# taz.de -- Politische Gefangene in Belarus: Kleine Schritte zum „Großen Deal“
       
       > Der US-Sondergesandte John Coale hat seit 2025 Hunderte politischer
       > Gefangener aus Belarus geholt. Doch die Verhaftungen dort gehen weiter.
       
 (IMG) Bild: Politik der kleinen Schritte: US-Sondergesandter John Coale (l.) und Alexander Lukaschenko bei einem Treffen in Minsk, 11. September 2025
       
       Der US-amerikanische Sonderbeauftragte für Belarus, John Coale, führt seit
       mehr als einem Jahr Gespräche mit dem belarussischen Diktator Alexander
       Lukaschenko. Das Ziel der USA ist die Befreiung der politischen Gefangenen
       in Belarus und aktuell sind bereits 500 von ihnen vorzeitig frei gekommen.
       
       Unter ihnen sind die für Belarussen bekannten Persönlichkeiten wie
       Oppositionspolitiker [1][Mykalai Statkevich], Nobelpreisträger [2][Ales
       Bjaljazki] und der ehemalige Präsidentschaftskandidat Wiktar Babaryka. Aber
       die US-Regierung verfolgt in dem kleinen Land im Osten Europas noch weitere
       Ziele.
       
       John Coale ist kein gewöhnlicher Diplomat, sondern ein bekannter Anwalt und
       alter Bekannter von US-Präsident Donald Trump. Als man ihn fragte, ob er
       nach Belarus fahren könne, um dort einen Gefangenen herauszuholen, fragte
       der US-Amerikaner erstaunt: „Belarus? Wo liegt das denn überhaupt?“
       
       Vor dem Treffen mit Lukaschenko gaben Diplomaten dem Trump-Gesandten auch
       Hinweise zur Persönlichkeit seines Gesprächspartners: „Liebt Scherze und
       einen informellen Gesprächsstil“. Übersetzt aus der Diplomatensprache
       bedeutet das ungefähr: Der Politiker neigt selbst in offiziellen
       Situationen zu übertriebener Vertrautheit und plumpem Humor und ist
       gegenüber LGBTQ+-Personen äußerst intolerant.
       
       Coale erfüllte die an ihn als Vermittler gesetzten Erwartungen. Bei einem
       der ersten Treffen floss der Wodka in Strömen, Lukaschenko schimpfte heftig
       über Europa und machte zweideutige Witze. Der Amerikaner stimmte dem
       Gastgeber zu, den gereichten Wodka aber goss er unbemerkt auf den Boden.
       „Er lacht gerne, also haben wir mitgelacht“ – so erklärte Coale, wie er die
       Kunst, sich auf seinen Gesprächspartner einzustellen, zu seiner
       Verhandlungsstrategie gemacht hat.
       
       ## Das „Drehtür-Prinzip“
       
       Einer von Coales ersten Erfolgen war die Freilassung des
       belarussisch-amerikanischen Anwalts und Oppositionspolitikers Youras
       Ziankovich im April 2025. Seine Verhandlungsformel beschrieb der Gesandte
       mit den Worten: „Es sind kleine Schritte. Man muss klein anfangen.“
       
       Nach jedem „kleinen Schritt“ stieg die Zahl der Freigelassenen. Im Juni
       2025 kamen 14 politische Gefangene auf freien Fuß, im September schon 52,
       [3][im Dezember 123] und [4][im März 2026 kamen gar 250 Menschen frei].
       
       Doch gleichzeitig sah sich die amerikanische Seite hier mit dem
       konfrontiert, was Menschenrechtsaktivisten als „Drehtür-Prinzip“
       bezeichneten – Verhaftungen und politisch motivierte Gerichtsverfahren
       gingen weiter, und an die Stelle der Freigelassenen traten sofort neue
       politische Gefangene. [5][Lukaschenko sah in seinen Gegnern lediglich ein
       Druckmittel im Verhandlungsspiel mit dem Westen] und füllte den
       „Austauschfonds“ rasch wieder auf.
       
       Außerdem kann man die Geschehnisse nur bedingt als „Freilassung“
       bezeichnen. Bis März 2026 wurden fast alle in Belarus Begnadigten unter
       Bewachung [6][in benachbarte Länder der EU bzw. in die Ukraine
       abgeschoben], ohne Rückkehrrecht. Dort fanden sich die Menschen ohne
       Ausweispapiere, ohne Sprachkenntnisse, ohne Verwandte und ohne Eigentum
       wieder. In Belarus wurden derweil sofort neue Strafverfahren gegen sie
       eingeleitet.
       
       Zwar forderten die Amerikaner: „Hört auf, Menschen zu verhaften und aus
       ihrer Heimat zu vertreiben.“ Doch Minsk ging darauf nur bedingt ein, denn
       Lukaschenko hat nicht vor, seine repressive Innenpolitik zu ändern.
       
       ## USA heben Sanktionen auf
       
       John Coales „Diplomatie des gegenseitigen Vertrauens“ trug Früchte. Als
       Reaktion auf die Begnadigung von mehreren Hundert politischen Gefangenen
       hob Washington die Sanktionen gegen den Export von belarussischem
       Kalidünger (eine wichtige Einnahmequelle für die Staatskasse) und gegen die
       nationale Fluggesellschaft Belavia auf und gestattete Lukaschenko den Kauf
       von Ersatzteilen für seine private Boeing. Trump übergab dem belarussischen
       Diktator einen Brief, der vertraulich mit „Donald“ unterzeichnet war.
       
       In einem Gespräch mit Journalisten erinnerte sich Coale, wie Lukaschenko
       mitten in einer Erörterung der politischen Agenda unerwartet bemerkte, dass
       der US-Gesandte abgenommen habe. Coale nannte ihm ein Präparat zur
       effektiven Gewichtsabnahme. Und nachdem sich der belarussische Gastgeber
       über sein eigenes Übergewicht beklagt hatte, brachte Coale ihm beim
       nächsten Besuch genau dieses Medikament mit. Schon bald war der
       belarussische Diktator deutlich schlanker. Parallel dazu liefen
       Verhandlungen über einen „großen Deal“ (Big Deal) – eine groß angelegte
       Amnestie für Dissidenten in belarussischer Haft, die Rückkehr der
       US-Botschaft nach Minsk und ein persönliches Treffen zwischen Trump und
       Lukaschenko.
       
       Die Strategie der US-Regierung, die politische Gefangene faktisch zu einer
       Verhandlungsmasse gemacht hat, stieß sowohl bei Teilen der belarussischen
       Opposition als auch bei europäischen Politikern auf Unverständnis. Denn
       dieses Verhandlungsszenario wiederholt sich seit zwei Jahrzehnten – das
       schon erwähnte „Drehtür-Prinzip“. Anders als die USA hat die Europäische
       Union die Sanktionen gegen das belarussische Regime nicht aufgehoben und
       besteht auf politischen Reformen im Land.
       
       ## Verhandlungen stagnieren, doch Hoffnung bleibt
       
       Nach der [7][Freilassung des bekannten Vertreters der polnischen Diaspora
       in Belarus, Andrzej Poczobut], im April 2026 versprach Coale optimistisch
       „weitere Freilassungen im Laufe des nächsten Monats“. Dass seitdem nichts
       mehr passiert ist, können oder wollen beide Seiten nicht erklären. John
       Coale äußerte sich nur auf Social Media zum Stand der Verhandlungen: „Wir
       sind noch nicht fertig. Die Hoffnung bleibt!“
       
       Eine Rückkehr zum „großen Deal“ ist möglich. Neben der Freilassung
       politischer Gefangener hatte Washington klare Erwartungen. Denn Lukaschenko
       ist für die USA [8][als potenzieller Kommunikationskanal zu Putin von
       Interesse]. Darüber hinaus wird man in Iran, mit dem die Vereinigten
       Staaten im Krieg stehen, höchstwahrscheinlich auf Lukaschenkos Meinung
       hören. Im Gegenzug bieten die USA dem belarussischen Politiker an, seine
       internationale Handlungsfähigkeit zu stärken und möglicherweise Einfluss
       auf die harte Haltung Brüssels gegenüber Minsk zu nehmen.
       
       Der September verspricht für Alexander Lukaschenko vor dem Hintergrund des
       bevorstehenden Gipfeltreffens der Shanghaier Organisation für
       Zusammenarbeit (SCO) im kirgisischen Bischkek und einer möglichen
       Wiederbelebung der Verhandlungen mit den USA diplomatisch turbulent zu
       werden.
       
       Aus dem Russischen Gaby Coldewey
       
       28 Aug 2026
       
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