:innen
sprechen eine altertümliche Sprache, tragen Trachten wie aus einem früheren
Jahrhundert und leben in klassischen Strukturen. Die Männer sind
traditionell Fischer, die meisten Frauen besorgen den Haushalt, alles sehr
puritanisch und ja: auch patriotisch.
In seiner kargen, grauen Ästhetik entwickelt „Der Heimatlose“ aus dieser
sozialexperimentellen Prämisse einen Reflexionsraum über Heimat, Erinnerung
und Identität. Alles drei wird in konkreter Metaphorik als „Angebot,
Zweifel auszuräumen“ verhandelt, buchstäblich. Denn Hein, der für den
Moment im Dorf geduldet wird, soll an drei Prozesstagen dem Dorfgericht
beweisen, dass er der ist, der er zu sein vorgibt. Dorfvorsteherin Gertrud
(Julika Jenkins) orchestriert das Verfahren, bei dem die Erinnerungen von
Bewohner:innen an Ereignisse um Hein mit seinen eigenen abgeglichen
werden.
## Szenen aus seiner Kindheit in der Gegenwart
Stänicke spielt geschickt mit einer stillen Suspense. Denn einerseits
tauchen wir in Heins Erinnerungen ein, wenn der sich an die Herkunft eines
Kratzers auf dem Küchentisch erinnert oder sich zwischendurch Szenen aus
seiner Kindheit in der Gegenwart manifestieren. Zugleich klafft da eine
Lücke, denn vor Gericht korrespondieren seine Erinnerungen nicht mit jenen
der Zeug:innen.
Während Letztere den „echten“ Hein als tadellosen Dorfnachwuchs zeichnen,
der etwa das traditionelle Fischausnehmen als Zehnjähriger perfekt
gemeistert hat, erinnert Hein das Ritual als schlimme Prüfung, an der er
gescheitert sei. Beim „Augenschein“, wie der anschließende Test genannt
wird, scheitert Hein daran, einen Fisch auszunehmen. Damit kann er nicht
von der Insel sein, oder?
Obwohl man bald erahnen kann, in welche Richtung sich „Der Heimatlose“
entwickelt, erzeugt das geschickte Spiel aus Andeutungen, Blicken und
Gesten Spannung in diesem elegischen Identitätstango. Zwischendurch schaut
die Kamera von oben auf das Geschehen, Hein ist dabei oft separiert, doch
in Ameisengröße sehen sie alle gleich aus.
Eine zentrale Rolle spielt im Film das Kartenspiel „Lügen“. Es gewinnt, wer
sein Gegenüber beim Bluff überführt und selbst gut täuscht. Man müsse den
Blickwinkel ändern und das Spiel durch die Augen des Gegenübers betrachten,
heißt es einmal. Darin spiegelt sich eine Frage des Films: Wer sind wir,
wenn andere uns anschauen, oder drastischer: Welche Rolle spielen wir unter
Konformitätszwang? Nein, die Heimat kann man sich nicht aussuchen. Davon
erzählt „Der Heimatlose“ eindrücklich.
31 Aug 2026
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## AUTOREN
(DIR) Jens Balkenborg
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